Die Profikletterer aus aller Welt treffen sich vom 6. September an zur Weltmeisterschaft in Innsbruck | Foto: @Alpsolut

Innsbruck vor der Kletter-WM

Mit Hüftarthrose hinein ins Dschungelbuch

Anzeige

Wer nichts übers Klettern weiß, keinen Kletterer kennt und es generell für irgendwie verrückt hält, an einer glatten Felswand hochzukrabbeln, dem sei nur ein Blick empfohlen. Der in einen Kletterführer. Er wird sich sofort bestätigt fühlen. Dort findet man nämlich klingende Namen wie „Hüftarthrose“, „Venushügel“ oder die „Fliegerprüfung“. Mal befinden wir uns im „Dschungelbuch“, dann wieder in der „Studiumsverzögerungsbestätigung“ oder im „Altherren-Gartl“.

Die Rede ist von Kletterrouten, allesamt rund um Innsbruck gelegen. Sie sind Teil des „Climbers-Paradise“ . In diesem Paradies hat Tirol 16 Klettergebiete mit Tausenden Routen, Mehrseillängentouren, Klettersteigen und Hochseilgärten zusammengeschlossen. Und wer seine Routen „Oben ist unten“ nennt, „Traum eines Wasserbüffels“ oder „Wunderbare Welt der Schwerkraft“, der muss entweder einen sehr speziellen Humor haben oder verrückt sein. Oder beides.

Klettern wird demnächst olympisch

Auf geht’s ins Kletter-Paradies. Schließlich ist Klettern Trendsport und wird demnächst olympisch. Wenn man wissen will, warum sich das alles so entwickelt hat, wo der Reiz für immer mehr Menschen liegt, dann ist ein Ausflug in diese beinahe historischen Tiroler Klettergebiete ein Muss. Für ein langes, wunderbares Wochenende begebe ich mich in diese Welt, in die Halle und an den Fels, zu Kletterlegenden und aktuellen Weltmeistern. Ich klettere – Achtung Kitschgefahr – unter den Flügelschlägen von Steinadlern im Naturpark Karwendel und lerne Reinhard Scherer kennen.

Reinhold – Reini – Scherer hat viele Tiroler Routen selbst erschlossen. Mittlerweile führt er die Geschäfte im neuen Innsbrucker Kletterzentrum. | Foto: Norbert Freudenthaler

Er war maßgeblich daran beteiligt, dass es Kletterfreaks aus aller Welt nach Tirol und in seine Hauptstadt Innsbruck zieht. Nur logisch, dass an diesem Ort demnächst die Kletter-Weltmeisterschaften ausgetragen werden. Vom 6. bis 16. September kämpfen 700 Sportler um die Medaillen in fünf Disziplinen. Viele haben den Grundstein ihres Erfolgs hier in Innsbruck gelegt. In Reinhard Scherers Wohnzimmer, wo alle den Ausnahmesportler nur Reini nennen.

Seit‘ an Seit‘ mit den Weltmeistern

Der Fels und sie: Für die Boulderweltmeisterin Anna Stöhr ist Klettern Instinkt. | Foto: Kilian Fischhuber

Reinis „Zuhause“ hat zwölf Millionen Euro gekostet. Seine Decken haben eine lichte Höhe von bis zu 17 Metern. Überhänge ragen bis zu 13 Meter hinaus. Und in Reinis Wohnzimmer sind Routenbauer aus aller Welt zu Gast. Sie haben zehntausende Klettergriffe angebracht. Das neue Kletterzentrum Innsbruck ist eines der größten und modernsten seiner Art. 23 zu 22 Stimmen: Mit der denkbar knappsten Mehrheit hat der Stadtrat vor einigen Jahren den Weg für diesen Kletter-Hotspot freigemacht. Reini hat zehn Jahre dafür gekämpft. Heute ist er der Geschäftsführer, Chef über 500 Kletter- und 200 sogenannte Boulderrouten, die permanent verändert werden. Hier läuft man Weltmeistern über den Weg oder klettert Seit’ an Seit’ mit dem österreichischen Nationalteam. Hier ist sich Welt- und Europameisterin Anna Stöhr nicht zu schade, Anfängern zu erklären, wie nochmal gleich der Achterknoten geht: „Du legst einen Kinderkopf, ziehst die Schlinge um seinen Hals und stichst mit dem Seilende das Auge aus.“ Da ist er wieder, dieser spezielle Kletterer-Humor.

