Hérmann Billing war ein Stararchitekt des Jugendstils.
DER KÜNSTLER AUF DEM THRON: Der Avantgardist Hermann Billing erntete vor dem Ersten Weltkrieg die Anerkennung der Gesellschaft und der Fachwelt. | Foto: KIT

Billing vor 150 Jahren geboren

Maurersohn aus dem Dörfle trifft den Zeitgeist

Anzeige

„Eine wahnsinnige Karriere hat Hermann Billing gemacht“, stellt Gerhard Kabierske fest. Der KIT-Wissenschaftler ist der Kenner von Leben und Werk dieser Karlsruher Ausnahmegestalt. Der kleine Billing wird heute vor 150 Jahren in Karlsruhe geboren, wo er 79 Jahre später 1946 auch stirbt.

Ein reiches Leben voller Triumphe und Niederlagen liegt dann hinter ihm. Der Greis Billing flüchtet im Zweiten Weltkrieg vor den Luftangriffen aus seiner Villa am Leopoldplatz nach Bruchsal. Dort überlebt er die Zerstörung des Schlosses in dessen Keller. Seine 27 Jahre jüngere dritte Frau zieht ihn nach der Kapitulation im Leiterwagen über die Straßen zurück in die Heimatstadt. „Dort stirbt der für damalige Verhältnisse alte Mann verbittert“, meint Kabierske.

Auch für Karlsruhes Stararchitekten Billing ist eine Welt untergegangen. Hunger, Kälte und Perspektivlosigkeit herrschen nach dem Ende der Nazi-Herrschaft. Billings Ruhm ist in der existenziellen Krise verblasst, und einige seiner Baudenkmale in der Heimatstadt sind im Bombenhagel zerstört worden.

Elf Geschwister

Als eines von zwölf Kindern eines Maurers wird Hermann Eduard Billing am 7. Februar 1867 im Dörfle geboren. Sein Vater arbeitet sich zum Bauunternehmer mit Dampfschreinerei und Baustofflieferanten hoch. Familie und Unternehmen ziehen an die Schützenstraße in der Südstadt.

Der ehrgeizige Vater erkennt schon früh Hermanns großes Zeichentalent. Und Hermännle lernt – auf dem Realgymnasium, in Abendkursen der Kunstgewerblichen Schule und dann vier Semester als Architekturstudent. „Dann hat er die Schnauze voll vom Historismus eines Josef Durm“, berichtet Kabierske. Klassizistische oder barocke Protzbauten sowie Stildogmen stoßen die Künstlernatur in Billing ab. Er will sich in keine Schule pressen lassen.

Den Stephanienbrunnen hat Billing entworfen.
DEN STEPHANIEBRUNNEN hat Hermann Billing entworfen. Seit 1905 gehört das Kunstwerk zum Stadtbild. 16 Fratzen berühmter Karlsruher Männer umringen die damals wegen ihrer Nacktheit umstrittene Stephanie. Auch Herrmann Billing ist dabei (hinter ihrem Rücken). | Foto: jodo

Hermann Billing will seinen eigenen Weg gehen, ausbrechen und aufbrechen zu neuen Ufern der Baukunst. Und wie es dem Jungen aus dem Dörfle, der zeitlebens breiten Dialekt spricht, gelingt: Der aufmüpfige Billing geht 1888 nach Berlin, wo er sich als Praktikant bei Spitzenarchitekten bildet.

Reiche Frau aus Chile

Er heiratet 1892 eine reiche Frau, die Tochter einer Brauerei-Dynastie in Chile, und wird damit finanziell ein freier Mann. Zurück in der Heimatstadt Karlsruhe, hebt der unkonventionelle Mann zum architektonischen Steilflug ab. Binnen weniger Jahre ist er eine Größe der Avantgarde in Deutschland. Er wird zur führenden Figur des Jugendstils in Südwestdeutschland. Und Hermann Billing wird in Karlsruhe zum Baumeister, der vor allem in den 20 Jahren vor dem 1914 ausbrechenden Ersten Weltkrieg der Fächerstadt mit vielen herausragenden Bauten seinen Stempel aufdrückt. Karlsruhe ist seitdem nicht nur Weinbrenner-Stadt, sie ist auch Billing-Stadt. Noch heute pilgern Architektur- und Kunsttouristen nach Karlsruhe, um etwa Billings Gesamtkunstwerk „Baischstraße“, den Stephaniebrunnen oder eines seiner Wohnhäuser im Westen der Stadt zu bewundern.

Die Fratze soll Hermann Billing sein.
Die Fratze von Hermann Billing schaut rechts neben der Stephanie in seine Heimatstadt | Foto: jodo

Selfmademan Billing ohne Abschluss

Kaum wieder in Karlsruhe, sucht der Außenseiter der Architektur, der Selfmademan ohne Studienabschluss die Offensive. „Überall macht er bei Wettbewerben mit“, erklärt Billing-Experte Kabierske. Und der Newcomer aus Baden gewinnt: Der Nobody aus der süddeutschen Provinz darf 1893 in Bremen die neue Weserbrücke ausgestalten.

