Frau küsst Frosch
Froschkönig gesucht: Viele Deutsche zweifeln zwar am Modell von Ehe, Treue und lebenslanger Partnerschaft, doch der Traum von einer glücklichen Beziehung bleibt. | Foto: eyeQ / Adobe stock

Liebe, Lust und Leid

Die schwierige Suche nach der besseren Hälfte

Was findet die aparte Südstaatenschönheit nur an diesem farblosen Langeweiler Ashley Wilkes? Dabei steht die schneidige Alternative direkt vor dem ziemlich hoch getragenen Näschen der jungen Dame. Ihre Geschlechtsgenossinnen würden den groß gewachsenen Burschen mit dem feurigen Blick und dem zupackenden Wesen jedenfalls kaum von der Bettkante stoßen; nur die grünäugige Egomanin, die bestenfalls halbgebildet und politisch desinteressiert, dafür mit einem irrwitzigen Geschäftssinn ausgestattet ist, erkennt den Traumprinzen nicht. Den knisternden Kuss muss der Draufgänger förmlich erzwingen, mit einer sich anfangs noch zierenden, dann willenlosen Scarlett im Arm. Doch nicht mal die leidenschaftliche Liebkosung bringt die Herrin von Tara auf den richtigen Dreh. Erst am Ende des nicht enden wollenden Beziehungskrieges mit Rhett Butler dämmert ihr, dass sie auf der Suche nach Liebe womöglich jahrelang dem falschen Traumprinzen hinterher gejagt ist. Doch gewohnt trotzig bietet sie dem Schicksal die Stirn: „Morgen auf Tara will ich darüber nachdenken. Morgen wird mir schon einfallen, wie ich ihn mir wieder erobere“, heißt es in der Schlussszene des Kino-Klassikers „Vom Winde verweht“.

Die Suche nach Mr. Right und Lady Perfect ist nicht nur das Sujet von Kino- und Fernsehfilmen, der Stoff schwülstiger Romane und philosophischer Abhandlungen. Die Sehnsucht nach der besseren Hälfte, nach dem Menschen, der uns für immer glücklich machen soll und dem man sich zugehörig fühlt, ist selbst in einer Gesellschaft Herzenswunsch, in der Single-Dasein und gescheiterte Beziehungen die Norm und nicht die Ausnahme sind. Geändert haben sich im Lauf der Jahrhunderte die Methoden des Anbandelns, die Ansprüche gegenüber dem potenziellen Partner. Während die Römer zu Ehren ihrer Göttin Juno, der Beschützerin von Ehe und Familie eine „Liebeslotterie“ abhielten, mit den Namen aller möglichen Herzensdamen in der Lostrommel, setzen Millionen Bindungswillige ihre Hoffnungen heute auf Heiratsinserate, Partnerbörsen im Internet oder auf Speed-Dating, wo im Minutentakt abgecheckt wird, welcher Deckel zu welchem Topf passt. Der Standardspruch, den gute Freunde nach jeder Liebespleite auf Lager haben, ist allerdings nicht wirklich zweckdienlich, wie der Mediziner, Moderator, Komödiant und Wissenschaftsjournalist Eckart von Hirschhausen erkannt hat:

 Der Romantiker in uns sagt, dass es für jeden Menschen auf der Welt genau einen richtigen Partner gibt. Und der Realist sagt: Da muss ja nur einer den Falschen nehmen, und dann geht’s für alle nicht mehr auf

In Hollywoodfilmen scheint die Liebe so einfach zu sein. Sie trifft den Mann ihres Lebens und nach einigen Wirrungen landen sie zielsicher im siebten Himmel. Im wirklichen Leben droht statt glücklichem Happy End eher ein großes Desaster. Die nackten Zahlen sprechen eine klare Sprache und müssten jeden halbwegs realistischen Zeitgenossen an der Vorstellung von ewiger Liebe zweifeln lassen. In städtischen Milieus geht jede zweite Ehe zu Bruch, Scheidungen sind längt keine große Sache mehr, und selbst das Sprichwort „Alte Liebe rostet nicht“ hat ausgedient, weil sich Paare bei aller Sorge um Kinder, Beruf und Existenz aus den Augen verloren haben. Am Modell von Ehe, Treue und lebenslanger Partnerschaft haben viele Deutsche laut einer repräsentativen Umfrage der GfK Marktforschung Nürnberg so ihre Zweifel; und Alleinlebende sind meist auch nicht wirklich alleine, weil sie häufig über einen großen Freundeskreis verfügen.

