WM-Gastgeber
Russland fiebert der WM entgegen, doch die Erwartungen an das eigene Team sind eher gering. | Foto: Marcus Brandt

Fussball in Russland

Leiden, fluchen und hoffen

„Hallo, Torwart, sei bereit zum Gefecht,

Du bist der Wachmann vor dem Tor!

Stelle dir vor, dass hinter dir

Die Staatsgrenze verläuft!“

(sowjetisches Lied „Sportmarsch“, 1937)

Die Kollegin im fernen Moskau, nennen wir sie Irina, möchte auf keinen Fall ihren wirklichen Namen in Deutschland lesen. Schließlich ist Irina als Redakteurin einer Kreml-treuen Zeitung der offiziellen Linie verpflichtet, die vor der nahenden Fußball-Weltmeisterschaft nichts anderes als die frohlockende, offensive, patriotische Siegesgewissheit vorsieht. Dass Russland sich im Heimatturnier mit Ruhm bekleckert, hält die sportbegeisterte Mittfünfzigerin jedoch für fast ausgeschlossen.

„Es wurde jetzt sogar ein netter Film darüber gedreht, wie das russische Team die WM gewinnt. Wie bei vielen anderen Russen lebt auch in meiner Seele noch die Hoffnung, dass es diesmal klappen könnte“, sagt Irina. „Doch es wird ziemlich sicher ein Kapitän eines anderen Teams sein, der am 15. Juli das Weltpokal triumphierend hochhalten wird. Dann werden in Russland alle sagen, es sei doch ganz klar gewesen, dass unsere Mannschaft mit den Weltbesten nicht mithalten könne“.

Sie verdienen viel Respekt, die russischen Fußballfans, deren große Leidensfähigkeit sich höchstens noch mit dem Stoizismus der Anhänger der englischen Nationalelf messen kann, welche im Elfmeterschießen traditionell versagt. Tatsächlich könnte aber die unerschütterliche Liebe mancher Russen zum Fußball sogar noch tiefer sein als die der Briten.

Denn im größten Flächenstaat der Welt, der sich über elf Zeitzonen erstreckt, ist es für hartgesottene Fans nichts Ungewöhnliches, Tausende von Kilometern zu den Spielen ihrer Lieblingsmannschaft zu reisen und dabei auch allerlei Abenteuer und Entbehrungen in Kauf zu nehmen. Dazu gehört oft die Gefahr, in einer fremden Stadt von gewaltbereiten Anhängern des Gegners und übergriffigen Polizisten verprügelt zu werden.

Weil Fernreisen teuer sind, gehen manche zudem das Risiko ein, schwarz zu fahren oder sie sparen eisern bei Unterkunfts- und Verpflegungskosten. Wenn dann auch noch ihr Team verliert, kann der Frust bei den Fans enorm sein – bis am nächsten Morgen jedoch die Hoffnung auf künftige Siege wieder aufkeimt. Nicht umsonst stammt das russische Wort „bolelschtschik“ („Sportfan“) vom Verb „boletj“ ab, was „krank sein“ bedeutet. In Russland weiß man eben, dass eine jede noch so tiefe sportliche Depression mit überschäumenden Glücksgefühlen ein jähes Ende finden kann.

Allerdings, würden an dieser Stelle viele ältere Russen einwerfen, kamen diese Gefühle des puren Glücks in Stadien und vor den Bildschirmen früher häufiger. Zwar sind die Erfolgsgeschichten des sowjetischen Fußballs mittlerweile etwas verblasst, in den Herzen der Ü-40-Generationen bleiben sie trotzdem lebendig. Aus ihnen erwächst heute – gewiss mit propagandistischer Beihilfe des Staates – das Selbstverständnis des Landes als einer ruhmreichen sportlichen Großmacht.

In der Sowjetunion konnte es der Fußball einst bei der Popularität im Volk locker mit dem Nationalsport Eishockey aufnehmen, angefangen bereits in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, als Fußballspiele wie Familienfeste zelebriert wurden und die Stadien-Imbisse den Besuchern in den Spielpausen billigen Wodka mit belegten Broten servierten.

