Popcornbecher
Einen Becher Popcorn - bitte ohne PFC: In Lebensmittelverpackungen, die fett- und wasserabweisend sind, können per- und polyfluorierte Chemikalien verwendet worden sein, müssen aber nicht. Für den Laien eine schwierige Situation. | Foto: Reiner Sturm/Pixelio

Nützliche Effekte ziehen

PFC stecken manchmal auch im Pizzakarton

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Von Patricia Klatt

Mittlerweile ist in Mittelbaden eine Fläche von fast 500 Hektar mit den unterschiedlichsten per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC) verseucht. Als Ursache werden möglicherweise PFC-haltige Papierschlämme diskutiert. Die Badischen Neuesten Nachrichten gehen deswegen der ganz allgemeinen Frage nach, in welchen Papier-Produkten denn überhaupt PFC enthalten sein könnten.

Die Papierindustrie setzt auf die nützlichen Effekte von PFC

„Auch in der Papierindustrie ermöglicht die Ausrüstung mit Fluortelomer-Produkten (siehe Hintergrund) nützliche Effekte, zum Beispiel für Tapeten mit Schmutz abweisenden Eigenschaften oder für fettdichte Verpackungen von Nahrungsmitteln und Tierfutter“, so ist es der Homepage einer großen Firma im Bayerischen zu entnehmen. Sie stellt spezielle Produkte her, die zu der großen Gruppe der per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC) gehören. Davon ist PFOA (Perfluoroctansäure) nachgewiesenermaßen gesundheitsschädlich und der Einsatz äußerst streng reglementiert.

Laie kann PFC nicht sehen

So wirbt auch obige Firma explizit damit, PFOA-freie Mittel entwickelt zu haben, um ihr Papier öl-, wasser- und fettabweisend zu machen. Das hört sich gut an, aber leider basiert besagtes neu entwickeltes Produkt auf kurzkettigen PFC. Die werden als umweltfreundlicher beworben, aber die Erfahrungen in der Region sagen etwas anderes. PFC-beschichtete Papiere sind generell nicht unproblematisch oder besonders umweltfreundlich. Für den Laien ist es fast unmöglich zu erkennen, welche Produkte dazu gehören. Hochglanzpapier oder Fotopapier können ebenso mit PFC beschichtet sein wie Klebeetiketten, um das Durchdringen des Klebers zu verhindern. Getränkebecher, Pizzakartons, Muffinförmchen, Popcornverpackungen für die Mikrowelle – all diese Papiere können eine PFC-Beschichtung haben. Das Fraunhofer-Institut in Freising fand außerdem verschiedene PFC in Butterwicklern, Backpapieren, Käseverpackungen, Butterbrotpapieren, Faltschachtelkartons und Fastfood-Verpackungen.

Papierindustrie bleibt einsilbig

Eine BNN-Anfrage im Papierzentrum in Gernsbach nach weiteren Details zu PFC in der Papierproduktion wurde mit dem Hinweis auf die laufenden PFC-Verfahren abgeblockt. Auch der Pressesprecher des Verbandes der deutschen Papierindustrie zeigte sich äußerst einsilbig und verwies trotz mehrfacher Nachfrage nur auf die laufenden Gerichtsverfahren, man würde sich zu PFC nicht äußern.

Wissenschaftler untersuchen, ob Chemikalien von Verpackungen auf Lebensmittel übergehen

„Fluorchemikalien werden verwendet, um Papier und Pappe wasser- und fettabweisend auszurüsten“, erklärt Almut Reichart, Papierexpertin des Umweltbundesamts. „In der Regel werden in der Papierindustrie nur Perfluorchemikalien eingesetzt, die in den Empfehlungen des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR) genannt sind“, so Reichart. Aber trotz des häufigen Einsatzes sind PFC in Lebensmittelverpackungen offenbar nicht unproblematisch, denn es gab bereits vor zehn Jahren zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, ob und wie viele der PFC von den Lebensmittelverpackungen auf die Lebensmittel übergehen. Auch heute ist das Thema immer noch hochaktuell. Spanische Forscher wiesen im Mai 2016 in unterschiedlichen Lebensmittel-Verpackungsmaterialien aus beschichtetem Karton bis zu 14 verschiedene PFC sowie bis zu zehn der PFC-Vorstufen nach.