Liebesschloss in Paris
Liebesschlösser halten oft länger als so manche Beziehung. | Foto: dpa

Dennoch boomt das Geschäft mit der Partnervermittlung, weil Persönlichkeitsprofilen und Matching-Algorithmen mehr Vertrauen geschenkt wird als dem eigenen Bauchgefühl. Fernsehsender verfolgen mit Wonne die Lust auf Liebe, auch wenn Datingshows wie „Bauer sucht Frau“, „Gräfin gesucht“ oder „Der Bachelor“ nur inszenierte Massenunterhaltung sind. Welcher Bauer käme schon auf die Idee, seine Herzensdame mit dem Traktor vom Bahnhof abzuholen? Welches kluge Frauenzimmer lässt sich durch verbales Süßholzgeraspel und einer Rose umgarnen? Je schräger der Typ – wie der 71-jährige Hühnerbauer Hansi, der das Wasser seines wöchentlichen Bades angeblich in der Wanne stehen lässt, um damit die Toilette zu spülen –, desto höher die Einschaltquote. Zwei Tonnen Mist vor den Toren des Kölner Senders wären laut „Stern“ die gerechte Strafe dafür, dass Deutschlands Bauern als komplette Volltrottel dargestellt werden. Dabei gibt es zwischen Allgäu und Vorpommern durchaus attraktive, zupackende Landwirte: Der Jungbauernkalender mit seiner streng limitierten Auflage ist meist innerhalb weniger Tage vergriffen. Doch solche Prachtexemplare der Gattung Deckel kommen auch ohne TV-Unterstützung unter die Haube.

Küss keinen Frosch, warte auf den Traumprinzen, den Herzkönig

heißt es in einem schon etwas angestaubten Gedicht. Doch was ist, wenn der Jüngling auf dem weißen Pferd nicht kommt? Wenn die Traumfrau eine solche bleibt? Für die Berliner Psychologieprofessorin Jule Specht steht fest, dass zu hohe Ansprüche an die potenziellen Kandidaten und Kandidatinnen zielsicher in die Einsamkeit führen. Bis ins 19. Jahrhundert kam es nicht so sehr darauf an, wen man heiratete, sondern dass man heiratete – nicht wegen der Schmetterlinge im Bauch, sondern wegen der Aussicht auf gegenseitige Fürsorge. Ein beruflicher Aufstieg durch Heirat? Daran fand man nichts Verwerfliches. Im Gegenteil: Mit Handkuss nahm mancher Handwerksgeselle eine Meisterwitwe zur Frau, weil sie neben einer warmen Bettstatt einen eigenen Betrieb als Mitgift vorzuweisen hatte; und bei Königs diente das Ehebündnis ohnehin nur zur Untermauerung des eigenen Machtanspruchs. Das Paradies erwartete keiner. Heute dagegen suchen Paare den Himmel auf Erden, die ganz großen Emotionen, das nicht enden wollende Liebesglück, bis dass der Tod sie scheidet.

 

Hochzeitstorte
Mit Gefühlen überfrachtet: Wissenschaftler glauben, dass zu hohe Erwartungen an den Partner mit ein Grund für das Scheitern vieler Ehen sind. | Foto: dpa

