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Virtueller „Tag der offenen Tür“

Zu Dreikönig öffnet das ZKM Karlsruhe diesmal nur digital

Zu Dreikönig lädt das ZKM Karlsruhe traditionell zum „Tag der offenen Tür“. In der pandemiebedingten Schließzeit kommt dem Haus nun seine digitale Kompetenz zugute.

Allein im großen Foyer: ZKM-Vorstand Peter Weibel kann am Dreikönigstag nicht die gewohnten Besuchermengen beim Tag der offenen Tür erwarten. Die Traditionsveranstaltung wird 2021 nur digital angeboten. Foto: ARTIS - Uli Deck ARTIS - Uli Deck

Kimchi mag nicht jeder, ist aber gesund. Die fermentierte Rohkost koreanischen Ursprungs findet sich neuerdings in den Kühlregalen von Bioläden. Besser ist es, die Spezialität selbst herzustellen. Am digitalen Tag der offenen Tür des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) zeigen Fanny Kranz und Max Kosorić per Zoom, wie das geht. Der Workshop, für den man sich zuvor anmelden muss, ist ein Format von vielen, die am Aktionstag am 6. Januar angeboten werden.

Der traditionelle Termin, am Dreikönigstag das ZKM bei freiem Eintritt zu öffnen, wird diesmal aufgrund der Corona-Pandemie online angeboten.

Wir wollen eine Dialogmaschine sein.
Dominika Szope, Leiterin Kommunikation am ZKM

Per Livestream, über Instagram TV und mit Videos „On-Demand“ reagiert das ZKM auf die unterschiedlichen digitalen Vorlieben des Publikums. „Wir wollen eine Dialogmaschine sein“, sagt die Leiterin der Kommunikation am ZKM, Dominika Szope.

Über Zoom-Meetings, Chat-Angebote und Livestream-Events wolle das ZKM Annäherungen schaffen, mit denen die pandemiebedingt fehlenden realen Begegnungen kompensiert werden sollen.

Auch analoge Ankerpunkte geplant

Analoge Ankerpunkte im Programm (online zu finden unter zkm.de/tatü) sind wichtiger denn je. Eine Exkursion mit Nabu-Mitarbeitern um den Knielinger See etwa informiert über die ökologisch kritischen Zonen in Karlsruhe. Der Rundgang dockt thematisch an die Ausstellung „Critical Zones“ von Bruno Latour an, eine große Erzählung über die Erde und warum der Mensch, wie andere Organismen auch, ein Teil von ihr ist.

Der eingangs erwähnte Kimchi-Workshop führt praxisorientiert in die Welt der Bakterien, Pilze und Mikroben ein. Die Versuchsküche verweist auf das für Herbst 2021 geplante Ausstellungs- und Rechercheprojekt „Bio-Medien“, bei dem es um Analogien zwischen lebenden Organismen und interaktiven digitalen Verfahren geht.

Musiktheater zu Reizüberflutung

Sowieso digital ist die elektronische Musik. Neben Konzerten mit Musik von Ludger Brümmer, Daniel Blinkhorn und Gilles Gobeil im Livestream läuft eine Dokumentation zudem im ZKM produzierten Musiktheater-Stück „Subnormal Europe“ von Óscar Escudero, Belenish MorenoGil und Noa Frankel, in dem es um Reizüberflutung und Fremdbestimmung geht.

Kritischer Blick auf KI und soziale Bots

Der kritische Umgang mit den Medien ist ein Schwerpunkt des digitalen Aktionsprogramms. Auf Instagram TV stellt die ZKM-Mitarbeiterin Sabine Faller das interdisziplinäre Forschungsprojekt digilog@bw vor, das Fragen der KI-Forschungen in die öffentliche Debatte bringen will.

Der Medienkünstler und Komponist Alexander Schubert wiederum spricht im Livestream über sein von der Kulturstiftung des Bundes gefördertes Projekt „Crawlers“, das die dunkle Seite von sozialen Bots anschaulich macht. Seine künstlerische Inszenierung entstand während seines Gastkünstleraufenthalts am ZKM Hertz-Labor.

