Immer im Schatten: Der "Generalkonstrukteur" Sergei Koroljow sicherte der Sowjetunion im Mondrennen einige Erfolge, musste jedoch immer anonym bleiben. Foto: Kosmonautenmuseum/dpa

Kampf der Raketenbauer

Der Überläufer und das Phantom im Wettrennen um die Mond-Trophäe

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Sie waren zwei Erzrivalen, die sich persönlich nie begegnet sind: ein charismatischer Medienstar in den USA mit einer düsteren Vergangenheit als SS-Offizier – und ein früherer russischer Straflagerhäftling, der zum Liebling der kommunistischen Parteiführung aufgestiegen war und dessen Name als Staatsgeheimnis streng gehütet wurde.

Zwei Männer mit sehr unterschiedlichen Schicksalen, zwei geniale Köpfe, die in den 60er Jahren das Mondrennen zwischen der Sowjetunion und den USA vorangetrieben haben. Am Ende gab es einen strahlenden Sieger. Dem Verlierer wurde durch seinen vorzeitigen Tod die Schmach der Niederlage erspart.

An der Kreml-Mauer in Moskau kann man oft frische Blumen unter einer Marmortafel mit dem Namen Sergei Koroljows sehen. Dahinter liegen die sterblichen Überreste des bedeutendsten aller russischen Raketenbauer. Der mit dem Orden „Held der sozialistischen Arbeit“ geehrte Oberst der Sowjetarmee war ein Phantom, dessen Identität erst am Tag seines Staatsbegräbnisses gelüftet wurde.

Als Staatsfeind denunziert und ins Straflager geschickt

Koroljow hatte als talentierter Ingenieur in Moskau 1931 eine Forschungsgruppe für Raketenbau mitbegründet. Trotz einiger Erfolge wurde er jedoch auf dem Höhepunkt des Stalin-Terrors 1938 als „antisowjetischer Schädling“ denunziert, bei Verhören misshandelt und zu zehn Jahren Lagerhaft in Sibirien verurteilt. Als dann im Zweiten Weltkrieg die Raketentechnologien für die Sowjetunion wichtig wurden, erhielt Koroljow seine Freiheit und seinen Job wieder zurück.

Ab 1948 entwickelte er als „Chefkonstrukteur“ die Trägerraketen für russische Atomwaffen. 1955 schlug er vor, mit einer von ihnen einen Satelliten in den Erdorbit zu befördern. Die Parteiführung erkannte in Koroljows Idee eine gute Möglichkeit, die USA zu demütigen, und so begann zwei Jahre später mit dem sensationellen Start des Sputniks die Weltraum-Ära.

Als Nationalheld der USA gefeiert: Der Deutsche Wernher von Braun ebnete der Nasa den Weg zum Mond. Foto: dpa

„Wunderwaffe“ im Arsenal der Wehrmacht

Zu diesem Zeitpunkt erlitt der in den USA frisch eingebürgerte Deutsche Wernher von Braun als Chef eines tausendköpfigen Raketenbauteams in Huntsville einen Rückschlag nach dem anderen. Doch dies sollte sich bald ändern. Von Braun war für die Amerikaner spätestens Ende 1944 interessant geworden, als seine V-2-Raketen, die vermeintliche „Wunderwaffe“ im Arsenal der Wehrmacht, Angst und Schrecken in England und Frankreich verbreitete.

Der blonde Adelsspross hatte als mathematisches Wunderkind bereits mit 20 Jahren sein Diplom als Ingenieur in Berlin erworben. Bald darauf entwickelte er für das deutsche Militär Langstreckenraketen. 1940 trat von Braun der SS bei. Um seinen Traum von den Reisen zu anderen Planeten zu verwirklichen, nahm der opportunistische Visionär in Kauf, dass in den versteckten Produktionsstätten seiner Waffen in Peenemünde und im Harz unter entsetzlichen Bedingungen Zehntausende Zwangsarbeiter schufteten.

Die NS-Vergangenheit unter den Tisch gekehrt

Im Frühjahr 1945 entschied sich von Braun, zu den Amerikanern überzulaufen und sicherte für die spätere Übergabe an die Kriegsgewinner tonnenweise Dokumente sowie Bauteile der V2. Gerade rechtzeitig vor der Einführung der sowjetischen Besatzungszone wurde er gemeinsam mit zahlreichen weiteren deutschen Wissenschaftlern und Technikern in die USA evakuiert, wo ihre NS-Vergangenheit bald unter den Tisch gekehrt wurde.

Von Braun und Koroljow, sie waren beide willensstark, hochmotiviert und sich als Spitzenexperten ebenbürtig. Allerdings hatten sie im Wettlauf zum Mond unterschiedlich hohe Hürden zu nehmen. Der Deutsche musste sich zunächst gegen die US-Navy behaupten und den Widerstand des an dem Weltraum eher nicht interessierten Präsidenten Eisenhower überwinden. Nach dem erfolgreichen Start einer Rakete mit dem Mini-Satelliten Explorer 1958 wurde Wernher von Braun allerdings zum gefeierten Nationalhelden.

Der Fluch der Anonymität

Zwar konnte Sergei Koroljow zunächst auf die Unterstützung des Parteichefs Nikita Chruschtschow bauen, er musste aber für seine Landsleute wie für das Ausland unsichtbar bleiben, angeblich aus Sicherheitsgründen. Als das Nobelpreis-Komitee sich in Moskau nach dem „Vater des Sputniks“ erkundigte, lautete die Antwort: „Es war das sowjetische Volk“. Koroljows Tochter erzählte später, dass der „Chefkonstrukteur“ unter dem Fluch der Anonymität litt.

Noch schwerer wog, dass ihm viel begrenztere Mittel zur Verfügung standen als seinem US-Rivalen. Um immer neue Rekorde zu erreichen, musste Koroljow auf notwendige Tests verzichten und die Sicherheitsregeln lockern. Das führte zu Fehlern. Die Partei setzte den Raketenbauer zudem unnötig unter Druck, als sie den Auftrag für eine Mondrakete auch an ein konkurrierendes Konstrukteursbüro vergab. So wurden knappe Ressourcen verschleudert.

Warnungen der Ärzte ignoriert

Koroljow hatte lange an Herz- und Nierenproblemen gelitten. Nach einem Herzinfarkt 1960 schlug der Russe jedoch die eindringlichen Warnungen der Ärzte in den Wind, die sein Arbeitspensum zu hoch fanden. Er starb im Januar 1966 an den Komplikationen nach einer Operation zur Entfernung eines bösartigen Tumors im Bauchraum. Der neue Mann an der Spitze des sowjetischen Raumfahrtprogramms, Wassilij Mischin, hatte weder das Talent noch die Improvisationsfähigkeit seines Vorgängers, um im Rennen gegen die überlegenen Amerikaner lange mithalten zu können. Drei Jahre später war die Niederlage durch die Mondlandung von Apollo 11 endgültig besiegelt.

Als neuer Direktor des Planungsbüros der Nasa genoss Wernher von Braun nach der Mission von Apollo 11 noch drei Jahre lang seinen Ruhm als Entwickler der erfolgreichen Saturn-5-Rakete. Er verließ 1972 die US-Raumfahrtbehörde und starb fünf Jahre später an Krebs.

Dossier zum Mondlandungs-Jubiläum
Die BNN würdigen den 50. Jahrestag der ersten bemannten Mondlandung mit einem Countdown und vielen Artikeln in der gedruckten Zeitung und auf bnn.de. Alle Inhalte gibt es hier im Online-Dossier.