Dabei sind Gefühle eine ziemlich wacklige Angelegenheit, unberechenbar, gelegentlich sogar heimtückisch. Für Richard David Precht, Bestsellerautor und Patchworkfamilienvater, ist die Liebe ein ziemlich unordentliches Gefühl, das einen ohne Vorwarnung überfällt, jegliches vernünftige Denken außer Kraft setzt und sich auch wieder verflüchtigt. „Wir versuchen, mit dem Konzept der romantischen Liebe alles unter einen Hut zu bringen: Prickelnde Leidenschaft auf der einen und vertrauliche Geborgenheit auf der anderen. Und das am besten auf Dauer. Das ist eine Quadratur des Kreises, eine Fiktion, die nur in den seltensten Fällen real wird“, so der Mann, der von einem Magazin schon mal als „Deutschlands telegenster Starphilosoph betitelt wurde. Für ihn müssen die Lebensentwürfe der beiden Partner zueinander passen, so wie es der amerikanische Psychologe Robert J. Sternberg in seinem Liebesfilm-Modell erklärt hat:

Wenn sich ein Paar einmal für die harmonische Romanze entschieden hat und ein Partner plötzlich auf Swinger-Komödie umsattelt, geht der Plot halt mit Trennung aus.

Also „Augen auf bei der Partnerwahl“. Wer sich nicht allein auf den Leitspruch der feministischen Frauenbewegung verlassen möchte, sollte zumindest ein wenig Ahnung von Wissenschaft haben. Mit nüchternem Sachverstand an das Hormon-Feuerwerk herangehen? Was für eine schreckliche Vorstellung! Doch genau davon sind James Murray, Professor an der Oxford University, und sein Kollege John Gottman von der University of Washington in Seattle überzeugt: von der Formel für die ewige Liebe. Niemand untersucht das Gefühl tiefster Zuneigung so systematisch wie der schottische Mathematiker und der US-amerikanische Psychologe; niemand beobachtet Paare genauer und misst alles, was messbar ist: Atemfrequenz, die Leitfähigkeit der Haut, der Hormonspiegel.

Frau vor Computer
Online-Dating boomt. Millionen Singles durchforsten regelmäßig das Netz nach einer neuen Liebe. | Foto: dpa

So trivial es klingen mag: Den Forschern reichte ein 15-minütiges Streitgespräch zwischen den Paaren, um Prognosen zur Haltbarkeit der Ehe zu geben. Was die später unglücklichen von den noch immer glücklichen Paaren unterschied, waren die körperlichen Reaktionen während des ehelichen Wortgefechts zu einem Schlüsselthema. „Mancher Körper reagierte, als würde er es mit einem gefährlichen Tier aufnehmen müssen – und nicht mit einem geliebten Menschen“, so der Mathematiker Murray. Er war selbst überrascht, wie hoch die Trefferquote seiner Einschätzungen war: „In 94 Prozent aller Fälle waren unsere Berechnungen richtig. Paare, denen wir – natürlich geheim – ein Scheitern der Ehe prognostizierten, trennten sich sogar zu 100 Prozent“, so der Wissenschaftler. Er selbst scheint alles richtig zu machen, umgeht die „apokalyptischen Reiter“ einer Beziehung – Entfremdung, Gleichgültigkeit und Verachtung – und lässt einer haarigen Situation im ehelichen Gespräch mindestes fünf gute Momente folgen. Seit einem halben Jahrhundert ist er glücklich verheiratet. Wirklich überzeugt scheint er vom Nutzen seiner mathematischen „Principia amoris“ jedoch nicht zu sein: „Paare mit Heiratsabsichten möchten keine Prognose über ihre Chancen. Die möchten träumen“, so der Experte.

Extratipp

Wer sucht ihn nicht, den perfekten Partner? Und trotz einer Vielzahl an Möglichkeiten, die bis hin zu Dating-Apps und Fernsehshows reichen, ist es nicht leichter geworden, den passenden Deckel zum Topf zu finden. Die Kulturwissenschaftlerin Annegret Braun rollt in ihrem Buch „Mr. Right und Lady Perfect“ die Geschichte der Partnersuche auf und erklärt, warum früher vieles einfacher war. Sie beschreibt auf humorvolle und unterhaltsame Weise, wie sich die Suche nach der Liebe im Laufe der Zeit verändert hat, erläutert die gesellschaftlichen Umstände anhand von Tagebucheinträgen, biografischen Geschichten und Zeitungen.

Annegret Braun: Mr. Right und Lady Perfect – Von alten Jungfern, neuen Singles und der großen Liebe. ISBN 978-3-650-40195-3, Preis: 19,95 Euro.