Rebell mit Feinsinn: Johannes Kreidler in der Karlsruher Fleischmarkthalle. Der in Berlin lebende Komponist und Konzeptkünstler hat das Programm des diesjährigen „ZeitGenuss“-Festivals konzipiert. Mit einem „Bolero“, den man so selten hört | Foto: Uli Deck

Neue Musik in Karlsruhe

Wie man Beethoven schrumpft

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„Bitte sprechen Sie nicht weiter!“ Johannes Kreidler mag es nicht, wenn man spoilert. Der Komponist und Medienkünstler hatte diesmal keine Zeit, die Donaueschinger Musiktage zu besuchen. Er bereitet selbst gerade ein Festival für die Musik der Gegenwart in Karlsruhe vor. Was am Wochenende in Donaueschingen geboten wurde, das möchte Kreidler sich nachträglich anhören. Ganz in Ruhe. So wie früher, als er an der Pforte der Pubertät auf seinem Kassettenrekorder die „Record“-Taste drückte. Immer dann, wenn andere längst schlafen – logisch: Neue Musik lief im öffentlich-rechtlichen Radio schon damals nicht gerade zur Prime-Time.

Techno, Politik und Neue Musik als Dünger

Nun hat den 39-Jährigen aber ebenso die Techno-Musik geprägt. Außerdem ein politisch streitbares Elternhaus in Esslingen. Kein Wunder, dass Musik für Kreidler nicht nur in eine Schublade passt. Wenn es sein muss, zerdeppert er Instrumente. Oder bevorzugt im Orchester die „Unterschicht“. Letzteres ist nun auch in Karlsruhe zu erleben mit dem „Minusbolero“, bei dem die Melodiestimmen schweigen. Ersteres allenfalls dann, wenn mal wieder zwei Orchester fusioniert werden sollen.

Ein Kreuz aus Geige und Cello

Das war bekanntermaßen zuletzt beim Südfestrundfunk der Fall. Kreidler hatte zum ersten Mal einen Auftrag für die Donaueschinger Musiktage 2012 bekommen, als das damals noch in Freiburg und Baden-Baden ansässige Stammorchester dieses Festivals aus Spargründen mit dem zweiten SWR-Orchester in Stuttgart fusioniert werden sollte. Kreidler, der in seinem Werk Themen der Gesellschaft reflektiert, ergriff die Chance für eine spontane Protest-Aktion. Er stürmte damals vor Beginn des Eröffnungskonzertes die Bühne, entriss einer Geigerin und einem Cellisten die Instrumente, band diese zum Kreuz und zerschlug sie schließlich.

Sekündchen für Beethoven

Johannes Kreidler studierte Komposition, elektronische Musik und Musiktheorie sowie Kunstgeschichte und Philosophie in Freiburg und Den Haag. Heute lebt er in Berlin und pendelt für eine Kompositions-Professur nach Basel. Er arbeitet mit audiovisuellen Techniken ebenso wie mit dem Sampeln vorhandener Musikfragmente, komprimiert zum Beispiel alle neun Sinfonien von Ludwig van Beethoven auf eine Sekunde. An einem normalen Arbeitstag erledigt er zuerst Organisatorisches, bevor am Nachmittag die Kreativität beginnt. Muss er sich zum Beispiel morgens mit der Gema und Urheberrechten beschäftigen, kann das durchaus in ein Werk fließen („Product Placements“, 2008). Für „Fremdarbeit“ (2009) hat Kreidler einen Komponisten und einen Programmierer in Billiglohnländern beauftragt.

Kunst aus Noten: Johannes Kreidler macht nicht nur Musik, in der Karlsruher Fleischmarkthalle sind derzeit auch Beispiele seiner grafisch humorvoll gesetzten Partitur-Schnipsel zu sehen. | Foto: ISt

Seine Seele verkauft er nicht

Urheberrecht, Vorratsdatenspeicherung oder Hierarchien sind Kreidler ein Gräuel. Und er ist empfindlich, wenn ihm Themen von Veranstaltern herangetragen werden. „Ein Künstler muss eigene Themen haben. Es sollte die Welt selber sein, die mich herausfordert“, sagt Kreidler. Seine Seele verkaufe er nicht. „Kreativer Dienstleistung verweigere ich mich vehement. Das wäre Prostitution.“ So gesehen ist es allenfalls eine Win-win-Situation, dass Kreidler an einem Film arbeitet und Björn Gottstein für die Donaueschinger Musiktage 2021 das Kino als Aufführungsort ebenso wie einen neuen Kreidler ins Programm nehmen möchte.
Doch das ist Zukunftsmusik. Jetzt dreht sich das siebte „ZeitGenuss“-Festival der Stadt Karlsruhe und der Musikhochschule um Johannes Kreidler, der zudem das Programm kuratierte.

Heavy Metal im Sekundentakt

Es gibt viel von ihm selbst zu hören und zu sehen, aber auch sieben Uraufführungen aus der Karlsruher Kompositionsklasse. Denn das ist auch Kreidler wichtig: dem komponierenden Nachwuchs ein Podium zu bieten. Darüber hinaus ein Symposium zur Frage „Löst sich der Musikbegriff auf?“ Als Aufführungsorte kommen zu den Räumlichkeiten der Hochschule für Musik das Substage Café und die Alte Fleischmarkthalle hinzu. In seiner Ausstellung dort mit grafisch humorvoll gesetzten Partitur-Schnipseln geht es diesen Donnerstag um Heavy Metal in 50 Stilrichtungen im Sekundentakt und die Fahrradklingel. Mehr spoilern wir auch an dieser Stelle nicht.

Festival „ZeitGenuss“ von 24. bis 27. Oktober in Karlsruhe. www.hfm.eu