Sport im Duft von Schweißfüßen

Eine riesige künstliche Kletterwelt mitten in Innsbruck. Mitten in Tirol, in einer Landschaft, in der hinter jedem Weiler echte Berge in den Himmel ragen, oft mehrere tausend Meter hoch. In der es Natur und Felsen im Überfluss gibt. Der Deutsche Alpenverein verdankt unter anderem dem „Plastikklettern“, wie er es selbst schon genannt hat, einen Mitgliederzuwachs von 100 Prozent seit dem Jahr 2000. Längst überbrückt man in den Hallen nicht nur verregnete Wintertage. Das Indoor-Klettern entwickelt sich zum Selbstzweck, selbst in ausgesprochenen Kletterregionen wie Tirol. Nicht zuletzt diesen boomenden Sportstätten, in denen man im Neonlicht, auch gerne mal im Duft von Schweißfüßen am Feierabend klettert, verdanken die Alpenvereine in den vergangenen Jahren ihr rasantes Wachstum gerade bei den Jüngeren. Die Karlsruher Sektion etwa ist jüngst zum größten Verein der Fächerstadt aufgestiegen.

Vom 16. bis 16. September werden die Weltmeisterschaften in Innsbruck ausgetragen. 700 Sportler gehen in fünf Disziplinen an den Start. | Foto: pr

Hinauf auf den „nackten Tiroler“

Die künstlichen Wände in der WM-Stadt Innsbruck – sie sind quasi mein Aufwärmprogramm. Jetzt geht es hinaus in den Fels, wo Reini ebenfalls seine Spuren hinterlassen hat. Der charismatische Sportler hat das Dschungelbuch erschlossen, eine der legendärsten Klettergärten Tirols, vor der Haustür Innsbrucks. Reini hat „Die Null im Kondom“ gebaut, den „Schwimmbadkletterer“ und den „nackten Tiroler“. Manche Namen sind selbsterklärend. Bei anderen fragt man besser nicht nach. Das „Dschungelbuch“ heißt so, weil die nach Süden ausgerichtete Martinswand einst größtenteils zugewuchert und mit Efeu bedeckt war, bevor die Kletterpioniere Haken für Haken in die Kalksteinwand gebohrt haben.

Steinadler machen hier Flugübungen

Nur wenige Kilometer von Innsbruck entfernt liegt die Ehnbachklamm bei Zirl. In ihrer Jugend war die idyllische Klamm nicht nur für Reini, sondern auch für meine heutigen Begleiter Johanna, Jakob und Robert nichts als ein riesiger Abenteuerspielplatz. Schule schwänzen inbegriffen. Hinter einer alten Staumauer öffnet sich ein ausladendes Flussbett, an dessen Rändern die Kletterfelsen aufragen. Man muss hier nicht klettern, man kann in dieser Idylle am Ehnbach einen Tag auch ganz gut so verbringen. Kann grillen, die Kinder spielen lassen, während über einem der seltene Schwarzspecht kreist oder riesige Kolkraben rufen. Bei günstiger Thermik führt der Steinadler seinem Nachwuchs vor, wie man fliegt.

Es geht nur um den nächsten Griff

Kletterführer Robert Thaler zeigt seinen Schülern hier, wie sie an ihre Grenzen kommen. Und sie überschreiten.Dieser sanfte Naturbursche, dem man blind sein Leben anvertraut, hat hier selbst unzählige Routen erkundet und gebaut. Eine ist nach seiner Ex-Frau benannt. Die Route mit den „fiesen Griffen“, so beschreibt sie Robert. Ich frage nicht weiter nach. Hängt man, zumal als Anfänger, erstmal in der Wand, dann spielen derlei weltliche Fragen ohnehin keine Rolle mehr. Es geht weder um den nächsten Urlaub, noch um den Ärger im Büro. Nur noch um den nächsten Griff. Nur noch um eine kleine Kante und die Frage, ob sie groß genug ist, sich daran festzuhalten. Mit zwei Fingern. Es geht nur noch um die Frage, warum um Himmels willen man hergekommen ist und ob es nicht statthaft wäre, sich einfach am nächsten Kletterhaken hochzuziehen. Um es vorweg zu nehmen: Nein, ist es nicht!