Hintergrund

Produkte, die in der Papierindustrie im Einsatz sind, basieren auf verschiedenen PFC, etwa auf Fluorcarbonharzen (FC), und Perfluorpolyethern (PFPE). Einen kleineren Teil stellen die auch die Perfluoralkylphosphate (PAP) dar, die aber zum Teil zu Fluortelomeralkoholen (FTOH) und schließlich in geringen Mengen zu Perfluorcarbonsäuren umgewandelt werden, aber auch zu PFOA. Als Verunreinigung können daher PFOA und FTOH im Papier enthalten sein. Auch über das Altpapier kann etwa PFOA eingetragen werden. Da hier schon geringste Konzentrationen als umweltrelevant angesehen werden, sind auch solche Spurenverunreinigungen nicht unerheblich.

Rezepturen sind Betriebsgeheimnis

„Es gibt vergleichsweise wenige Papierfabriken in Deutschland, die PFC-haltige Zubereitungen im Produktionsprozess einsetzen,“ erklärt Antje Kersten von der Uni Darmstadt auf Anfrage der BNN. „In diesen Fabriken wurde, wie es in der Zeit bis zirka 2010 üblich war, nur auf PFOS und PFOA untersucht“, was – wenn man die Ergebnisse der spanischen Wissenschaftler bedenkt – mit Sicherheit nicht ausreichend war. Nach Ansicht von Kersten ist die Kenntnis der Papierfabriken über die die PFC-haltigen Zubereitungen, die sie einsetzen, auch nicht besonders ausgeprägt. „Sie dürfen nicht vergessen, dass die weltweit wenigen namhaften Hersteller dieser PFC-Zubereitungen auch nur soviel über die Zusammensetzung verraten, wie sie gesetzlich verraten müssen. Da reden wir von Rezepturen, die Betriebsgeheimnis sind. Wenn Sie ein Sicherheitsdatenblatt dieser Zubereitungen in die Hände bekommen, werden Sie sich wundern, wie wenig Informationen Sie über die Zusammensetzung bekommen. Und dann höchstens solche Aussagen, wie ,enthält 20-25 Prozent PFC im Kettenlängenbereich C8 bis C20‘ oder ähnlich“, so Kersten.

Suche nach Alternativen zu PFC läuft

Um die Verwendung von fluorierten Chemikalien in diesem Bereich zu verringern, ist allerdings nach Ansicht von Almut Reichart ein generelles Umdenken notwendig. Zwar gebe es momentan zu den eingesetzten Fluorchemikalien keine wirksamen Alternativen, um alle geforderten Effekte zu erreichen. Aber die Suche nach weniger kritischen Alternativen zur wasser- und fettdichten Ausrüstung von Papieren, wie zum Beispiel durch Verwendung von Paraffinen und Silikonen, erscheine jedoch vielversprechend und sollte durch die Genehmigungsbehörden eingefordert werden. Manche Firmen werben bereits damit, dass sie PFC-freie Beschichtungen verwenden. Eine österreichische Firma bietet sogar wasser- und fettabweisendes Verpackungsmaterial aus Baumwolltüchern an, die mit Bienenwachs, Baumharz und Jojobaöl behandelt wurden.

Kundentelefone helfen weiter

Interessierte können sich tatsächlich über das Kundentelefon der Firmen informieren. „Gerne teilen wir Ihnen auf Ihre Anfrage zu unserem Backpapier mit, dass es beidseitig mit Silikon beschichtet ist“, so die Antwort einer großen Handelskette. Und das Umweltbundesamt hat eine App entwickelt (scan4Chem), über die man direkt beim Händler eine Anfrage nach besorgniserregenden Chemikalien stellen kann.