Er surft wie andere joggen: Der Karlsruher Florian Nitsch lebt im fernen Bali. | Foto: Nitsch

Ein Stück Heimat in der Fremde

„Mein Surfbrett ist blau-weiß“

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Während Karlsruhe die Heimattage feiert, gibt es Menschen, die ihrer Heimat für immer den Rücken gekehrt haben: Auswanderer aus dem Verbreitungsgebiet der BNN. In der Serie „Ein Stück Heimat“ erzählen diese Frauen und Männer von ihrem neuen Leben in der Fremde. Dabei verraten sie auch, wie es ihnen gelingt, sich in der neuen Heimat ein Stück alte Heimat zu bewahren.

Bevor es ihn nach Südostasien zog, studierte Florian Nitsch in seiner Heimatstadt Karlsruhe Wirtschaftsingenieurwesen. Nach Bali kam er während eines Auslandssemesters – und blieb. Heute baut der 36-Jährige auf Bali eine Online-Marketing-Agentur auf, er surft, tourt über die Insel und tanzt Salsa. Zudem ist er im lokalen Rotary Club aktiv und unterstützt verschiedene Projekte. „Ich habe hier Fuß gefasst und will hier auch bleiben“, sagt Florian Nitsch über seine Wahlheimat.

Manchmal vermisst Florian Nitsch seine Heimat – etwa die Besuche im KSC-Stadion. | Foto: Nitsch

Was vermissen Sie in Ihrer neuen Heimat am meisten?

Nitsch: Ab und zu vermisst man natürlich einige Freunde und die Familie, wobei ich hier auch viele Freunde habe, die ich wiederum in Deutschland vermissen würde. Käse ist hier etwas teuer, guten Wein gibt es nicht und man vermisst die Heimatbiere Tannezäpfle und Vogelbräu. Auch der Schlossgarten von Karlsruhe ist einzigartig. Ansonsten haben wir hier alles außer Schnee, Skifahren fällt also flach. Was wehtut, sind die fehlenden KSC-Stadionbesuche.

Was tun Sie, um sich ein Stück Heimat in der Fremde zu bewahren?

Nitsch: Bali ist ein schönes Urlaubsziel, mich kommen viele Freunde und Familie besuchen, die einen mit allem versorgen, was man so braucht und vermisst. Manchmal kommt es mir vor, als würde ich hier mehr Freunde aus Karlsruhe treffen als in Karlsruhe selbst. Mit Facebook ist man natürlich mit der Heimat verbunden und man bekommt alles mit, zum Beispiel haben wir eine Gruppe mit den Jungs, mit denen ich seit ich zehn Jahre alt bin zum KSC ging. Mein Surfbrett ist natürlich blau-weiß und hat den Phönix drauf. Wir haben einen Sonntagsbrunch mit vielen Auswanderern, bei dem wir für wohltätige Zwecke sammeln. Das ist für viele ein Familienersatz. Ansonsten habe ich hier auch einige Karlsruher kennengelernt, mit denen ich bei Bedarf Badisch babble kann. Eine Kuckucksuhr habe ich inzwischen auch geschenkt bekommen. Meine Mutter schickt mir auch regelmäßig Postkarten aus Karlsruhe mit Motiven vom Schloss, Turmberg und sogar den aktuellen Baustellen.

Was ist in der Ferne besser?

Nitsch: Bali hat für jeden etwas zu bieten (außer eben Schnee). Für mich bietet es ein internationales Umfeld, Surfen, Salsa und es wird niemals langweilig. Wir leben am Meer, wer mag das nicht? Die exotische Natur ist auch nach zehn Jahren noch umwerfend. Wir gehen vor und nach der Arbeit Surfen, so wie man in Deutschland Joggen geht. Überall fährt man mit seinem Motorrad hin. Das Leben spielt sich im Freien und in der Natur ab, die Häuser sind offen gebaut, nachts fliegt auch schon mal eine Fledermaus durchs Wohnzimmer. Schuhe braucht man kaum und man friert nicht. Bali hat eine sehr starke Kultur, jeden Tag hat man hier Zeremonien, alles ist bis ins kleinste Detail liebevoll verziert. Lächelt man auf Bali, bekommt man immer ein Lächeln zurück.

Stellen Sie sich vor, Sie wären für einen einzigen Tag wieder in Ihrer alten Heimat: Was würden Sie tun?

Nitsch: Als erstes würde ich alle meine Freunde treffen, und das am besten mit Dingen verbinden, die wir früher gemeinsam gemacht haben: Kicken, Inlinehockey oder Skifahren. Wahrscheinlich muss ich mir dann auch jede Menge Babys und Kleinkinder anschauen. Mittags würde ich interessante Menschen aus Karlsruhe treffen, da fällt mir spontan Götz Werner mit seiner Idee vom Bedingungslosen Grundeinkommen ein und die Jungs von Evolo, die die erste bemannte Drohne entwickelt haben. Beides sehr tolle unterstützenswerte Projekte. Einen Rotary Club aus Karlsruhe will ich auch unbedingt mal besuchen, einfach um zu sehen, was die hier so machen und ob man sich gegenseitig unterstützen kann. Nachmittags geht’s dann in den Schlossgarten und anschließend über das Unigelände mit meinen Jungs zum KSC, am besten zu einem heißen Derby, in den D1 Block direkt hinter die weltbesten Bruddler der Welt. Nach dem 5:0-Sieg gegen Stuttgart geht’s dann abends zum Salsa zum Sonlatino, dort habe ich auch noch einige Freunde, die die süddeutsche Salsa-Szene unglaublich entwickelt und ausgebaut haben. Danach geht’s noch zu einer klassischen Party, wie wir sie zu Hauf in den 90ern hatten, in irgendeinem Karlsruher Keller mit viel Punkrockmusik mit Axel aka DJ Dangerfreak. Zu guter Letzt darf ein Döner nicht fehlen.