Schieb‘ Deine Hüfte unter den rechten Arm

„Denk an deine Füße“, ruft Robert von unten. Während ich zwölf Meter über dem Boden fast wie eine Blinde immer und immer wieder die Felswand abtaste, nervös nach dem sicheren Halt suche, gerät das Zweitnaheliegendste nach den Armen aus dem Fokus. Dass man die Kraft aus den Beinen holt. Lektion eins des Kletterns gelernt! „Schieb deine Hüfte unter deinen rechten Arm“, kommt es von unten. Keine Ahnung warum, aber es funktioniert. „Lo spazzolino“ – eine 5c-Route von 20 Metern Länge ist gemeistert. Glücksgefühle beim Abseilen brechen sich Bahn. Robert klopft mir anerkennend auf die Schulter. „Gut gemacht.“ Und: Nein, es ist nicht statthaft, sich in diesem Felsen, der so mit Griffen geizt, einfach mit dem Zeigefinger in einen Kletterhaken zu hängen und sich daran hochzuziehen. „Stell dir vor, du stürzt ins Seil. Dann hängt dein Finger da oben drin.“ Kletterer können sehr direkt sein.

Angie Eiter kennt den direkten Weg in die Vertikale

Den direkten Weg, und zwar in die Vertikale, den kennt auch Angie Eiter gut. Die Tirolerin ist die erste Frau, die jemals eine Route mit dem Schwierigkeitsgrad 9b geklettert ist. Spätestens seit „La Planta da Shiva“ in Andalusien im Oktober 2017 ist die 1,53-Meter-Frau die Größte im Klettersport. Nachdem sie ihre Wettkampfkarriere auf dem Gipfel ihres Erfolgs aufgegeben hat, hat sie sich akribisch auf die nächste Herausforderung vorbereitet: In ihrer Heimat Imst hat sie die kniffligsten Stellen dieser legendären Wand in der Kletterhalle nachgebaut.

Die Österreicherin Angie Eiter ist die erste Frau der Welt, die eine 9b-Route geklettert ist. | Foto: dpa

Kraft ist nur eine Komponente

Wenn sie heute im Klettergarten Walchenbach vor den Toren Imsts unterwegs ist, und sich elegant, ja leichtfüßig zu Demonstrationszwecken mal eben die schwerste Route vornimmt, wenn sie sich auf Zehenspitzen locker die 20 Meter abseilt und am Fels tänzelt wie eine Balletttänzerin, dann ahnt man, worin der Reiz am Klettern besteht – für Weltmeisterinnen wie Angie und Anna, aber auch für die vielen Neueinsteiger. Kraft ist nur eine Komponente. Es geht ums Naturerlebnis, um Kreativität, es geht um Eleganz und um Lösungen, um Grenzen und um Grenzüberschreitungen. Kurzum, es geht ums Ganze.
Klettern, so wird es Angie später bei einer zünftigen Tiroler Jause bestätigen, ist mehr als ein Sport. Es ist eine Lebenseinstellung. Es ist Meditation und zugleich Auspowern. Die Frau, deren Körper im Wesentlichen aus Muskeln zu bestehen scheint, sagt: „70 Prozent ist Kopfsache.“ Für Eiters Boulderkollegin Anna Stöhr ist Klettern einfach Instinkt und Reflexionsprinzip.

Wenn man die Tasse kaum zum Mund führen kann…

Denn der Mensch scheint für die Höhe eigentlich nicht gemacht. Nüchtern betrachtet, ergibt es keinen Sinn, den festen Boden zu verlassen. Wenn man aber am späten Nachmittag aus der Schlucht hervortritt, sich im Café in Innsbruck einen Verlängerten gönnt und der Arm so zittert, dass man die Tasse kaum zum Mund führen kann, ja, dann weiß man, wofür das alles gut war, die Anstrengung, die Überwindung, das Neue, der raue Fels, die latente Angst. Und die angeberischen Schwielen an den Händen.

Das Climbers-Paradise Tirol umfasst 16 Regionen vom Wilden Kaiser, über das Karwendel bis zu den Ötztaler Alpen. Hier sollen Familien mit Kindern genauso auf ihre Kosten kommen wie die Profis, die für die bevorstehende WM in Innsbruck trainieren. 5 000 Sportkletterrouten, 350 Boulderspots, 89 Klettersteige, 89 Klettergärten und viele Unterkünfte gehören mittlerweile dazu.
Infos und Unterkünfte für Kletterer und jene, die es erst noch werden wollen, gibt es hier:
Tirol Info, Maria-Theresien-Straße 55 6020 Innsbruck, Telefon (0043) 43 512 72720. Und hier gibt es alle Infos zur Weltmeisterschaft in Innsbruck.