Mit Datenbrille im Theaterfoyer: CyberRäuber-Mitglied Björn Lengers demonstriert die Technik der Produktion „Virtual Freischütz“. | Foto: Jüttner

VR-Oper in Karlsruhe

Schweben durch einen Raum voller Musik

Anzeige

Schwerelos schwebt man durchs All. Ringsum Sterne, geradeaus ein riesiges rotes Geflecht wie aus Dornen. Inmitten davon eröffnet sich ein runder Raum wie eine kleine Arena. Darin erscheint Kammersänger Konstantin Gorny und singt die Arie des finsteren Kaspar „Schweig, damit dich niemand warnt“ – ein erster Eindruck aus der Virtual-Reality-Installation „Virtual Freischütz“, die an diesem Freitag am Badischen Staatstheater Karlsruhe erstmals öffentlich präsentiert wird.

Neue Technik trifft altes Medium

„Das soll keine Konkurrenz oder gar ein Ersatz für die eigentliche Aufführung sein“, betont Björn Lengers vom Produktionsteam. Der Medienkünstler ist mit seinem Kollegen Marcel Kamapke seit 2016 als „CyberRäuber“ aktiv. Ihr Ziel: die neue Technik Virtual Reality mit dem alten Medium Theater verbinden, um beide zu bereichern. Denn: „Virtual Reality ist, entgegen der landläufigen Meinung, nicht ein Film in 360-Grad-Optik, sondern ein künstlicher Raum, in dem der Besucher sich bewegen und zu dem er sich verhalten kann“, erklärt Lengers. „Während Film die Blickrichtung des Zuschauers lenkt, stellt sich bei Virtual Reality die Frage, wie man in einem Raum die Aufmerksamkeit der Benutzer lenken kann – und das tut Theater seit Jahrtausenden.“

Projekte im Südwesten

Neben Arbeiten in Dortmund, Berlin und Weimar waren die beiden Berliner auch schon im Südwesten aktiv. Für die Schillertage am Nationaltheater Mannheim adaptierten sie Schillers Novelle „Der Geisterseher“. Am Theater Baden-Baden steuerten sie zur Inszenierung „Der goldne Topf“ von Intendantin Nicola May die Technik bei, die es den Darstellern ermöglicht, ein virtuelles Bühnenbild aufzubauen und zu verändern. „Das passt zu der Geschichte des Studenten Anselmus, der sich eine märchenhafte Parallelwelt schafft“, erklärt Lengers.

„Das ist keine Realität“

Nebenbei betont er, den Ausdruck „Virtual Reality“ nicht sehr zu schätzen: „Was wir hier künstlich schaffen, ist ja keine Realität, sondern ein virtueller Raum, aber der Ausdruck hat sich nun mal etabliert.“
Im Geist dieser Differenzierung steht auch seine Haltung zum Einsatz der neuen Technik: „Ziel ist nicht, dass jeder im Theater eine VR-Brille aufhat und in seine eigene Welt abtaucht. Das Besondere an Theater ist ja, dass man gemeinsam etwas erlebt.“ Wie sich das mit VR erreichen lässt, das erforschen die „CyberRäuber“ nun in einem dreijährigen Projekt der Bundeskulturstiftung. Neben einer Opern- und einer Ballettproduktion in Karlsruhe ist eine Schauspielproduktion in Linz vorgesehen.

Vier Viertelstunden

„Virtual Freischütz“ bietet vier Episoden von je 15 Minuten. „Für diese Dauer ist das ungewohnte Gefühl des künstlichen Raumes auch für VR-Neulinge gut auszuhalten“, befindetLengers. Die Notwendigkeit, die Oper in Fragmente aufzuteilen, habe auch zu großer künstlerischer Freiheit geführt: „Weil bei uns jede Episode für sich selbst stehen soll, mussten wir keinen verbindenden dramaturgischen Bogen schaffen“, erklärt Lengers die unterschiedlichen Ansätze der Fragmente. Während Kaspar über der bodenlosen Schwärze des Alls singt, tritt Ännchen (Agnieszka Tomaszewska) in einem Irrgarten auf. Eine Arie von Agathe (Ina Schlingensiepen) spielt auf zwei Ebenen, während man in der Episode zu Max durch ein virtuelles Gebirge aus Bildern des Sängers Matthias Wohlbrecht streift.

Digital ist für alle

Nicht zuletzt findet Lengers das aktuelle Projekt spannend, weil es mit dem Opernstoff ein weit verbreitetes Klischee aushebelt: „Ein häufig anzutreffendes Denkmuster an Theatern ist: ,Oh, die machen was Digitales, das ist doch was für unser junges Publikum.‘ Wir wollen aber nicht nur neue Leute ins Theater locken, sondern auch bei Theatern und ihrem Besucherstamm Interesse für neue Technik wecken.“

Termine

„Virtual Freischütz“ Karlsruhe: 26. April, 5., 8., 15. Mai. Jeweils vier Zeitfenster für je vier Besucher. Eintritt frei, verbindliche Anmeldung über die Theaterkasse, Telefon (07 21) 93 33 33. Hier geht’s zur Homepage.
„Der goldne Topf“ Baden-Baden: 8., 12., 13., 27. Mai. Hier geht’s zur Homepage.