Der Gateway zum Mond: Das in den USA entwickelte Raumschiff Orion (rechts) soll in seiner Kommandokapsel bis zu vier Astronauten tragen und vom Europäischen Service-Modul angetrieben werden. Grafik: NASA/ESA/ATG Medialab

Vielleicht bis zum Mars

Neue Mond­missionen geplant: Die Menschheit baut ein Tor im All

Anzeige

Es war ein sonniger Morgen am 14. Dezember 1972 am Rand des Meeres der Heiterkeit. Der siebenstündige Spaziergang zweier Kundschafter im Taurus-Littrow-Tal war fast vorüber, die 62 Kilogramm gesammelten Steinproben im Landemodul verstaut.

Es gab für den Astronauten Gene Cernan nur noch zwei Dinge zu tun: In seinem weißen Raumanzug kniete der 38-Jährige in den aschfahlen Mondstaub und zeichnete dort mit dem Finger TDC – die Initialen seiner Tochter Tracy.

Ehe er dann die Leiter zur Fähre erklomm, richtete der Kommandant von Apollo 17 per Funk ein Abschiedswort an die Erde: „Wir gehen so, wie wir gekommen sind und, so Gott will, wie wir wiederkommen werden in Frieden und Hoffnung für die Menschheit“.

Ein zweites Mond-Wettrennen ist im Gang

Der letzte Mann auf dem Mond starb im Januar 2017 im festen Glauben, dass seine Prophezeiung eines Tages in Erfüllung gehen würde. Und nun sieht es ganz danach aus. Bei den Feiern zum 50. Jahrestag der ersten Mondlandung am vergangenen Wochenende wurde nicht nur der berühmten Mondpioniere von 1969 gedacht. Die Blicke der Weltraumagenturen sind nach vorne gerichtet.

Eine Art zweites Mond-Wettrennen ist heute im Gang, an dem sich neben Russland und den USA diesmal auch China, Indien, Israel, Japan, Südkorea und die europäische Raumfahrtagentur Esa beteiligen. Der große Unterschied zwischen dem kosmischen Wettlauf der Atommächte in den 60ern: Die Länder wollen nicht, wie früher, im Alleingang komplexe Technologieprogramme schultern und dafür gigantische Ressourcen verschleudern, sondern sinnvoll miteinander kooperieren.

Ab 2022 wird eine Station im lunaren Orbit fliegen

„Statt Apollo einfach zu wiederholen, brauchen wir vielmehr eine nachhaltige Lösung – und dafür ist das Gateway-Konzept von zentraler Bedeutung“, sagte Ende Mai bei dem Speyerer Symposium zum Jubiläum der Mondlandung der Leiter des Europäischen Astronautenzentrums (EAC) in Köln, Frank de Winne.
„Gateway“ bedeutet zu Deutsch etwa: „Tor“ oder „Portal“. Der Begriff steht für eine Raumstation im elliptischen lunaren Orbit, die zugleich Forschungsplattform, Kommunikationszentrale, Umstiegsort für bemannte Mond-Missionen und zukünftig ein Sprungbrett für die weitere Erkundung des Sonnensystems sein soll.

Nach derzeitiger Planung soll der erste Teil des fliegenden Weltraumbahnhofs – das Antriebs- und Energiemodul – im Jahr 2022 gestartet werden. In den folgenden drei Jahren sollen mit der neuen US-Superrakete SLS weitere vier Module in die Mondumlaufbahn folgen, die es den vierköpfigen Besatzungen ermöglichen, auf der Station bis zu drei Monate lang zu arbeiten.

Die geplante Mondstation Gateway soll ab 2022 in der Mondumlaufbahn aufgebaut werden. Grafik: ESA/NASA

Nicht wie früher geplant im Jahr 2028, sondern bereits 2024 wollen die USA die Erfolgsgeschichte von Apollo fortsetzen. Ende März 2019 kündigte US-Vizepräsident Mike Pence überraschend einen neuen Zeitplan an: „Es ist das Ziel dieser Regierung, binnen fünf Jahren US-Astronauten auf den Mond zurückzubringen. Um es klar zu sagen: Die erste Frau und der nächste Mann auf dem Mond werden beide Amerikaner sein, die auf US-Raketen vom US-Boden aus in den Weltraum fliegen werden“.

Europa steht unter Zeitdruck

Das überaus ehrgeizige Vorhaben setzt nun Europa unter Zeitdruck, noch bis zum Jahresende über eine langfristige Beteiligung am Projekt Gateway formell zu entscheiden. „Die ESA muss mutig sein“, sagte hoffnungsvoll beim Mond-Symposium in Speyer der frühere Astronaut de Winne. „Nur alle 20 bis 30 Jahre kriegt man die Gelegenheit dazu, große Weichenstellungen für bemannte Raumfahrtprogramme zu machen. Dieser Moment ist gekommen“.

Ein Teil des Raumschiffs „Orion“ kommt aus Bremen

Im neuen Mondrennen des 21. Jahrhunderts sind die USA auf ihre europäischen Partner angewiesen, die einen zentralen Teil des neun Raumschiffs Orion beisteuern – das ESM (European Service Module). Der 13 Tonnen schwere Zylinder wird die viersitzige Kapsel antreiben und sie unter anderem mit Sauerstoff und Energie versorgen.

Das ESM wird vom Bremer Unternehmen OHB gebaut, es soll 2021 gemeinsam mit Orion einen ersten unbemannten Testflug zum Mond absolvieren (Artemis-1). Der erste bemannte Flug ist für das Jahr darauf geplant. Für die Mission Artemis-3, die die erste Landung von Menschen auf dem Mond seit 1972 vorsieht, soll bereits das Gateway als Zwischenstopp und Umsteigepunkt dienen.

Auch andere Nationen haben Ambitionen

EAC-Chef de Winne erwartet, dass europäische Astronauten bei einer der ersten fünf Mondlandungen zum Zuge kommen werden. Auch China und Russland planen eigene bemannte Mond-Missionen. Die chinesische Raumfahrtagentur CNSA hat die von der Erde abgewandte Rückseite im Blick, die noch bis Ende des kommenden Jahrzehnts betreten werden soll. Russland möchte bis 2031 zum erlesenen Kreis der „Moonwalker“-Nationen aufschließen.

Länder wie Israel, Japan und Südkorea setzen dagegen auf robotische Forschung. Ein großer Schritt ins All gelang am Montag Indien: Nach mehreren gescheiterten Anläufen hat das Land erstmals eine eigene Sonde ins All geschickt, die bald den Mond kartografieren und dort nach Wasser suchen soll.

Ich bin optimistisch, dass meine Urenkel die ersten Menschen auf dem Mars erleben werden.

Viele Experten sehen den erdnächsten Himmelskörper als eine Zwischenstation auf dem Weg zu Mars. Er wird für Menschen viel komplizierter sein, alleine der Flug zum Roten Planeten soll zwei Jahre dauern. „Ich bin dennoch optimistisch“, sagte Apollo-16-Astronaut Charlie Duke (82) auf dem Mondsymposium in Speyer, „dass meine Urenkel die ersten Menschen auf dem Mars erleben werden.“

Dossier zum Mondlandungs-Jubiläum
Die BNN würdigen den 50. Jahrestag der ersten bemannten Mondlandung mit einem Countdown und vielen Artikeln in der gedruckten Zeitung und auf bnn.de. Alle Inhalte gibt es hier im Online-Dossier.