Auf dem Weg zum Verhör: Martin Luther (Simon David Grossenbacher, links) trifft auf Philipp Melanchthon (Lukas Tüg) | Foto: Klenk

„Luther“ in Ötigheim

Er handelt, weil er handeln muss

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ – dieser Satz wird Martin Luther gern zugeschrieben, belegt ist er aber nicht. Daher hört man ihn auch nicht im opulenten „Luther“-Stück der Volksschauspiele Ötigheim, in dessen Text der Autor Felix Mitterer zahlreiche Originalzitate eingearbeitet hat. Aber man kann diesen Satz spüren. Denn Hauptdarsteller Simon David Grossenbacher vermittelt mit faszinierender Bühnenpräsenz und Sprechkunst (die freilich nie gekünstelt wirkt): Hier handelt ein Mensch, weil er handeln muss. Weil ihn etwas Grundsätzliches so sehr antreibt, dass er schlichtweg nicht in der Lage ist, einen Kompromiss einzugehen.

Vom gebeugten Männlein zum unbeugsamen Protestler

Dabei wirkt Grossenbacher, der als Profi-Schauspieler das eindrucksvoll aufspielende Amateur-Ensemble ergänzt, auf den ersten Blick gar nicht wie eine naheliegende Besetzung für den unbeugsamen Protestler: Er ist schmal, schon fast hager, und wird von fast allen seiner Mitspieler überragt. Und in den ersten Bildern wirkt sein Luther wie ein gebeugtes Männlein, das anlässlich eines Gewitters (das ausschließlich auf den Pauken im Orchestergraben stattfindet) ins Bibbern gerät und sich gleich darauf von seinem erzürnten Vater (Hans-Peter Mauterer) wegen seines Entschlusses, Mönch zu werden, heftig abwatschen lässt.

Vom Vater unterdrückt: Zu Stückbeginn ist Luther gebeutelt und gebeugt. | Foto: Klenk

Doch das Zaudern und stetige Selbstanklagen, das auch Luthers Beichtvater Johann von Staupitz (Kurt Tüg) die Geduld raubt, erweist sich als Basis für das spätere Geschehen: Luther erscheint hier als jemand, der verzweifelt eine Aufgabe sucht. Und als er diese Aufgabe endlich findet – nämlich dem schwelenden Zorn über die ausbeuterische Raffgier der verlotterten Kirchenfürsten eine Stimme zu verleihen – gibt er sich ihr entsprechend bedingungslos hin.

Mann des Wortes, Mann der Sprache

So wie Luther ein Mann des Wortes war, ist Grossenbacher ein Mann der Sprache. Mit seiner variablen Stimme, die besänftigend werben und schneidend anklagen kann, vermittelt er die impulsiven Stimmungsumschwünge, zu denen sich der Überzeugungstäter Luther immer wieder hinreißen lässt – etwa im Verhör durch den listenreichen Kardinal Cajetan (Paul Maier) und den polternden päpstlichen Nuntius (Gerold Baumstark).

Von allen Seiten beobachtet: Luther kommt beim Reichstag in Worms an. | Foto: Klenk

Doch die rund dreieinhalbstündige Aufführung (drei Stunden Spielzeit, 30 Minuten Pause) ist natürlich nicht nur das Psychogramm der Titelfigur. Regisseurin Rebekka Stanzel bietet mit gutem Gespür für Dosierung, Dynamik und Dramaturgie alles auf, was das Publikum in Ötigheim erwarten darf: Bunte Volksszenen, Auftritte hoch zu Ross und per Kutsche, Tänze und Raufereien sowie viel Gesang.

Volksszenen mit Tanz und Gesang fehlen auch bei „Luther“ nicht auf der Freilichtbühne. | Foto: Klenk

Dabei gelingen die Übergänge zwischen den 23 Bildern, in denen Mitterers Stück schlaglichtartig die Jahre 1505 bis 1525 durchmisst, fließend und organisch. Und je mehr sich das Geschehen von der theologischen Kritik an kirchlicher Willkür zum Kampf gegen Unterdrückung überhaupt verlagert, um schließlich in den blutig niedergeschlagenen Bauernaufständen zu münden, desto mehr entwickelt sich das Volk von der bühnenbelebenden Statisterie hin zum eigenständigen Akteur – bis hin zur konsequenten und nachhallenden Schlussszene.

Stark besetzte Widersacher: Martin Kühn als Jakob Fugger, Stefan Hunkler als Johann Eck, Matthias Götz als Johann Tetzel. Vorne Johannes Kühn als Kurfürst Albrecht von Brandenburg. | Foto: Klenk

Die zahlreichen Widersacher und Weggefährten Luthers sind überzeugend besetzt. Neben den bereits Aufgeführten unbedingt zu nennen sind Matthias Götz als dämonisch-demagogischer Ablassprediger Johann Tetzel, Martin Kühn als strippenziehender Kaufmann Fugger, Roman Gallion als schlitzohriger Kurfürst Friedrich, Stefan Brkic als treuer Sekretär Spalatin, Lukas Tüg als aufstrebender Melanchthon, David Kühn als eifernder Andreas von Bodenstein, Johannes Kühn als arroganter Kurfürst Albrecht, Stefan Hunkler als selbstgefälliger Professor Johann Eck, Tobias Kleinhans als aufpeitschender Thomas Müntzer sowie Anna Hug als Luthers Ehefrau Katharina von Bora, die ihre Herzensgüte hinter bissiger Schlagfertigkeit verbirgt und damit der ohnehin abwechslungsreichen Aufführung gegen Ende eine weitere Note verleiht.
Stichwort Note: Die ebenfalls facettenreiche Musik von Hans Peter Reutter, aufgeführt unter der musikalischen Leitung von Ulrich Wagner, beschwört mit Flöten, Trompeten, Posaunen und Schlagzeug ein historisch stimmiges Klangbild herauf, das die gelungene Inszenierung akustisch abrundet.

Aufführungen

25. Juni, 2. Juli, 20., 27. August, jeweils 14.30 Uhr
1. Juli, 20 Uhr
9., 30. Juli, 6. August, jeweils 17 Uhr.

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