Durch die Pandemie sind wir nun alle zur digitalen Expansion gezwungen worden.
Peter Weibel, künstlerischer Vorstand des ZKM

Angesprochen auf den aktuellen Digital Turn in der Kultur, bekräftigt ZKM-Vorstand Peter Weibel, wie wichtig es sei, dass die Museen selbst digitale Inhalte schafften. Er habe schon vor zehn Jahren gegenüber leitenden Kollegen angemahnt, die digitale Ebene des Museums ernst zu nehmen. Das sei damals belächelt und als Mode abgetan worden.

„Durch die Pandemie sind wir nun alle zur digitalen Expansion gezwungen worden“, sagt Peter Weibel. „Und wir am ZKM sind die Vorreiter.“ Natürlich biete auch das ZKM ganz normale digitale Führungen zu den während des Lockdowns geschlossenen Ausstellungen an. Aber das dürfe nicht alles sein.

Ausstellungsschließung war „Schock“

Bei aller Euphorie für das Digitale ist sich der Medientheoretiker bewusst, dass auch dem Karlsruher Medienzentrum ohne das körperlich anwesende Publikum etwas fehlt. Für den Logiker sind das ZKM-Team und das Publikum „Teile eines dynamischen Systems“, die sich gegenseitig bedingen würden. Auch persönlich war der Shutdown für ihn nicht einfach. „Für mich und Bruno Latour war es ein Schock, als wir hörten, dass wir die große Ausstellung „Critical Zones“ schließen müssten.“ Die Schau zu einer neuen Erdpolitik wurde bis zum August 2021 verlängert. Komplett streichen musste Peter Weibel seine geplante Anselm-Kiefer-Schau, die den monumentalen Vitrinen des in Paris lebenden Deutschen gewidmet war.

Rückblick auf „enorme Lernkurve“

Es sind aber selbst im ZKM auch positive Effekte der Konzentration auf die digitalen Formate zu verzeichnen gewesen. „Wir haben eine enorme Lernkurve absolviert“, sagt Dominika Szope. Ihre eigene Abteilung hätte zahllose Überstunden gemacht, weil alle analogen Projekte für die Netzwerke aufbereitet mussten.

Für die digitale Eröffnung von „Critical Zones“ im Mai 2020 sendete das ZKM erstmals über mehrere Tage per Livestream, was ein echter Kraftakt gewesen sei. „Wir mussten Sendestrecken kaufen, den Umgang mit neuem Equipment erlernen und eine Redaktion für den Chat-Verlauf einrichten“, sagt Dominika Szope. Punktuell hätten bis zu 35.000 Besucher aus aller Welt die Veranstaltung digital verfolgt, 1.000 Anmeldungen habe es auf dem Messanger-Dienst Telegram gegeben. „Da sind wir plötzlich international geworden.“

Höhenflug dank digitaler Vernetzung

Das ZKM befindet sich trotz Corona, Ausstellungsschließungen und finanzielle Einbußen durch ausgefallene Vermietungen im Höhenflug. Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart verschmelzen zu einem neuen Kontinuum. Wie etwa in dem gemeinsam mit den Jungen Freunden der Fördergesellschaft ZKM/HfG konzipierten Workshop, in dem die Teilnehmerinnen lernen können, einen Brief an ihr zukünftiges Ich zu schreiben.

Kultur im Klammergriff



Die Kultur im Klammergriff der Anti-Covid-19-Maßnahmen: Zum zweiten Mal in diesem Jahr sind Theater und Museen, Kunstvereine und Konzertveranstalter von massiven Einschränkungen betroffen – mit unterschiedlichen Auswirkungen. Eine neue Serie will der Frage nachgehen, wie die Einrichtungen mit dem zweiten Lockdown umgehen. Untersucht werden soll, mit welchen Folgen sie zu kämpfen haben und was dem Publikum durch die Schließungen der Kulturorte entgeht. Kurz gesagt: Was fehlt?

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