Wenn sich Musiker neu erfinden
Tom Neuwirth jetzt mit blondem Bart und Kurzhaarfrisur wirbt für das Musikprojekt Wurst. | Foto: Sony Music

Metamorphosen

Wenn sich Musiker neu erfinden

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Berlin (dpa) – Als bärtige Dragqueen Conchita Wurst gewann Tom Neuwirth mit «Rise Like A Phoenix» den Eurovision Song Contest – eine Sensation. An den Erfolg von 2014 anzuknüpfen, ist schwer. Viele hatten daher schon länger erwartet, dass sich Neuwirth von seiner Kunstfigur verabschiedet.

Damit spielt er nun bewusst und verändert sich – zu sehen beim Wiener Opernball, wo er mit Glatze auftauchte. Für sein neues Musikprojekt hüllte er sich in schwarzes Latex.

Jetzt gibt es den Österreicher in zwei Rollen – mal feminin, mal maskulin, als Diva Conchita und als Fetischbursche Wurst, der von der Plattenfirma Sony als «Electro-Newcomer» vermarktet wird. «Identitätssuche als Marketing-Gag», schrieb die österreichische Zeitung «Der Standard» dazu. Im Video zur Single «Hit Me» ist Neuwirth kaum wiederzuerkennen: Bart und Haare in silber-blond, der Körper durchtrainiert.

Größere Verwandlungen haben auch viele andere Musiker hinter sich. Etwa der Volksmusiker Heino («Schwarzbraun ist die Haselnuß»), der auf seine alten Tage Rammstein und den Hardrock entdeckte. Oder Wolfgang Petry: Dieser nahm 2006 Abschied vom «Wolle»-Leben mit Mähne und Freundschaftsbändern. Zwischenzeitlich hieß er Pete Wolf und sang englisch – ein Flop. Im Herbst brachte er wieder einmal ein Schlageralbum raus, Fototermine vermied er dabei aber.

Ist jemand erst einmal so erfolgreich wie Helene Fischer, wird jede Veränderung registriert. Etwa wenn sie sich politisch äußert und die Fans dazu aufruft, ihre Stimme gegen Fremdenhass zu erheben. Für die «Vogue» ließ sich Deutschlands derzeit größter weiblicher Popstar von Peter Lindbergh ungewohnt ablichten. Die sonst so glatt-perfekte Fischer sah auf diesen kunstvollen Bildern ungeschminkt und damit ganz anders aus als sonst.

Verlässt man den deutschsprachigen Raum, in dem der Imagewandel oft mit dem Risiko behaftet ist, eine gewachsene Fan-Basis zu verprellen, dann werden die Karrierestrategien raffinierter. Das Spiel mit Veränderungen perfektioniert hatte einst der Weltstar David Bowie (1947-2016), das «Chamäleon des Pop»: rein äußerlich mit diversen Looks vom Folkie über den androgynen Glamrocker und schrillen Vogel bis zum reifen (Hetero-)Mann, aber auch mit stetig erneuerter Musik.

Nicht umsonst heißt einer von Bowies berühmtesten Songs «Changes». Bei dem Briten steckte dahinter nicht das Kalkül eines schlauen Managers – er war selbst so kreativ. «Sein Selbstwertgefühl war viel zu ausgeprägt, um sich auf eine Sache oder einen Look festzulegen», urteilte der bekannte Musikjournalist Paolo Hewitt. «Und genau das war ausschlaggebend für einen seiner größten Beiträge zum Pop-Zirkus: die Einführung der fortwährenden optischen Veränderung als ein wesentliches künstlerisches Element.»

Das Vorbild Bowie vor Augen, hat auch Madonna in ihrer fast 40-jährigen Karriere viele Imagewechsel durchlaufen – zuerst als «Material Girl», später im Marilyn-Monroe-Look, mit «Sex»-Fotos, als Disco-Queen und Schwulen-Ikone, «Evita», Aerobic-Performerin und Mädchen vom Lande. In ihrer Musik war die im vergangenen Jahr 60 Jahre alt gewordene Sängerin ebenfalls flexibel – nicht zuletzt diese stilistische Offenheit hat Madonna in den Pop-Olymp gebracht. Ohne das selbstbewusste Role-Model aus den USA wäre die nicht ganz unähnliche Karriere der Australierin Kylie Minogue kaum denkbar.

Ob Conchita Wurst, David Bowie oder Madonna: Solche Wandlungen seien ein wichtiges Merkmal von Popkultur, sagt Prof. Udo Dahmen, Direktor der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Bowie ist für ihn das Paradebeispiel. «Er hat damit auch immer eine neue Phase eingeläutet.» Typisch sei auch das Spiel mit den Geschlechtern – wie jetzt bei Neuwirth. Dahmen verweist dabei auch auf Mick Jagger, der in seinen jungen Jahren weicher und androgyner aussah.

Dass Musiker ihr Aussehen immer dann ändern und sich neu erfinden, wenn die Plattenverkäufe runter gehen, würde Dahmen nicht unterstellen. Doch wer steckt hinter dem Wandel? Bei den vielen Gesichtern von Lady Gaga mag es ein Team gewesen sein, das bei den früher noch schillernderen Auftritten mitgemischt hat – wie etwa bei dem Fleischkleid, das ein richtiges Kunstwerk war. Im Kern sei es aber der Künstler, der dafür den Impuls gebe, meint der Pop-Prof.

Die oft recht bissigen Verfasser des «Lexikons der Pop- & Rock-Musik» trauen dem Zauber krasser Imagewechsel indes nicht: «Als Musterbeispiel lebensfremden Schwachsinns hat Madonna wohl alle denkbaren, teilweise völlig gegensätzlichen Trends durchlaufen. Im Gefolge soll sich der Fan mit irgendwelchen aufgesetzten Attributen identifizieren und vor allem: kaufen.»

Der Verdacht, optische oder stilistische Wandlungsfähigkeit ziele vor allem auf neue Hörer- und Käuferschichten, wird auch im aktuellen Pop gern geäußert. Britney Spears‘ Wechsel vom «Girl next door» zur Sexbombe in Leder wirkte für viele angesichts sinkender Popularität arg kalkuliert. Ähnlich irritierend: Miley Cyrus‘ Metamorphose von der braven «Hannah Montana» zum Nackedei auf der Abrissbirne. Oder Justin Biebers Mutation vom blonden Posterboy zum Tattoo-Rowdy.

Für eine dauerhaft erfolgreiche Chamäleon-Karriere wie bei Bowie und Madonna reichen solche kurzfristigen Imagemanöver wohl nicht. Aber Spears (37), Cyrus (26), Bieber (25) und auch Neuwirth/Wurst (30) haben ja genug Zeit, sich noch einige Male neu zu erfinden.