Schießerei nach dem Banküberfall: Die "Gentlemen-Räuber" eröffneten am 10.Dezember 2010 mitten in Karlsruhe das Feuer - es endet tödlich für sie. Der Bankräuber wird beim Schusswechsel mit der Polizei getroffen, seine Ehefrau richtet sich schließlich selbst. Ihre Leichen liegen auf dem Gehsteig (links oben). Einige Meter entfernt hält ein Polizist den unbeteiligten Passanten am Boden fest (oben neben dem Mast). Foto: dpa-Archiv

Gentlemen-Bankräuber schossen

Mann ist bis heute traumatisiert: „Ich dachte, jetzt sterbe ich“

Ein bewaffneter Mann springt auf seinen Rücken

Er will seine Geschichte erzählen, setzt sich an den Tisch im Café. Doch Milan Mayer (Name geändert) hält es nur Sekunden auf seinem Stuhl aus. Unruhig blickt er über die Schulter nach hinten, stößt dann die Frage hervor: „Können wir uns bitte dort in die Ecke setzen?“ Fast entschuldigend schickt er die Erklärung hinterher: „Ich kann es nicht ertragen, wenn Menschen hinter meinem Rücken sind.“ Es gibt vieles, was Milan Mayer nicht mehr ertragen kann – seit jenem 10. Dezember 2010, der einen tiefen Riss durch sein Leben gezogen hat.
Der 52-Jährige ist ein Opfer der sogenannten „Gentlemen-Räuber“ – zumindest mittelbar. Am heutigen Samstag ist es genau sechs Jahre her, dass die berüchtigten Bankräuber bei einer Schießerei in der Karlsruher Innenstadt starben. Und Milan Mayer geriet damals mitten in den Kugelhagel.
„Ich ging ganz normal an der Fußgängerampel über die Straße, wollte in der Stadt noch Handschuhe für meinen Sohn besorgen“, erzählt er mit stockender Stimme. „Nach ein paar Schritten hörte ich ein Riesengeschrei. Dann fielen Schüsse. Ich sah, wie mehrere Kugeln an der Mauer am Karlstor abprallten und Betonsplitter wegflogen.“ Sein erster Gedanke: „Da läuft einer Amok – so kurz vor Weihnachten.“ Milan Mayer wirft sich flach auf den Boden. Immer und immer wieder knallen Schüsse durch die Luft. Zwei schwarzgekleidete Männer stürmen heran. „Der eine ist mir mit seinem vollen Gewicht mit dem Knie in den Rücken gesprungen. Er hat geschrien: ,Beweg dich nicht! Sonst knall ich dich ab!“

Der Passant blickt in den Lauf einer Maschinenpistole

Mayer blickt in den Lauf einer Maschinenpistole. „Ich wusste nicht, wer auf meinem Rücken saß. Ich dachte, jetzt sterbe ich. Jetzt ist es vorbei …“ Diese unfassbaren Bilder. Die Waffe über ihm. Milan Mayers Stimme bricht, als er davon erzählt. Er verbirgt sein Gesicht in den Händen, sein Brustkorb bebt. „Drei- oder viermal hat er das gerufen: ,Beweg dich nicht. Sonst knall ich dich ab’“, wiederholt Mayer mit leiser Stimme. „In dem Moment ist mein Leben wie ein Film an mir vorbeigelaufen: Wie ich in Niederschlesien aufgewachsen bin, die guten Erlebnisse in der Familie, alles …“ Als sei er aus seinem Körper herausgetreten, sieht er sich selbst auf dem Boden liegen, von dem Mann mit der Waffe auf den Boden gedrückt. Was er da immer noch nicht weiß: Der Unbekannte über ihm ist ein Polizist. Er geht davon aus, dass Mayer womöglich zu den Bankräubern gehört.

Ein Bankräuber wird getroffen  – und sackt zusammen

Und während der Karlsruher Bürger, der einfach nur einkaufen gehen wollte, in Todesangst auf dem nasskalten Asphalt liegt, tauchen die wahren Bankräuber in seinem Blickfeld auf. Mayer muss mitansehen, wie der Mann tödlich getroffen wird. „Sein Brustkorb hob sich zuerst nach oben und sackte dann in sich zusammen“, erinnert er sich. „Eine Art Wolke ist seiner Brust entwichen.“ Dass es sich um einen der „Gentlemen-Räuber“ handelt und dass die Verbrecher das Feuer auf die Polizei eröffnet hatten – all das erfährt Mayer viele bange Minuten später. Für ihn ist nur unfassbar real: Er sieht einen Menschen sterben – und er fürchtet, dass er als nächstes an der Reihe ist. „Mir kam das alles wie eine Ewigkeit vor“, sagt Mayer im BNN-Gespräch.
Irgendwann darf er endlich aufstehen. Jemand gibt dem zitternden Mann eine Decke. Auf dem Polizeipräsidium wird er verhört. Stückchenweise klärt sich auf, in welchen bitter wahren Krimi Mayer da geraten war. Eine Polizistin wurde angeschossen, insgesamt 29 Schüsse fielen. Dass die Bankräuber ein Paar waren und die Frau sich selbst gerichtet hat, erstaunt Mayer. „Für mich sahen die Bankräuber in ihren dicken Jacken wie zwei Männer aus.“