Natürlich war sowjetischer Fußball immer auch hochpolitisch, Kraft ihrer Macht entschied die kommunistische Parteiführung, wann und wo die Nationalmannschaft die Landesehre zu verteidigen hatte – oder eben nicht. Als 1952 der damalige Fußballverband in Moskau die Einladung zur WM in der Schweiz (1964) bekam, sagten die Funktionäre nach langem Zögern vorsorglich ab, weil sich niemand getraut hat, den in seinem Zorn unberechenbaren und bekanntermaßen fußballfernen Diktator Jossif Stalin um Erlaubnis zu fragen. Erst vier Jahre nach dem „Wunder von Bern“ debütierte die Atommacht international auf dem Fußballrasen und kam bei der WM in Schweden immerhin ins Viertelfinale, wo sie gegen das Heimteam den Kürzeren zog.

In den folgenden drei Jahrzehnten erlebte der sowjetische Fußball seine Blütezeit: Dem Gewinn der EM 1960 folgten der Aufstieg zu den weltbesten Top-4-Mannschaften bei der WM-1966 und zwei Olympia-Goldmedaillen. Fußballhelden wie Igor Netto, Eduard Strelzow und vor allem der legendäre Torwart Lew Jaschin wurden von der Parteiführung mit den höchsten Orden ausgezeichnet und im Volk verehrt. Dem Letzteren zu Ehren stellte das dankbare Land Denkmäler auf, benannte Straßen nach Jaschin um, widmete ihm Silbermünzen, Preise und Gedichte. „Die Jahre fliegen davon, jeder von ihnen wie ein Elfmeterschuss, den du abwehren wirst“, schrieb voller Bewunderung für den ersten sowjetischen Weltfußballer des Jahres (1963) der berühmte Dichter Robert Roschdestwenski.

Mit Oleg Blochin (1975) und Igor Belanow (1986) gewannen zwei weitere Sowjetfußballer diesen Ehrentitel. Beide spielten sie für Dynamo Kiew, den Club, der seit 1964 stets zu den Top-Anwärtern auf den Meistertitel neben Spartak Moskau, Dynamo Moskau, ZSKA und Dynamo Tbilissi gezählt hat. Die 70er- und 80er waren die goldenen Jahrzehnte des Clubfußballs in der Sowjetunion, mit vollen Stadien und einen Millionenpublikum vor den Fernsehern. Das Land erlebte in dieser Zeit auch die Geburt der Fankultur, die vom Staat als unerwünschter „bourgeoiser Einfluss“ unterdrückt wurde.

Sie hatte auch eine dunkle Seite. Noch heute redet man in Russland von den brutalen Straßenschlachten 1987 zwischen den Hooligans in Kiew und Vilnius. In Moskau war es Mitte der 80er-Jahre ratsam, an Spieltagen seine Clubfarben nicht offen zu zeigen und auch einige U-Bahn-Stationen zu meiden, wo mit hoher Wahrscheinlichkeit Dutzende auf Krawall gebürstete Fußballfans auf ihre Opfer warteten. Wenige Jahre später war jedoch alles vorbei.

Der Niedergang des sowjetischen Fußballs begann, noch ehe sich die Sowjetunion aufgelöst hatte, als  sich 1990 die georgischen und litauischen Clubs aus der nationalen Meisterschaft zurückzogen. 1991 holte sich ZSKA Moskau den letzten Meistertitel des zerfallenden Vielvölkerstaates. Die tiefe wirtschaftliche und soziale Krise Russlands nach der Abspaltung der unabhängig gewordenen Republiken versetzte dem Sport einen schweren Schlag, von dem sich der russische Fußball noch zweieinhalb Jahrzehnte später nicht vollständig erholt hat.

Experten bemängeln heute teils halbleere Stadien die mangelhafte Finanzierung der vielfach schlecht gemanagten Clubs, die dürftige Jugendarbeit, zu viele ausländische Spieler in der Meisterschaft und eine alarmierende Überalterung von Stammspielern in der russischen Nationalelf, die kaum mit wirklichen Stars glänzen kann, dafür aber seit 2010 vier Trainerwechsel erlebt hat. Doch die Hoffnung der „bolelschtschiky“ ist dennoch nicht totzukriegen.

Die leidgeprüften Russen fiebern der WM entgegen – und schaudern doch bei dem Gedanken, welch große sportliche Schmach sie schon bald erwarten könnte. „Wir wollen hoffen, dass unser Team ein würdiges Ergebnis zeigt“, sagt dazu Präsident Wladimir Putin. Um das Interesse für die Heim-WM zusätzlich zu befeuern, will die russische Regierung für den Transport der Zuschauer zu den Stadien in elf Städten insgesamt 728 Eisenbahnzüge und rund 20 000 Busse kostenlos zur Verfügung stellen. Auch Irina, die fußballbegeisterte Journalistin aus Moskau, wird wohl bald in einem von ihnen sitzen.