Dichtes Gedränge herrscht schon jetzt an der Bahn. Doch wie groß es werden würde, wenn jeder kostenlos fahren dürfte, ist schwer vorhersehbar. | Foto: Archiv Collet

In Rastatt überwiegt Skepsis

Gratis ÖPNV ist eben nicht kostenlos

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Es klingt zu schön um wahr zu sein: Kostenlos mit dem Bus in die Stadt, mit der Bahn nach Karlsruhe oder Baden-Baden. Einfach einsteigen, umsteigen, mitfahren. Die Pläne der Bundesregierung, den öffentlichen Nahverkehr gratis anzubieten, um so die Luftverschmutzung in den Städten zu reduzieren, klingt verlockend. Doch Rastatter-Verkehrsexperten sind skeptisch. „Wir halten wenig von einem gänzlich kostenlosen Angebot“, sagt Claus Haberecht, Dezernent für Verkehr und Wirtschaft am Landratsamt, das Träger für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) ist. Auch Raphael Knoth äußert sich auf BNN-Nachfrage ähnlich. Der Bürgermeister ist der Meinung, dass dann wieder nur die gut angebundenen ÖPNV-Gebiete gestärkt werden würden und nicht die ländlichen Regionen. Dort seien nicht die Fahrpreise das Problem, sondern die fehlende beziehungsweise kaum vorhandene Anbindung an den Nahverkehr.

Enorme Kosten sehen die Experten als Problem

Als eine der größten Schwierigkeiten sehen die beiden Experten die enormen Kosten, die auf die Kommunen zukommen würden. Alleine der Karlsruher Verkehrsverbund (KVV) hat 2016 circa 140 Millionen Euro durch Fahrgeld eingenommen. Bisher stellt die Kommune eine Million Euro zur Verfügung, der Landkreis weit über sechs Millionen. Wie viel es letztendlich mehr werden würde, lasse sich nicht abschätzen. Problematisch sei zudem, dass mehr Busse und Bahnen gebraucht werden würden, mehr Personal. Zudem müsste das Verkehrsnetz ausgebaut werden. Das würde zusätzlich Geld kosten. „Die große Frage ist ja auch, wie so ein Angebot angenommen werden würde. Es lässt sich schwer abschätzen, wie viele Menschen dann tatsächlich das Auto stehen lassen würden“, gibt Knoth zu bedenken.

Nachhaltiges Mobilitätskonzept als sinnvollere Alternative

Die jetzigen Ticketpreise sieht Haberecht auch nicht als Grund, warum nicht mehr Menschen statt auf den PKW auf öffentliche Verkehrsmittel setzen. „Da habe ich nie Beschwerden gehört“, sagt der Dezernent. „Außerdem hat der KVV relativ günstige Preise.“ Wenn diese auf gleichem Niveau bleiben oder leicht abgesenkt würden, „sind wir auf einem guten Weg.“
Als sinnvollere Alternative zu einem für Fahrgäste kostenlosen ÖPNV sieht Haberecht ein nachhaltiges Mobilitätskonzept. Ebenso wie Knoth setzt er auf einen Mischverkehr, die sogenannte Multimodalität, bei dem der Nahverkehr mit Rad- und Car-Sharing-Angeboten vernetzt wird. „Außerdem brauchen wir gesonderte Busfahrstreifen im Stadtverkehr, um einen besseren Verkehrsfluss zu bekommen“, sagt Haberecht. Wenn der Bus jeden Morgen im Stau steht und sich so die Fahrzeit noch einmal verlängert, überlege sich doch jeder zweimal, nicht doch das eigene Auto zu nehmen.

Hybridfahrzeuge statt Diesel-Busse

Knoth hält zudem den Ausbau des Radwegenetzes in Rastatt und die Etablierung von Fahrradstationen für sinnvoll. „Außerdem müssen die ländlichen Regionen besser an den ÖPNV angeschlossen werden. Denn da wo kein Bus fährt, werden die Leute auch weiterhin mit dem Auto fahren – auch in die Innenstädte.“
Um den Feinstaub in den Zentren zu reduzieren, hält es Haberecht auch für unabdingbar, die Benzin- und Diesel-Busse durch Hybridfahrzeuge auszutauschen. Weitere Ziele sollten seiner Meinung nach sein, ein nachhaltiges Verkehrsangebot zu schaffen mit einem guten Takt und guten Umsteigemöglichkeiten. „Das ist viel wichtiger als kostenlos fahren zu dürfen und bringt langfristig mehr“, ist sich der Experte sicher. „Und dann wird das Ganze nicht an 40 oder 50 Euro scheitern, die der einzelne Fahrgast im Monat für die Beförderung aufbringen muss.“