Karrieremann stürzt in Depressionen

Erleichterung? Das Gefühl, nach einem lebensgefährlichen Zufall noch einmal davongekommen zu sein? Es will sich nicht einstellen bei Milan Mayer. Als er am Morgen des 10. Dezember 2010 zu Fuß in die Innenstadt aufgebrochen war, da schwamm er noch ganz oben: Ein gut verdienender selbstständiger Unternehmer, ein geborener Verkäufer und erfolgreicher Mentaltrainer. „Ich hatte eine eigene Agentur, habe Meetings in London, Barcelona, New York, Singapur, Kapstadt gemacht“, erzählt Mayer. Teure Autos, goldene Kreditkarten und ein Gefühl der Unverletzbarkeit waren in seinem Lebensstil inbegriffen. Nach der Schießerei zerbröselt diese glitzernde Welt: „Ich hatte Angstzustände, Depressionen, Herzrhythmusstörungen, Alpträume, konnte kaum noch schlafen.“
Präsentationen muss er nach einer halben Stunde abbrechen. Früher hat er Manager trainiert, nun erlebt er selbst den totalen Kontrollverlust. Und einen zweiten schrecklichen Zufall: Die Wohnung eines Nachbarn wird von der Polizei gestürmt – es geht um Drogen. Wieder Schreie, laute Knallgeräusche, als die Tür aufgebrochen wird: „Da ist alles wieder hochgekommen. Ich habe mich in meiner Wohnung verschanzt.“

Seit dem Polizeieinsatz ist er arbeitsunfähig

Es gibt durchaus Hilfsangebote: Die Opferschutzbeauftragte der Polizei vermittelt eine Trauma-Therapeutin und bemüht sich sehr um Mayer. „Jeden Tag hat sie mir eine E-Mail geschickt, um mich zu motivieren“, sagt er. Einige tausend Euro erhält er als Entschädigung. Und es gibt ein Treffen mit den Polizisten. „Der eine erzählte, dass er selbst bei früheren Einsätzen angeschossen wurde“, erinnert sich Mayer. „Rational sage ich: okay, die haben nur ihre Arbeit gemacht – aber emotional sieht es anders aus.“ Emotional verkraftet er das Erlebte nicht. Die Therapeutin hat keine Zulassung für seine Krankenkasse, Mayer muss sich nach einigen Sitzungen neu umsehen – ihm geht die Kraft aus. Er bleibt arbeitsunfähig.

Gerichtsvollzieherin schickt ihn zum Sozialamt: „Ich habe gezittert“

Zum Sozialamt geht der stolze Mann erst, als die Gerichtsvollzieherin ihm inständig dazu rät: „Ich habe gezittert, als ich vor dem Gebäude stand.“
Privat ist ihm ein Neuanfang geglückt: Eine Freundin steht ihm in der Krise bei, mit ihr ist er in zweiter Ehe verheiratet. Er wurde erneut Vater. Nun will er den nächsten Schritt wagen, sechs Jahre nach dem Schreckenstag. „Ich habe eine Adresse für eine Therapeutin“, sagt er vorsichtig. „Ob das klappt, muss ich sehen.“

 

Mulmige Gefühle bei den Bankangestellten

Auch Polizisten, Bankkunden und Bankangestellte mussten ihren Schrecken erst verkraften. Viele wollen heute nicht mehr darüber reden, doch ganz offen geht die damalige Filialleiterin der überfallenen Bank mit den Erinnerungen um. „Zwei Kolleginnen und ich haben das als Team aufgearbeitet. Das hat uns eng zusammengeschweißt“, erzählt die heute 50-Jährige. „Wir sind aus der Sache fast stärker herausgekommen.“
Klar: Beim Überfall habe sie gezittert. Und wenn sich in den Wochen danach jemand im Schalterraum merkwürdig benahm, sei in den Bankmitarbeiterinnen ein „mulmiges Gefühl“ aufgestiegen. Die Schießerei erlebten sie selbst nicht. Aber es gab den Gedanken: Wären die Räuber noch am Leben, wenn niemand den Alarm gedrückt hätte? Alle mussten sich klarmachen: „Sie starben, weil sie die Schießerei eröffnet haben.“
Ruhig und beherrscht seien die Bankräuber beim Überfall vorgegangen: „Wir hatten das Gefühl, wenn wir alles machen, was die wollen, gehen die wieder.“ Eine Therapie brauchten die Bankerinnen letztlich nicht. „Rund ein Drittel der Menschen, die so was erleben, verkraften das ohne Folgen“, sagt Rebecca Leopold, Psychotherapeutin bei der „Behandlungsinitiative Opferschutz“ in Karlsruhe. „Der wichtigste Schutzfaktor ist ein intaktes Umfeld, Familie und Freunde.“ Ein Teufelskreis könne jedoch in Gang kommen, wenn Traumatisierte jede Belastung mieden und letztlich nicht mehr aus dem Haus gingen. Allerdings sei eine posttraumatische Belastungsstörung auch nach Jahren noch erfolgreich behandelbar.