Für Billing bedeutet dieser Erfolg den Durchbruch. Er wird zum gefragten Baumeister – mit unverwechselbarer Eigenheit und sich doch immer in neuer Mischung wandelnd. Er wird der hoch bezahlte Avantgarde-Architekt der JugendstilepocDie reiche Gesellschaft habe sich ihm ab 1896 angepasst, meint Kabierske. Billing prägt nun selbst den Stil der Zeit. „Der unkonventionelle Kopf hat das Glück, den Zeitgeist zu spüren – und sie entwickeln sich aufeinander zu“, erklärt die Koryphäe Kabierske für Karlsruher Baudenkmale, der über Hermann Billing promoviert hat.

Der neue Star am Architektenhimmel des ausgehenden 19. Jahrhunderts provoziert weiter. Es reicht ihm nicht, nur die ausgetretenen Pfade der Architektur zu verlassen. Im Frühwerk bis 1899 setzt er sich noch stark mit dem Späthistorismus auseinander. „Er mischt alle möglichen Elemente und verfremdet sie“, erklärt der Fachmann den „Posthistoristen“.

 

 

Aufsehen in St. Louis

„Mit der Missachtung akademischer Bauregeln fand Billing Anschluss an die Strömungen der europäischen Architektur-Avantgarde“, resümiert Kabierske. Nach 1900 wird Billings Bauen „mit seiner unerschöpflich scheinenden Kreativität“ noch freier, noch individueller.

„Er schuf nun eine große Anzahl von Gebäuden, die sich durch einfallsreiche Fassadengliederung und unkonventionelle Grundrisslösungen auszeichnen“, betont Kabierske – und nennt die Karlsruher Hofapotheke und die Jugendstil-Bebauung der Baischstraße am Kaiserplatz als herausragende Beispiele.

Billing eilt jetzt von Triumph zu Triumph: 1904 erregt er mit seinem Musikraum bei der Weltausstellung in St. Louis Aufsehen. Viele Aufträge für Privatresidenzen im Jugendstil besonders für die Neureichen aus Bürgertum und Künstlerwelt lösen einander ab. Dann kommen Billings Monumentalbauten: In Baden sind dabei besonders die Kunsthallen von Baden-Baden und Mannheim hervorzuheben.

Kabierske sieht Billing auf einem neuen Weg. „Diese Werke nach 1911 zeigen stilistisch die Hinwendung zu ruhigeren Formen und bestechen durch ihre großartigen plastischen Körper- und Raumwirkungen.“ Billing versucht, mit der Zeit zu gehen. Doch seine beste Phase als Architekt ist vorbei. „Er ist nicht mehr stilprägend“, sagt Kabierske.

 

Die Baischstraße ist ein Gesamtkunstwerk des Jugendstils
DAS KUNSTWERK „Baischstraße“: Hermann Billing baute dieses Musterbeispiel des Jugendstils 1903 bis 1905 auf einem Holzlagerplatz beim Mühlburger Tor. | Foto: jodo

Dabei erreicht der Mann mit 45 Jahren in der öffentlichen Anerkennung neue Gipfel: Er wird mit Orden dekoriert. Der einst rebellische Avantgardist trägt nun den Titel Oberbaurat. Er wird an der Universität Freiburg zum Ehrendoktor, dann zum Ehrensenator gar ernannt.

Schon vorher wird er 1903 in Karlsruhe Professor an der Akademie der Bildenden Künste. Und an der Technischen Hochschule, wo er es einst als Student der Architektur nicht ausgehalten hatte, übernimmt er laut Kabierske 1907 die ordentliche Professur für Baukonstruktion und Entwerfen bürgerlicher Wohn- und Geschäftshäuser – und bleibt bis 1937 auf diesem Posten.

Abstieg eines Ausnahmekönners

Zu seinen Lebzeiten wird 1928 die Straße an dem von ihm entworfenen Mietshausblock in der Südweststadt Hermann-Billing-Straße genannt. Billing war eben eine wahre Ausnahme-Gestalt der Fächerstadt.

Unter der Herrschaft der Nazis wird seine persönliche Situation „schwieriger“, sagt Kabierske. Wegen seiner individualistischen Einstellung weigert er sich, in die NSDAP einzutreten, wozu er sehr gedrängt wurde – und zieht sich ins Privatleben zurück.
Bei seinem letzten großen Bauwerk, der Oberpostdirektion am Ettlinger Tor – heute Haus der Volkswohnung, „musste er sich dem Geschmack der neuen Machthaber anpassen“, so Kabierske. Billings Tod fällt 1946 in eine Notzeit.

„Es war ganz still um ihn geworden“, weiß Kabierske. Die heiße Zeit vor 1914, „als er eine nationale Größe war“, ist da lange vorbei. Doch viele seiner Werke bereichern bis heute das Bild der Fächerstadt.