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Karlsruher Händel-Festspiele

Von der Frau zum Mann in 45 Minuten: Selbstversuch in der Maske des Badischen Staatstheaters

In der Maske des Badischen Staatstheaters schlüpft unsere Redakteurin in die männliche Titelrolle der Händel-Festspiele, die am Freitag in Karlsruhe starten.

Caroline Steinhage ist Chefmaskenbildnerin am Badischen Staatstheater in Karlsruhe. Ihr Spezialgebiet in der Maske: Männer. BNN-Redakteurin Isabell Steppeler erfährt das am eigenen Leib. Foto: ARTIS - Uli Deck

Wer am Badischen Staatstheater den Kopf verliert, findet ihn im dritten Obergeschoss. Aus Gips. Dort kann man zu einer Glatze ebenso kommen wie zu einer fülligen roten Mähne. Bekommt Falten oder die Wangen einer 17-Jährigen. Bei Bedarf wird eine Frau auch zum Mann. Oder unsere Redakteurin namens Isabel Steppeler zu Jakub Joséf Orliński, dem Shooting-Star unter den Counter-Tenören. In Profi-Händen dauert das keine 45 Minuten.

Gipsköpfe eines jeden, der irgendwann auf die Bühne muss, stehen in Regalen. Es gibt ein Labor, in dem es ziemlich giftig riecht, Schubladen voller fein säuberlich sortierter Haarbüschel in allen erdenklichen Farben und Längen. Und saure Gummibärchen.

Die 24 Masken-Mitarbeiter sind auch Seelenklempner

Für den allabendlichen Zauber der Verwandlung haben die 24 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der „Maske“ nicht nur alle Hände voll zu tun, Sänger, Schauspielerinnen oder Tänzer zu anderen Charakteren zu schminken. Sie sind auch Seelenklempner und Stimmbandschmeichler.

Ihre nötige Portion Empathie für nervöse, redselige oder auch völlig schweigsame Darsteller ist aber erst zwei Stunden bevor sich der Vorhang hebt und am Ende einer langen Reise gefragt, die mit den Entwürfen der Kostümbildner beginnt und bis zur Premiere einer neuen Produktion einige Wochen dauert. Bevor es ans Schminken geht, wird entworfen, bestellt, geknüpft und frisiert.

Die vielen Fäden dafür zieht Chefmaskenbildnerin Caroline Steinhage. Die hochgewachsene Frau aus Wiesbaden disponiert in ihrer Abteilung alles vom Dienstplan bis zum richtigen Pinsel und Pigment. Sie teilt ein, wer wann wen schminkt und sie sieht zu, dass alle Materialien zur richtigen Zeit geliefert werden.

Vorher/Nachher: Bewegen Sie den Schieber nach links und rechts (Fotos: Uli Deck/Artis)

Und das bei laufendem Betrieb – rund ein Dutzend Produktionen hat die Maske gleichzeitig zu betreuen. 24 Maskenbildner inklusive dreier Lehrlinge stehen Steinhage zur Seite. Abends betreuen sie eine Vorstellung, tagsüber entstehen neue Perücken oder auch Bärte für die nächste neue Oper. Dann verwandelt sich die Werkstatt in eine Handarbeits-Stube: Wer Zeit hat, knüpft tausende Haare in der richtigen Farbe und Länge einzeln auf feinmaschigen Tüll. Jede Perücke ist eine Maßanfertigung. Bis zur fertigen falschen Haarpracht vergehen 40 bis 80 Stunden.

Je länger und heller, umso teurer - Echthaarperücken kosten bis zu 1.000 Euro

Die Haare sind echt und kommen meist aus Indien. Im Hinduismus ist das Opfern der Haare ein Ritus. Haarfabriken färben sie und sortieren sie nach exakter Länge. Für eine Herrenperücke braucht man 80 bis 120 Gramm, für eine Damenperücke mit langen Haaren 200 bis 240 Gramm. Je länger, je heller, umso teurer – lautet die Formel. Eine blonde Langhaarperücke liegt bei 900 bis 1.000 Euro.

