Isoliert im Revolutionsgeschehen: Sebastian Mirow als Danton in Büchners Drama „Dantons Tod“ am Theater Baden-Baden. Mit der 2016 gedrehten Aufzeichnung von Irmgard Langes Inszenierung bietet das Haus an der Oos einen sehenswerten Beitrag zum derzeit wachsenden Online-Angebot der vom Spielverbot betroffenen Theater. | Foto: Klenk

Einziger Weg zur Bühnenkunst

Wie das Theater in Zeiten von Corona zum Video-Event wird

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Filmische Mitschnitte von Theateraufführungen galten lange bestenfalls als Notnagel. Doch in Zeiten des Vorstellungsverbots ändert sich der Blick darauf. Nun sind sie der einzige verfügbare Zugang zur Bühnenkunst. Und mitunter bieten sie auch Eindrücke, die einem Zuschauer vor der Corona-Krise gar nicht als wertvoll aufgefallen wären.

Es ist wie ein Besuch in fernen Tagen, dabei war es vor kurzem noch Normalität. Auf der Homepage der Bayerischen Staatsoper in München ist noch bis zum 11. April das Video der „Parsifal“-Aufführung mit Jonas Kaufmann in der Titelrolle abrufbar. Und diese Aufzeichnung beginnt mit einem knapp zweiminütigen Kameraschwenk durch das voll besetzte Haus.

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Wie Besuch in fernen Tagen

Was unter gewohnten Umständen ein Anlass zum Vorspulen wäre, wirkt nun, in Zeiten der geschlossenen Theater, selbst wie eine Aufführung. Dicht an dicht sind hier Menschen versammelt in einem festlich-prunkvollen Saal.

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Vor roten Wänden wird mit Fächern gewedelt (die Aufnahme entstand am 8. Juli 2018). Man hört das vielstimmige Raunen erwartungsvoller Besucher, das Stimmen des Orchesters und fühlt sich animiert, mit einzustimmen in den Applaus, als Generalmusikdirektor Kirill Petrenko ans Pult tritt.

Per Video mittendrin

Eine andere Wiederbegegnung mit dem Theater, wie man es kennt, bietet das Nationaltheater Mannheim mit der Aufzeichnung von Monteverdis Oper „Die Heimkehr des Odysseus“. Die Inszenierung von Markus Bothe, die noch bis zum 5. April abrufbar ist, beginnt im Foyer. Die Kamera zeigt, wie Sänger und Musiker inmitten von Zuschauern platziert sind.

Man fühlt sich als Videozuschauer wie ein Teil dieser Menge, in deren Mitte Hauptdarsteller Nikola Diskic zu singen beginnt. Zur Übersetzung des italienischen Librettos wird hinter ihm eine Texttafel in die Höhe gereckt. Darauf steht: „Ich bin sterblich, ein menschliches Wesen. Die Zeit hat mich erschaffen, um mich zu bekämpfen.“

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Mitschnitte schon lange ein Thema

Es ist weit weniger als das reale Theatererlebnis, aber doch auch mehr als nur ein Ersatzstoff, wenn derzeit viele Bühnen Aufzeichnungen ihrer Aufführungen im Internet zugänglich machen. Zwar waren Mitschnitte von Bühnenaufführungen bereits vor der Corona-Krise verfügbar.

Gerade Opernhäuser, von Stadt- und Staatstheatern bis zum privatwirtschaftlichen Festspielhaus Baden-Baden, nutzen herausragende Produktionen schon seit langem für eine spätere Auswertung per DVD. Und fast ebenso lang machen „global player“ wie die Metropolitan Opera New York ausgewählte Aufführungen weltweit per Kinoübertragung zugänglich.

Doch was bis vor wenigen Wochen allenfalls ein Notbehelf war, ist nun zur einzigen verfügbaren Form der Bühnenkunst geworden. „In den nächsten Wochen werden uns vor allem die gemeinsamen Erlebnisse fehlen“, schreibt das Nationaltheater Mannheim auf seiner Homepage über sein Digitalangebot.

Sogar Husten hört man hier gern

Das verändert den Blick auf die Mitschnitte ebenso wie die Wahrnehmung jener Szenen, in denen das Publikum zu sehen ist – oder jene Momente, in denen man es während der Aufzeichnung hört. Selbst ein leises Husten ist hier, anders als in der derzeitigen Außenwelt, kein Corona-Alarmsignal. Sondern eine wehmütige Erinnerung an eine vermisste Normalität.

Neu an der aktuellen Situation ist auch, dass viele Angebote frei zugänglich sind. Das gab es bislang nur in Mediatheken wie etwa beim Kultursender 3sat, dessen derzeitiges Angebot „Bühne frei“ von Anna Netrebkos Auftritt als Aida bis zur Berliner Inszenierung „Persona“ der Karlsruher Schauspieldirektorin Anna Bergmann reicht. Wer hier aufgenommen wird, ist entweder prominent oder prämiert – Bergmanns Inszenierung war 2019 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Mehr Oper als Schauspiel

Gerade im Schauspiel sind hochwertige Mitschnitte ansonsten selten zu finden, denn für die mediale Auswertung jenseits der Kultursender fehlte bislang der Bedarf. Ausnahmen bestätigen die Regel: Aus Mannheim wird ab diesem Samstag, 18 Uhr, Claudia Bauers Neuinszenierung des Schiller-Klassikers „Maria Stuart“ angeboten, das Staatstheater Stuttgart hat mit dem „Satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch“ von Michael Ende sogar ein Kinderstück im Angebot.

Komplette Aufführungen aus der Region gibt es von kleineren Häusern: Das Kammertheater Karlsruhe hat am Tag des Vorstellungsstopps noch eine zuschauerfreie Vorstellung von „Comedian Harmonists“ für die Kamera gespielt. Und das Theater Baden-Baden, das sich übrigens mit einem Lyriktelefon unter der Rufnummer (0 72 21) 93 27 48 auch „an Freunde der analogen Kommunikation“ richtet, wartet mit einem echten Pfund auf.

Pfund aus Baden-Baden

Die 2014 entstandene Inszenierung von Büchners Drama „Dantons Tod“ wurde, weil es die letzte Regiearbeit der dem Haus verbundenen Theatermacherin Irmgard Lange war, 2016 professionell aufgezeichnet. Das Ergebnis überzeugt nicht nur als Erinnerung an eine schlüssige Interpretation des zeitlosen Revolutionsdramas, sondern auch als filmische Version eines Bühnengeschehens.

Und es trifft derzeit einen besonderen Nerv, was Sebastian Mirow als Danton in der ersten Szene sagt: „Wir sind sehr einsam. Wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe.“