Fingermanns mit Bussarden
Ehepaar Fingermann mit zwei Mäusebussarden: Verena trägt einen weißen aus Skandinavien stammenden Vogel, Pierre einen schwarzen „heimischen“ Probanden. | Foto: Nestler

Fingermanns päppeln Tiere auf

Im Rastatter Vogelasyl herrscht Hochkonjunktur

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Von Werner Nestler

Das neue Jahr hat im Rastatter Vogelasyl des Ehepaares Fingermann ziemlich stressig begonnen. An jedem Tag wurde mindestens ein kranker oder verunglückter Greifvogel eingeliefert oder musste irgendwo im Landkreis abgeholt werden. Derzeit versuchen Verena und Pierre Fingermann neun Mäusebussarde aufzupäppeln, die infolge der Kälte und des mangelnden „Freifutters“ entkräftet aufgefunden wurden. Vor allem diesen Greifvögeln geht bei ihrem Flug von Skandinavien in den Süden vielfach die Puste aus – sie müssen deshalb bei uns notlanden.

2016: 504 Großvögel und 183 Singvögel

Das Versorgen der vielen Probanden ist natürlich eine Heidenarbeit. Das brachte Verena Fingermann im Herbst an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit, als Pierre krankheitshalber ausfiel und sie täglich im Garten allein 28 Großvögel wie Waldkäuze, Turmfalken, Mäusebussarde, Störche und Schwäne versorgen musste; außerdem piepsten in der heimischen Voliere zehn Singvögel und bettelten um Futter. Trotz des zweimonatigen Ausfalles von Pierre wurden im vergangenen Jahr 504 Großvögel und 183 Singvögel im Fingermannschen „Vogelkrankenhaus“ gesund gepflegt. Darunter waren die 74 Turmfalken die größte Gruppe, aber auch ein seltener auf der Iffezheimer Rennbahn gefundener Merlin (kleine Falkenart) sowie zwei Schwarzspechte mussten aufgepäppelt werden – übrigens die ersten ihrer Art in der 23-jährigen Ära des Vogelasyls.

Künftig keine Zeit mehr für Singvögel

Seit dem Beginn der ehrenamtlichen Vogelbetreuung im Jahr 1993 wurden im Hause Fingermann in der Rastatter Münchfeldfsiedlung 4 283 Großvögel und 1 966 Singvögel verarztet, darunter 21 Uhus, 65 Störche und 452 Turmfalken. Im Falle der Versorgung von Singvögeln wollen die Fingermanns aber in Zukunft kürzer treten. „Wir können uns aus Kapazitätsgrenzen nur noch ausnahmsweise um die kleinen Vögel kümmern“, resümiert Pierre, der täglich eine „Unmenge von tiefgefrorenen Eintagskücken und Mäusen“ verfüttert. „Da bleibt ganz einfach keine Zeit mehr für die aufwendige Betreuung von Singvögeln“. Zumal im Rückblick auf 2016 an Tagen wie im Juni 163 verschiedene Vogelarten versorgt werden mussten.

Turmfalken-Bäuchlein massiert

Der 71-jährige Pierre Fingermann verweist auch auf die zusätzliche schriftliche Arbeit, da alle seine Probanden genau aufgelistet werden müssen. Dies ist vor allem im Falle von Jungvögeln erforderlich, zu deren Entnahme aus dem Nest es artenschutzrechtliche Bestimmungen zu beachten gilt und Genehmigungen beim Regierungspräsidium eingeholt werden müssen. Als Beispiel nannte er einen „Großeinsatz“ in einer Kirche, als aus einem Turmfalkenhorst wegen Bauarbeiten zwei Tage alte Kücken geborgen werden mussten, „denen Verena hernach in unendlicher Geduld für den Stuhlgang das Bäuchlein massieren musste“ – alle fünf haben schließlich überlebt.