Ende einer Abwärtsspirale: Szene aus Josef Haders Regiedebüt "Wilde Maus". | Foto: Wega-Film/Berlinale

Filme im Berlinale-Wettbewerb

Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs

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Donald Trump würde über die männlichen “Helden” der aktuellen Berlinale-Filme wohl so urteilen: “Terrible losers! Sad!!!” Wobei: Vielleicht würde ihm gefallen, wie der Protagonist des japanischen Wettbewerbsbeitrags “Mr. Long” am Ende seine Kontrahenten aus dem Weg räumt. Die Hauptfigur ist nämlich als Profikiller ein wahrer Meister mit dem Messer, mit dem er etwa eineinhalb Dutzend miese Typen (Drogendealer/Zuhälter/Schläger) massakriert, die ihm ans Leder wollen.

Die Kunst des Schweigens

Dabei hatte er dem Töten eigentlich Lebewohl gesagt, nachdem ihn ein fehlgeschlagener Auftrag in Taiwan stranden ließ – ohne Ausweis, ohne Geld, aber mit schweren Stichwunden. Das Leben gerettet hat ihm ein kleiner Junge, der ihm Essen, Verbandszeug und Kleidung gebracht hat.

Vom Killer zum Koch und wieder zurück führt der Weg von „Mr. Long“. | Foto: Live Max Film/Berlinale

Als sich herausstellt, dass der schweigsame Neuankömmling hervorragend kochen kann, ist die Nachbarschaft begeistert. Der Fischer bringt Fisch, der Metzger Fleisch, die Handwerker renovieren eine leere Baracke und alle zusammen bauen ihm einen Verkaufsstand, der auch bombig einschlägt. “Warum passiert das alles?”, fragt er irgendwann den kleinen Jungen. “Weil du cool bist und nichts sagst”, antwortet der – eine der schönen lakonischen Pointen in einem Film, der für hiesige Sehgewohnheiten allerdings zu sehr zwischen Drastik, Groteske, Poesie und Tragödie schlingert.

Wortlose Langeweile

Dennoch gehört “Mr. Long” zu den unterhaltsameren Filmen im Wettbewerb – unter anderem, weil dem großen Schweiger dieses Films viele Plauderer gegenüber gestellt werden, was für ständige Dynamik sorgt. In Thomas Arslans Film “Helle Nächte”, dem ersten von drei deutschen Wettbewerbsbeiträgen, wird hingegen fast durchgehend geschwiegen: Ein Mann, dessen Ehe kurz nach der Geburt seines Sohnes wegen seiner permanenten Seitensprünge in die Brüche ging, hofft darauf, bei einer Reise mit dem 15-Jährigen durch Norwegen dem Sprössling etwas näher zu kommen. Die angespannte Atmosphäre zeigt Arslan in langen wortlosen Autofahrten und langen wortlosen Wanderungen durch die Natur. So beeindruckend die Landschaftsaufnahmen sind, deren Gewicht und Präsenz im Verlauf des Films immer größer wird, so unbeeindruckt davon bleiben die Figuren, deren Anschweigen ab und zu durch gereiztes Anschreien unterbrochen wird.

Wer solche Szenen mag, wird „Helle Nächte“ lieben. | Foto: Schramm-Film/Berlinale

„Wilde Maus“ aus Österreich

Dass man Hauptdarsteller Georg Friedrich den nach Nähe suchenden Vater nur bedingt abnimmt, hängt vielleicht auch damit zusammen, dass er im Wettbewerb kurz zuvor schon in einer ähnlich miesepetrig-nöligen Rolle zu sehen war: Im österreichischen Film “Wilde Maus”, dem Regiedebüt des Schauspielers und Kabarettisten Josef Hader, spielt Friedrich eine verkrachte Existenz – einen Typen, der jeden Job nach spätestens zwei Jahren wieder verliert, mit seiner bulgarischen Freundin “nöd so viel red” und nun im Prater versucht, ein abgewracktes Fahrgeschäft namens “Wilde Maus” wieder flottzumachen.

Ihm zur Seite steht die eigentliche Hauptfigur, der von Hader selbst gespielte Musikkritiker Georg Endl, der schon nach wenigen Filmminuten ein Ex-Musikkritiker ist: Der Zeitungsjournalist, der sich selbst als “Instanz” sieht, wird wegen einer Rationalisierungswelle entlassen. Seiner Frau (gespielt von Haders Lebensgefährtin Pia Herziger) verheimlicht er das, treibt sich zur Tarnung nun täglich in der Stadt herum und unternimmt abends Rachefeldzüge gegen seinen Ex-Chef. Erst wird “nur” den Porsche zerkratzt, doch dann gerät eine Spirale in Gang, die den Klassikliebhaber unweigerlich abwärts führt, bis er bei einem Selbstmordversuch zu den Klängen von Vivaldis rasendem “La Furia” nackt durch den Schnee rennt. Diese Szene zu drehen, sei “eine extreme Form von Wellness” gewesen, kokettiert Hader am Tag nach der Premiere bei einem Interviewtermin (das Interview erscheint in den BNN zeitnah zum Kinostart am 9. März).