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Karikaturen zur Coronakrise

Witz und Kritik: Karlsruher Zoran Petrović hat ein „Quarantäne-Tagebuch“ veröffentlicht

Vom Ringen um Toilettenpapier bis zu Verschwörungstheorien: Der Karlsruher Künstler Zoran Petrović hat seine Eindrücke aus den ersten Corona-Monaten als Karikaturen in einem „Quarantäne-Tagebuch“ veröffentlicht.

Zeichner mit Sinn für Hintersinn: Zoran Petrović ist unter anderem als Karikaturist tätig und hat seine Corona-Erfahrungen in dieser Form festgehalten. Foto: Karlheinz Goder

Zu den spannenden Aspekten von Kunst gehört ihre Mehrdeutigkeit. Unter den Skulpturen von Zoran Petrović beispielsweise jene, die zwei rote Streichhölzer mit abgebrannten Zündköpfen darstellt. Eines davon scheint das andere anzuspringen und zu Boden zu drücken, die rote Farbe könnte man als Signal für Aggression deuten, die verkohlten Köpfe als Hitzköpfigkeit. Doch das Werk heißt „Tango argentino“ - und nun sieht man ein in Leidenschaft füreinander entflammtes Tanzpaar, dessen eine Hälfte gerade wie schwerelos durch die Luft gewirbelt wird.

Sinn für Hintersinn zeigt der Künstler, der mit 24 Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland kam, auch als Karikaturist. In den 80er Jahren verdiente er sich für Zeitschriften die ersten Sporen. Mittlerweile betreibt der Wahl-Karlsruher diese Kunstform eher für Galerien oder Projekte wie die humorvolle Typologie von Weinen und Weingenießern, die er direkt auf hölzerne Flaschenkisten malte („Teuflisch gute Weine“).

International ist er von Österreich über Frankreich bis Portugal aktiv, demnächst etwa beim Festival „Salon de l’Humour“ in Saint-Just-le-Martel (26. September bis 4. Oktober).

Seit es mit Corona losging, hatte ich jeden Tag mehr Ideen als ich zeichnen konnte.
Zoran Petrović, Karikaturist

In der Region vertritt ihn die Galerie Kulturraum in Speyer. Die hat auch seine jüngste Sammlung publiziert, zum derzeit weltumspannenden Thema Nummer Eins: „Seit es mit Corona losging, hatte ich jeden Tag mehr Ideen als ich zeichnen konnte“, sagt der 64-Jährige. Eine Auswahl dessen, was dabei entstanden ist, hat er unter dem Titel „Quarantäne Tagebuch“ veröffentlicht: 48 Zeichnungen zwischen melancholischem und grimmigem Humor, deren Inhalte auch die Dynamik der Krise in diesem Frühjahr nachzeichnen.

Schachspiel mit Toilettenpapier

So zeigt das erste Bild (mit dem Datum 26. März) ein Schachspiel zwischen dem Tod und einem Menschen: Die Spielfiguren des Todes sind Viren, die des Menschen sind Toilettenpapierrollen. Weitere frühe Bilder hinterfragen, wie groß die Aussicht auf medizinische Eindämmung ist (ein Zirkusdompteur will das Virus dazu bringen, durch einen Reifen in eine verkorkbare Flasche zu springen) oder inwieweit sich das Virus von Paragrafen eindämmen lässt.

Der bitter-doppelbödige Humor weicht später eindeutiger Kritik: Mehrfach taucht Bill Gates mit Impfspritze in den Karikaturen auf. Im Vorwort zum „Quarantäne-Tagebuch“ erklärt Marilena Nardi, die an der Akademie Bildende Kunst in Venedig Illustration unterrichtet, dass Petrović „auch die Wahnvorstellungen mancher Menschen darstellt“ sowie „den Wahnsinn der politischen Reden, die Zukunftsängste und die Verschwörungstheorien“.

Mal bissig, mal bitter pointiert: In 48 Bildern hat Zoran Petrović seine Corona-Erfahrungen zusammengefasst. Einige Motive sind auch als Einzeldruck erhältlich. Foto: Karlheinz Goder

Freilich betont der Titel die subjektive Sicht dieser Karikaturen: Petrović legt bewusst ein „Tagebuch“ vor. Die Sammlung von 48 Bildern ist eine Dokumentation dessen, wie sich der Blick einer Person auf die Corona-Krise entwickelt. Man kann dem Durchsickern fragwürdiger Informationen ebenso nachspüren wie dem Zorn über die Ungerechtigkeit, dass neben der Milliardenhilfe gegen die Krise andere Krisenherde, etwa in Hungergebieten, vergessen werden, oder der Trauer darüber, was Abstandsregeln aus der Sehnsucht nach menschlicher Nähe machen, wenn sich ein Paar am Tisch gegenübersitzt – getrennt durch eine Glasscheibe, mit Mikrofonen zur Kommunikation.

Diese Krise ist ein scharfer und tiefer Schnitt.
Zoran Petrović, Karikaturist

Gegen Ende der Sammlung wird es dann wieder mehrdeutiger: Eine Sanduhr, deren Kugeln durch einen Korken voneinander abgeriegelt sind, ist unten voller Viren, während die obere frei davon ist. Das lässt sich einerseits lesen als Kritik am Abwälzen der Krise von der Ober- auf die Unterschicht. Andererseits könnte die obere Kugel auch eine virusfreie Welt sein, die das Virus dank strikter Corona-Maßnahmen gebannt hat Der Titel „Nicht umdrehen!“ würde auf beide Deutungen passen.

Sinn für Hintersinn: Diese Karikatur von Zoran Petrović, die im „Quarantäne-Tagebuch“ auf den 13. April datiert ist, bringt Hoffnung und Verzweiflung beim Ringen um eine medizinische Eindämmung zum Ausdruck. Foto: Zoran Petrović

Ein klares Signal ist hingegen die kleine Vignette, mit der Petrović die Impressums-Seite verziert hat: ein Rasiermesser, in dessen Lochmuster auch das Virus auftaucht. „Wie auch immer jetzt alles weitergeht“, sagt Petrović, „diese Krise ist ein scharfer und tiefer Schnitt.“

Service

Zoran Petrović: Quarantäne-Tagebuch. Erschienen beim Kulturraum Speyer. 56 Seiten, 18 Euro. In Karlsruhe erhältlich bei: Laden Zwei, Goethestraße 41. Dort gibt es auch vier Motive als Einzeldruck, die Petrović zugunsten der Initiative „#supporttheartist“ zur Verfügung gestellt hat.

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