Damit eine Perücke passt, wird von jedem neuen Ensemblemitglied und allen Choristen ein Gipsabdruck des Kopfes gefertigt und der Haaransatz markiert. Der stumme Gorny steht neben Brownlee im Regal, Schlingenspiepen neben Feinstein. Bekommen sie neue Rollen, ist quasi ihr Köpfchen gefragt. Komplizierter wird es, wenn Solisten gastieren – etwa bei den Händel-Festspielen. Aber auch dafür hat Steinhage ihre stummen Helfer. „Ich hab hier 100 Holzköpfe stehen.“ Aus Zeiten, als man noch keine Gipsabdrücke goss. Und einer der Holzköpfe passt zum Haupt eines gastierenden Darstellers.

So auch zu David Hansen. Mit ihm fegt erneut ein Wirbelsturm über die Maske. Und großer Spaß. Der Countertenor singt die Titelpartie in der Wiederaufnahme der quirligen Inszenierung von „Serse“, die vor einem Jahr bei den Händelfestspielen herauskam. Aber mit Franco Fagioli. Und der hat einen anderen Kopf.

Während also Hansen mit neuer Perücke auf der Bühne wirbelt, sind hinter den Kulissen acht Maskenbildnerinnen ununterbrochen beschäftigt mit „Umzügen“. Kein Darsteller sieht in zwei Szenen gleich aus. Und Serse zieht sich ständig um. „Das ist ein choreografiertes Ballett zwischen Maskenbildnern und Ankleidern in eigens dafür vorgesehenen kleinen Kabinen“, erklärt Steinhage.

In üblichen Produktionen sind es vier, bei „Serse“ jedoch acht Kabinen. „Serse ist auch hinter der Bühne ein Rausch der Farben und Energien“, schwärmt Steinhage. Eine hilft den Sängerinnen in das neue Kostüm, die andere tupft ihnen den Schweiß ab, richtet die Frisur, zieht den Lippenstift nach und pudert frisch.

Vor jedem Auftritt muss ein Darsteller zum Check-up der Maskenbildnerin. Und die tut gut daran, sich anhand der Musik zu merken, wann sie fertig sein muss mit den Reparaturen. Zwei Stunden, bevor sich der Vorhang hebt, beginnt die Maske. Die Darsteller erscheinen nach Schminkplan. Wichtig ist dann, ihnen ein gutes Gefühl zu geben. Oder saure Gummibärchen – gut für die Stimme? Manche schwören darauf.

So wird man zum Maskenbildner

Um all das zu gewährleisten, ist mehr vonnöten als eine ruhige Hand für den Lidstrich. Für den Weg vom Entwurf des Kostümbildners bis zur ersten Aufführung sind auch Gespür für Oper und Stilkunde gefragt. Zum Maskenbildner wird man in drei Lehrjahren und hat optimalerweise eine Ausbildung zum Friseur absolviert.

Caroline Steinhage leitet die Maske am Badischen Staatstheater in Karlsruhe. Foto: ARTIS - Uli Deck

So wie Caroline Steinhage. Nach dem Abitur in Wiesbaden wurde sie dort zur Friseurin und absolvierte nach dem Besuch einer privaten Maskenbildnerschule ihre Ausbildung am Badischen Staatstheater, wo sie übernommen wurde. Nach Stationen in Mainz, Bonn und Aachen, in Kiel und Heilbronn dann als Chefmaskenbildnerin kam sie 2018 zurück nach Karlsruhe Ihr Spezialgebiet in der Maske: Männer.

Um auszusehen wie Tolomeo, braucht Jakub Joséf Orliński in der Neuinszenierung bei den Händelfestspielen keine Perücke. Will eine Frau aber aussehen wie der polnische Titelheld, findet Steinhage das richtige Haar im Fundus und macht sich routiniert ans Werk für eine Verwandlung im Zeitraffer.

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