Ironie, mit Spaß vorgetragen: Harald Martenstein war mit seinem aktuellen Buch "Im Kino" zu Gast bei der Literarischen Gesellschaft in Karlsruhe.
Ironie, mit Spaß vorgetragen: Harald Martenstein war mit seinem aktuellen Buch "Im Kino" zu Gast bei der Literarischen Gesellschaft in Karlsruhe. | Foto: Matthias Walz

Martenstein liest in Karlsruhe

Schreiberling ohne Badehose

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Die deutsche Leitkultur, da ist er Spezialist. Nur zufällig, wie er bemerkt. Gänzlich nicht zufällig ist es ihm, Harald Martenstein, in Montenegro gewahr geworden, in einer Sauna, berichtet er.

„Getrennt, Frauen und Männer.“ Die Männer, deren Gesellschaft er im Schwitzen teilen wollte, musterten ihn argwöhnisch. „Ja, geradezu böse.“ Sie alle trugen Badehosen. Er, der Deutsche, hatte sich seiner Unterwäsche entledigt.Die deutsche Leitkultur, da ist er Spezialist. Nur zufällig, wie er bemerkt. Gänzlich nicht zufällig ist es ihm, Harald Martenstein, in Montenegro gewahr geworden, in einer Sauna, berichtet er. „Getrennt, Frauen und Männer.“ Die Männer, deren Gesellschaft er im Schwitzen teilen wollte, musterten ihn argwöhnisch. „Ja, geradezu böse.“ Sie alle trugen Badehosen. Er, der Deutsche, hatte sich seiner Unterwäsche entledigt.

Das Leid eines Filmkritikers

Das Publikum lacht, die Pointe sitzt. Martensteins Lesung im Prinz-Max-Palais, veranstaltet von der Literarischen Gesellschaft, ist ausverkauft. Unter anderem liest der Autor (Zeit, Tagesspiegel) aus seinem aktuellen Buch „Im Kino“. Der Berliner „Schreiberling“ (O-Ton Martenstein) ist gern gesehener Gast in Karlsruhe.Zurück zu Martenstein ohne Badehose: Der Hang zum Nacktsein wohne den Deutschen inne, liest er vor. Nackt Wandern? Kein Problem? Nackt Kreuzfahren? Gerne! „Wenn sich Menschen anderer Nationalitäten ausziehen, weiß man, wo das unweigerlich endet: Sex! Bei den Deutschen: Alles ist möglich.“

Überhaupt, die Perspektive macht‘s, Martenstein ist Filmkritiker, und das gerne. Regelmäßig ist er auf der Berlinale. „Sieben Tage lang Filme mit Menschen, denen es schlecht geht“, stellt er fest. Ginge es nach ihm, man könne auch „Die Leute von der Shiloh Ranch“ zeigen. Berührungsängste mit seichtem Filmstoff kennt er nicht. Martenstein lässt ein Kapitel aus den Anfangstagen seiner Laufbahn Revue passieren. „20 Pfennige pro Zeile gab es für Filme wie ,Beim Jodeln juckt die Lederhose’“. Die Kinobetreiber waren Anzeigenkunden. Der junge Martenstein war daher dazu verdammt, die Streifen gut zu finden, berichtet er. Das zur Belustigung seiner damaligen Mitstudenten.

Martenstein war ahnungslos bei Erich Fromm

Es ist die abschließende Kolumne, in der der Berliner auf seine Zeit im Badischen zurückschaut. Als junger Reporter in Titisee-Neustadt sollte er den bekannten Psychoanalytiker Erich Fromm interviewen. „Den Namen Erich Fromm hatte ich noch nie gehört. Ich hatte Karl Marx gelesen.“

Ob er einen zweiten Teil von „Die Kunst des Liebens“ plane, ob Marx eine psychotherapeutische Behandlung nötig gehabt habe – bei diesen Fragen habe Fromm ganz sicher mitbekommen, wie ahnungslos Martenstein gewesen war. „Er plauderte dennoch auf die angenehmste Weise fast zwei Stunden mit mir.“ Er selbst, so Martenstein, habe zu viel vergessen und sei nicht weise genug. Sonst hätte er den zweiten Teil von „Die Kunst des Liebens“ verfasst.