Memet Kilic gilt als heftiger Erdogan-Kritiker. Der Jurist aus Heidelberg ist Mitglied der Bündnisgrünen und vertrat von 2009 bis 2013 den Wahlkreis Pforzheim-Enz im Bundestag. | Foto: Ehmann

Erdogankritiker analysiert

Memet Kilic: Türken wünschen sich einen starken Führer

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Sie leben in einer funktionierenden Demokratie mit Meinungsfreiheit und Pressefreiheit. Doch sie stimmen mehrheitlich für einen Präsidenten, der Meinungsfreiheit unterbindet und Journalisten verhaften lässt. Was bringt in Deutschland lebende Türken dazu, für Erdogan zu stimmen? Die BNN fragen zu diesem Thema Memet Kilic, einen Heidelberger Rechtsanwalt, der als heftiger Erdogan-Kritiker bekannt ist. Vier Jahre lang vertrat Kilic (Bündnis 90/Die Grünen) den Wahlkreis Pforzheim/Enz im Deutschen  Bundestag. Inzwischen arbeitet der Jurist wieder in seiner Kanzlei in Heidelberg. Er wurde 1967 in Malatya in der Türkei geboren und ist Mitglied der Rechtsanwaltskammern in Karlsruhe und Ankara.

Herr Kilic, die Türkei und auch die wahlberechtigten Türken in Deutschland haben mehrheitlich für Erdogan gestimmt. Haben Sie eine Erklärung?

Kilic: In türkischen Familien auch hier in Deutschland herrschen noch immer autoritäre Strukturen. Die verleiten die Menschen nach einem starken Führer zu suchen. Gleichzeitig verhindern mangelhafte Bildung und selbst verschuldete Unmündigkeit, dass die Menschen in unserer Gesellschaft ankommen. Wenn ihr starker Führer dann alle Deutschen als Nazis beschimpft, fühlen sich die Leute gut und stark.

Haben Sie mit diesem Wahlergebnis gerechnet?

Kilic: Die Wahlmanipulation und der Betrug haben mich nicht überrascht. Ich bin überrascht von der Widerstandslosigkeit der Opposition. Die hat vollmundig angekündigt, die Wahlurnen zu verteidigen. Sie hat erbärmlich versagt. Jetzt haben wir die Zementierung einer Diktatur.

Sie machen mangelnde Integration als Ursache der Wahlentscheidung aus?

Kilic: Deutschland hat zu lange problematische Strukturen unterstützt. Ditib wird als Ansprechpartner gesehen, statt dass man gut integrierte Bürger als Beispiele herausstellt, um zu zeigen, wie gut es einem hier gehen kann. Man muss den Menschen, die starken Autoritäten hinterherlaufen, zeigen, dass Deutschland kein lasches Land ist, nur weil es hier Meinungsfreiheit und freie Medien gibt. Wir müssen den Menschen auch sagen, wie Kindererziehung in einer freien Gesellschaft aussieht. Das ist alles leichter gesagt, als getan. Aber es ist notwendig.

Das klingt aber alles nicht sehr hoffnungsvoll.

Kilic: Na ja. Wer hätte vor 100 Jahren gedacht, dass Kaiser Wilhelm II einmal abdanken würde. Am 9. November 1918 war es plötzlich soweit. Auch der Sultan wird eines Tages abdanken müssen. Hoffen wir, dass es im November soweit sein wird.

https://bnn.de/nachrichten/am-kiosk-gibts-nur-tuerkische-einheitskost