Virtuell, aber herzlich? Wie die digitalen Technologien unsere Wahrnehmung und unseren Alltag verändern, zeigt das ZKM mit der Ausstellung "Hybrid Layers" | Foto: Isabel Steppeler

ZKM-Schau zum digitalen Wandel

Die Wege des „turn“ sind unergründlich

Digital sticht analog

Scrollen, Posten, Chatten, mit der Virtual-Reality-Brille durch ungeahnte Welten schweifen… Ein Leben ohne digitale Technologien ist heute fast schon undenkbar. Und für viele fühlt es sich an wie der kalte Nikotinentzug, wenn das Handy eine Weile außer Reichweite ist. Wer es nicht kennt, ist wohl kein „digital native“, also vor den 1980er Jahren geboren. Vor nicht einmal 20 Jahren hat die Menge der digital gespeicherten Informationen erstmals die Menge der analogen übertroffen. Diese Tatsache führt das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) Karlsruhe mit der Ausstellung „Hybrid Layers“ vor Augen. Sie vermittelt, wie die digitalen Technologien Denken, Handeln und Fühlen vor allem der Generation der in den 1980er Jahren Geborenen beeinflussen.

Kunst zeigt Folgen des digitalen Wandels

Die Kuratoren Julia Bini, Sabiha Keyif, Daria Mille und Philipp Ziegler lenken den Blick auf unterschiedliche und dabei nicht einmal durchweg mediale Ausdrucksformen von 22 Künstlerinnen und Künstlern. Sie kommen aus Europa, Asien, Südafrika oder aus den USA und setzen sich mit einem Kapitel auseinander, das ZKM-Chef Peter Weibel schon 2005 mit der Ausstellung „Postmediale Kondition“ in Graz aufgeschlagen hat. „Hybrid-Layers“ blickt in unterschiedlichen Perspektiven auf digitale Technologien, das Internet und soziale Netzwerke und betrachtet sowohl virtuelle wie auch physische Erscheinungsformen einer künstlerischen Praxis, die vom Digitalen beeinflusst ist.

Das Virtuelle greifbar gemacht

Die gezeigten Arbeiten vermitteln, wie der „digital turn“, die Wende ins Digitale, nahezu alle Bereiche des Alltags, unserer Wahrnehmung und der Wissensproduktion beeinflusst. Wer nun einen Parcours durch nur digitale Kunst erwartet, wird erstaunt sein: War vor wenigen Jahren noch die Überführung der analogen Welt ins Digitale, Virtuelle ein Reiz künstlerischer Positionen, so hat sich dies wieder gedreht. Wie das Virtuelle durch die Verwendung synthetischer Materialien etwa des Laserdruckers zurückgeführt wird in die analoge Welt, zeigt Rachel de Joode mit fotografischen Abbildungen ihrer Skulpturen aus dem Internet, die sie auf Sockel und Staffeleien stellt. Oder Delia Jürgens, die zum Beispiel Teppiche, die sie via Internet hat bedrucken lassen, auf Styropordämmplatten als Podeste auslegt.

Kunst durch die VR-Brille

Neben Videoarbeiten und Environments gibt es Installationen, Performances, Skulptur und diese
oft in gegenseitiger Durchdringung. Natürlich darf auch die VR-Brille nicht fehlen: Sechs Virtual-Reality-Projekte wurden von Künstlern entwickelt und in der Ausstellung mittels „Head Mounted Display“ für die Besucher (nur am Wochenende) erlebbar gemacht.

Wohl und Wehe des Digitalen

Nicht alles ist Gold, was digital glänzt. Wie abhängig wir von Akkus sind, darauf macht das Design-Forschungsstudio „Unknown Fields“ aufmerksam. Es hat beeindruckende Luftaufnahmen der smaragdgrün schimmernden Lithiumminen in Bolivien gefilmt. Die Auswirkungen der Globalisierung werden in der Ausstellung ebenso thematisiert wie Fakenews oder die Tatsache, dass unsere Wahrnehmung flüchtiger geworden ist und der Drang nach Selbstoptimierung das Leben erschwert. Verpixelte Selfie-Videos von Frauen aus der arabischen Welt von Sophia Al Maria gehören ebenso dazu wie der Zeichentrick-Fuchs des britischen Künstlers Ed Fornieles, dessen Suche nach dem besseren Ich im Verlauf eines Videos mit Fotos aus dem Internet zu Themen wie Arbeit, Essen, Familie zur Sucht wird. Eine Ausstellung, so faszinierend, manchmal rätselhaft und nachdenklich stimmend wie die digitalen Technologien selbst.

„Hybrid Layers“ bis 7. Januar 2018 im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) Karlsruhe, Lorenzstraße 19, Lichthof 8 + 9. Geöffnet: Mittwoch bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr.