Die Aufnahme aus einem Polizeivideo zeigt, wie eines der Giftopfer von Notfallmedizinern in Schutzkleidung abtransportiert wird.

Zweiter Nowitschok-Fall

London verfolgt mögliche russische Spur

Von Alexei Makartsev und Silvia Kusidlo

Vier Monate nach dem Anschlag auf Sergei und Julia Skripal in Großbritannien schweben erneut ein Mann und eine Frau aus der Kleinstadt Amesbury nach einer Vergiftung durch den Kampfstoff Nowitschok in Lebensgefahr. Möglicherweise haben sie einen kontaminierten Gegenstand berührt, der beim ersten Attentat benutzt worden war. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Fall.

Wie geht es den beiden Opfern?

Sie befinden sich in einem „kritischen Zustand“, heißt es in offiziellen Stellungnahmen. Bei Einlieferung in die Klinik waren sie nicht ansprechbar; ein Bekannter berichtete von Schaum, der den Opfern aus dem Mund lief. Wahrscheinlich liegt das Paar jetzt – wie damals der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia – im Koma. Das Nervengift gelangt über Haut oder Atemwege in den Körper und führt meist binnen weniger Stunden zum Erstickungstod. Wer dennoch eine Nowitschok-Vergiftung überlebt, dem drohen bleibende Schäden.

Wie reagieren die Menschen in der betroffenen Region Wiltshire?

Dass irgendwo noch Nowitschok-Reste herumliegen könnten, beunruhigt sie sehr. Sie fordern vor allem mehr Aufklärung von den Behörden. Diese schätzen die Gesundheitsgefahr aber nicht als besonders groß ein und haben bislang fünf Areale ausgemacht, in denen die Opfer kurz vor Auftreten ihrer ersten Vergiftungssymptomen waren. Darunter sind ein Park in Salisbury und eine Kirche in Amesbury. Wer hier in einem bestimmten Zeitraum gewesen sei, solle seine Kleidung waschen, Handys und Taschen abwischen und Schmuck mit warmen Wasser abspülen, so die Empfehlung. Unbekannte Objekte sollen nicht aufgehoben werden. Zudem richteten die Behörden eine Telefon-Hotline ein.

Was sagen die Ermittler?

Sie überprüfen derzeit, ob es Verbindungen zwischen den Skripals und den beiden Opfern aus Amesbury gibt. Laut dem Ermittlungsleiter bei der Anti-Terror-Einheit des Scotland Yard, Neil Basu, gibt es jedoch bislang keine Hinweise dafür, dass die Letzteren einen der kontaminierten Orte in Salisbury besucht haben könnten. Die Polizei ist sicher, dass das verwendete Gift zum Typ Nowitschok gehört, sie kann aber bislang nichts zum möglichen Übertragungsweg sagen. Auch bleibt es unklar, ob die beiden Giftspuren definitiv aus einer gemeinsamen Quelle stammen oder nicht. Insgesamt arbeiten mehr als 100 Polizisten an dem Fall.

Könnte Moskau für die Vergiftungen verantwortlich sein?

Möglich ist das schon, aber nicht sicher. Innenminister Sajid Javid forderte allerdings den Kreml am Donnerstag dazu auf, „zu erklären, was geschehen ist“. Laut Javid sei es „völlig inakzeptabel“ für Großbritannien, als „Müllhalde für Gifte“ genutzt zu werden. Er fügte hinzu: „Wir wollen keinen Streit mit den Russen. Es geht um das Vorgehen der russischen Regierung“. Das Kabinett von Theresa May konsultiert nach eigenen Angaben die „Verbündeten“ in der Angelegenheit. In Großbritannien gibt es jedoch Zweifel, ob die Regierung mit ihren Anschuldigungen den Mund nicht zu voll genommen hat. Dass Nowitschok in der Sowjetunion produziert wurde, ist nach Angaben Londons eine von mehreren Spuren. Es soll weitere Belege geben. Aber welche? Außenminister Boris Johnson beschuldigte Moskau, Nowitschok für potenzielle Anschläge gehortet zu haben. Fakt ist zumindest, dass es eine Häufung mysteriöser Todesfälle von Ex-Agenten und Kreml-Kritikern in Großbritannien gibt.

Schweigt Russland zum neuen Verdacht?

Nein, es gab bereits eine sarkastische Reaktion der russischen Vertretung bei der Organisation zum Verbot von Chemischen Waffen. „Für wie blöd hält man Russland, wenn man uns vorwirft, „schon wieder“ das sogenannte ,Nowitschok’ mitten in der Fußball-WM eingesetzt zu haben?“ twitterte am Donnerstag ein Mitarbeiter der Vertretung in Den Haag. Moskaus Botschaft in London verurteilte jegliche „Spekulationen“ über eine russische Spur und warf den Briten vor, die Untersuchung des neuen Giftfalls nicht transparent genug zu betreiben. Russland bot seine Mitarbeit bei den Ermittlungen an.

Gibt es wirtschaftliche Folgen für die Region?

Ja. Die Geschäftsleute sind genervt: Sie hatten durch Sperrungen und ausbleibende Touristen große Einbußen.

Mysteriöse Substanz Nowitschok

Sein Name klingt harmlos, doch Nowitschok (zu deutsch: Neuling) gilt als einer der tödlichsten Kampfstoffe. Sowjetische Forscher entwickelten die Serie neuartiger Nervengifte in den 1970er-Jahren im Geheimen, um internationale Verbote zu umgehen. Vermutlich besteht Nowitschok aus zwei an sich ungiftigen Komponenten, die ihre tödliche Gefahr erst beim Mischen entfalten. Der Stoff ist schwer nachzuweisen, die Überlebenschancen sind gering. Selbst bei Vergiftungen dieser Art übliche Gegenmittel wie Atropin können meist nur wenig ausrichten.

Das Relikt aus dem Kalten Krieg soll bis zu zehn Mal stärker wirken als der Kampfstoff VX. Mit diesem war 2017 der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un in Malaysia ermordet worden. Nowitschok ist nicht gleich Nowitschok; die Giftgruppe gibt es in Varianten. Der deutsche Chemiewaffenexperte Ralf Trapp ist überzeugt, dass in mehreren Ländern damit experimentiert wurde: „Ganz bestimmt in den USA, sicher auch in einigen europäischen Ländern und vielleicht auch in Staaten in Asien.“

Laut einem Bericht der regierungskritischen Zeitung „Nowaja Gazeta“ in Moskau wurde einer der Anführer der islamistischen Rebellen in der Teilrepublik Tschetschenien 2002 vermutlich durch Nowitschok getötet. Er soll einen vergifteten Brief erhalten und nach dessen Öffnen einen Atemstillstand erlitten haben. Die Investigativreporter der Zeitung verfügen nach eigenen Angaben über Zeugenaussagen, wonach ein Teil der Ampullen mit dem Nervengift auf dem Weg nach Tschetschenien „verloren gegangen“ war. Sie vermuten, dass die Militärs oder Entwickler in an Kriminelle verkauft haben könnten.