Nur noch eine Woche laufen aktuelle und speziell ausgewählte Filme in den Sälen der „Kurbel“. In der Kinemathek im gleichen Haus läuft der Betrieb weiter | Foto: Jüttner

Kino „Kurbel“ vor dem Aus

„Am Ende hat uns die Zeit gefehlt“

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Ein Kapitel Karlsruher Kinogeschichte steht vor dem Ende: Die „Kurbel“ in der Kaiserpassage, 1957 mit zwei Sälen als erstes „Multiplex“ Karlsruhes eröffnet und Stätte historischer Filmpremieren, stellt zum 2. August den Kinobetrieb ein. Der Antrag auf Insolvenz wegen Zahlungsunfähigkeit ist gestellt. Der Betrieb in der  Kinemathek, die als Hauptmieterin des Hauses den Saal im Erdgeschoss bespielt, ist davon nicht betroffen.

Letzte Hoffnung verpufft

Bis zuletzt hatten die erst zum 1. April angetretenen neuen Geschäftsführer Jan Peschel und Daniel Ruh darauf gehofft, den Kahn noch einmal flott machen zu können. So war unter anderem geplant, die 54 Mitglieder umfassende Genossenschaft, die das Kino seit 2010 betreibt, durch eine Kampagne zu vergrößern. Aber selbst 100 neue Anteile zu je 500 Euro wären durch die Verbindlichkeiten für den kommenden Monat nahezu aufgezehrt worden, räumt Peschel ein: „Für eine langfristige Zukunftsoption hätte es mindestens das Doppelte gebraucht.“

Monatliche Fixkosten: 20 000 Euro

Angesichts der finanziellen Situation sei auf der Genossenschaftsversammlung am Montagabend die nun verkündete Entscheidung gefallen. „Die Einstellung des Betriebs war die einzige Option, noch Kosten einzusparen“, erklären Peschel und Ruh. Denn allein durch Miete, Strom und Personal entstünden monatlich rund 20 000 Euro Kosten – Leihgebühren für die Filme nicht eingerechnet.

„Kurbel“ bereits 2010 insolvent

Mit dem Schritt steht ein langjähriger Versuch, das Traditionskino am Leben zu halten, vor dem Ende. Die „Kurbel“ war bereits mit dem Aufkommen der großen Multiplexe in schweres Fahrwasser geraten. Der privatwirtschaftliche Betrieb endete 2010 mit einer Insolvenz. Daraufhin trat die Genossenschaft die Nachfolge an – als Nebenmieter in dem Gebäude, in das die Kinemathek (deren Spielbetrieb ab 1. August regulär weiterläuft) als Hauptmieter einzog. Die „Kurbel“ kam aber nie richtig in Schwung.

Markteinbruch als Todesstoß

Hoffnung auf Verbesserung weckte die jüngste Entwicklung: Peschel und Ruh gelang es, die zuvor sehr angespannte Beziehung mit der Kinemathek (die in der Vergangenheit unter anderem wegen Mietrückständen klagen musste) zu beruhigen und Pläne für Synergieeffekte sowie gemeinsame Projekte zu entwickeln. Doch ein allgemeiner Einbruch im Kinogeschäft im ersten Halbjahr 2018 hat der „Kurbel“ nun das Aus versetzt. „Als Kino muss man im ersten Halbjahr ein finanzielles Polster einspielen, um die traditionell sehr mageren Sommermonate zu überbrücken – das ist total ausgefallen“, erklären die „Kurbel“-Macher.

Vielfalt im Programm

Zwar sei der Rückgang in der „Kurbel“ mit zwölf Prozent weniger stark ausgefallen als im bundesweiten Schnitt von 18 Prozent. „Wir liegen da zwischen den Mainstream-Kinos und den weniger stark betroffenen Arthouse-Kinos, die acht bis neun Prozent Rückgang hatten“, sagt Peschel. Dies spiegele auch die programmatische Ausrichtung der „Kurbel“, die sowohl aktuelle Blockbuster wie auch spezielle Programmpunkte anbot, etwa die Kunstreihe „Exhibition on Screen“ oder die sonntägliche „Tatort“-Präsentation auf der großen Leinwand.

Ideen wären da gewesen

Peschel und Ruh, die vom Abschluss ihres Masterstudiums „Filmkultur“ an der Universität Frankfurt in das Abenteuer Kinobetrieb gestartet sind, hätten nach der Phase der Einarbeitung in die komplexe finanzielle Situation und Marktposition der „Kurbel“ für die kommenden Monate etliche Ideen für neue Programmpunkte gehabt, die nun nicht mehr umgesetzt werden können. „Am Ende“, resümiert Ruh, „hat uns einfach die Zeit nicht gereicht.“

Letzte Programmrunde

Auch in der letzten Woche sind in der „Kurbel“ zwei Neustarts zu sehen: Der Marvel-Comicfilm „Ant-Man and the Wasp“ und der US-Thriller „Hotel Artemis“ mit Jodie Foster als Leiterin einer dubiosen Klinik für Kriminelle. Aber auch Filme wie Wim Wenders’ Dokumentation über Papst Franziskus sind weiterhin im Programm (täglich 15 Uhr).

Klassiker zum Abschied

Einen jener besonderen Programmpunkte, mit denen die „Kurbel“ in jüngerer Vergangenheit mehrfach aufwartete, gibt es am Freitag, 27. Juli: Dort gastiert das Internationale Festival des Fahrradfilms: Ab 20.30 Uhr gibt es eine Vorstellung mit mehreren Kurzfilmen. Als Höhepunkt der Abschiedswoche ist die „Sneak“-Vorstellung am Dienstag, 31. Juli, angekündigt, die diesmal unter dem Motto „Classic Sneak“ steht: Ab 20.30 Uhr gibt es eine Improtheater-Moderation mit der Gruppe „FEM Fatale“ und einen Überraschungsfilm. Hierbei wird allerdings ausnahmsweise kein neuer Film kurz vor dem offiziellen Start gezeigt, sondern ein Klassiker, der für einen Abend auf die große Leinwand zurückkehrt.

Hier geht’s zur Homepage der „Kurbel“.