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Düstere Epoche vor gespenstischer Leere

Warum das Theater Pforzheim den „Trafikant“ als Premiere ohne Publikum herausbrachte

Nur ein Prozent der Plätze war besetzt, als im Theater Pforzheim „Der Trafikant“ nach dem Roman von Robert Seethaler Premiere hatte. Das Stück hat dennoch seine Wirkung nicht verfehlt.

Nach dem ersten Anschlag: Der Trafikant (Lars Fabian, Mitte), der ihm Ersten Weltkrieg ein Bein verlor, beklagt, dass sein Laden mit antijüdischen Parolen beschmiert wurde. Ringsum: David Meyer als Metzger Preininger, Myriam Rossbach als Frau Doktor, Bernhard Meindl als Passant und Nicolas Martin als Franz Huchel (von links). Foto: Sabine Haymann

Es gärt unter denen, die für das kulturelle Leben im Land sorgen. Um es vorsichtig auszudrücken. Mancherorts herrscht einfach Wut. Zorn. Zwar wird allenthalben Verständnis für die Not der Politiker bekundet, Maßnahmen zur Bekämpfung von Covid-19 beschließen zu müssen.

Aber dass die Arbeit der Theater, Museen, Konzerthäuser und ähnlicher Einrichtungen unter der Rubrik „Freizeit“ abgetan und damit gleichgestellt wurde mit Saunen und Spaßbädern, Discos oder Dorfkneipen (so es sie noch gibt) – das schmerzt. Dabei haben gerade diejenigen, die der Kunst ein Forum bieten, nach dem ersten Lockdown alle Anstrengungen unternommen, um dem Publikum größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten.

Statement gegen Schließung

Zu denen, die gegen die neuerliche Schließung der Kulturorte ihre Stimme erhoben, gehört das Theater Pforzheim. Dessen Intendant Thomas Münstermann und sein Leitungsteam haben ein öffentliches Statement herausgebracht. Darin werfen sie den regierenden Parteien von Bund und Ländern vor, „großen Schaden in der gesamten Kulturlandschaft“ angerichtet zu haben, und sie erklären: „Wir setzen uns ein für eine freiheitliche Kultur, die niemals stillhält. Am allerwenigsten in Krisenzeiten.“

Papiertigergebrüll? Keineswegs. Den Worten folgte die Tat. Am Samstag brachte das Theater Pforzheim seine jüngste Inszenierung heraus: „Der Trafikant“ nach dem Roman von Robert Seethaler. Als Premiere ohne Publikum.

Ein Landei in Wien

Womöglich ließen sich die Pforzheimer von ihrem Stoff inspirieren. An einer entscheidenden Stelle des Romans gibt der Psychoanalytiker Sigmund Freud dem jungen, unsicheren Franz Tuchel zu verstehen: Manchmal sei es notwendig, ein Zeichen zu setzen. Von seiner Mama wurde Franz, das Landei aus dem Salzkammergut, nach Wien geschickt, damit er dort bei dem Trafikanten Otto Trsnjek ins Arbeitsleben einsteigt.

Ein Sprung mitten in das immer wirrer werdende politische Geschehen der späten 1930er-Jahre, das mit dem Anschluss Österreichs 1938 seinen Tiefpunkt findet. Fortan hieß das Land Ostmark und es herrschten die Nationalsozialisten. Denen ist der freigeistige Trafikant Trsnjek ein Dorn im Auge. Er wird verhaftet und zu Tode gefoltert.

Daraufhin beschließt Franz, inzwischen gereift und von seinem erotischen Erweckungserlebnis mit der fröhlich illusionslosen Böhmin Anezka geläutert, ein Zeichen zu setzen. Vor der Gestapo-Zentrale reißt er nächtens eine Hakenkreuz-Fahne herunter und ersetzt sie durch die Hose des ermordeten Trafikanten.

Ein Prozent der Plätze besetzt

Das alles als Premiere vor leerem Zuschauerraum. Mit einer Rezensentin und vier Rezensenten ist lediglich ein knappes Prozent der über 500 Plätze im Großen Haus besetzt. Umso bewundernswerter, wie es das Ensemble schafft, die dramatische Spannung aufrecht zu erhalten.

Insbesondere Nicolas Martin als Franzl hat einiges zu leisten, um die Wandlung vom naiven Muttersöhnchen zu einer eigenständigen Persönlichkeit zu verdeutlichen. „Burschi“ nennt ihn Anezka, die den Franz lebensunpraktisch, aber sexuell anziehend findet: „Schießen kannst net, aber ein hübsches Popscherl hast.“

Eindrucksvoll, wie Johanna Miller die schillernden Facetten der Rolle von frech bis melancholisch, von leichtsinnig bis pragmatisch rüberbringt. Eben noch die scheinbar unbeschwerte junge Frau, bald darauf die Nachtclubtänzerin, die nach einer akrobatischen Showeinlage kühl kalkulierend zwei um sie buhlende Männer in Schach hält.

Aber auch Jens Peter als Sigmund Freud wirkt überzeugend, was kein leichtes Unterfangen ist, nachdem Bruno Ganz in der Verfilmung des Seethaler-Romans den Vater der Psychoanalyse gespielt hat, der angesichts der zunehmenden Judenverfolgung nach London emigriert. Michaela Fent als Mutter kommt es vorwiegend zu, aus den Briefen des Sohnes zu zitieren, Lars Fabian legt den Trafikanten Tresnjek ruhig und unaufgeregt an.

Dafür müssen Myriam Rossbach, David Meyer und insbesondere Bernhard Meindl eine Fülle kleinerer Rollen von der Briefträgerin bis zum Pfarrer oder SS-Mann meistern, wobei sie in den Kostümen von Milena Keller Unterstützung finden.

Am Tag des schwersten Angriffs

Der Regisseur Sascha Mey nutzt für die Pforzheimer Produktion ein reiches Repertoire inszenatorischer Möglichkeiten inklusive Schattenspiel und chorischem Deklamieren. Geschickt werden ein überdimensionales Tabak-Trafik-Schild und die Goldvorhänge einer Tingeltangelbühne als Akzente eingesetzt.

Ansonsten verstrahlt das Bühnenbild von Jörg Brombacher die Düsternis einer düsteren Epoche. Welches Schicksal Franz ereilt, der nach seiner Fahnen-Aktion verhaftet wird, lässt „Der Trafikant“ offen. Das Schlussbild zeigt Anezka am 12. März 1945 auf der Suche nach Franz, ihrem Kurzzeit-Geliebten. Über ihr das Dröhnen der alliierten Verbände, die an diesem Tag ihren schwersten Angriff auf Wien flogen. Ihr Ziel war die Raffinerie im 21. Gemeindebezirk Floridsdorf.

Opfer wurden vorwiegend Kulturbauten: Staatsoper, Burgtheater, Albertina… Wenn dieser Schluss wie die Premiere selbst auch ein Zeichen sollte: Dieses Ausmaß an Zerstörung ist durch den zweiten Lockdown glücklicherweise nicht zu befürchten.

Ansonsten: kein Applaus, kein Vortreten des Ensembles. Gespenstisch.

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