Eine Familie verfolgt 1969 in ihrem Wohnzimmer die Live-Berichterstattung zur ersten Mondlandung.
Eine Familie verfolgt 1969 in ihrem Wohnzimmer die Live-Berichterstattung zur ersten Mondlandung. | Foto: Wilhelm Bauer / Nürnberger Nachrichten

Sonderausstellung in Nürnberg

Die Mondlandung live im Fernsehen: Warum jeder weiß, was er in dieser Nacht getan hat

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Die Mondlandung war ein riesiges Medienereignis: Rund 600 Millionen Menschen sahen live zu, wie der erste Mensch einen Fuß auf den Mond setzte. Wie diese Berichterstattung möglich wurde, welche Folgen das Event für das Medium Fernsehen hatte und was im Katastrophenfall passiert wäre, zeigt eine Sonderausstellung in Nürnberg.

Die Mondlandung war Männersache – im All und in den Fernsehstudios. Für die ARD moderierte Günter Siefarth die komplette Nacht auf den 21. Juli 1969 durch und handelte sich so den Spitznamen „Mister Apollo“ ein. Sein Pendant im ZDF war Heinrich Schiemann, unterstützt wurden beide von einer ganzen Reihe aus Journalisten, Wissenschaftlern und Korrespondenten in Houston.

Medien weltweit trieben riesigen Aufwand für die Mondlandung

Frauen waren zwar auch zugegen in den beiden Sonderstudios – allerdings nur, um in den Telefonkabinen Fragen von Zuschauern entgegenzunehmen oder adrett aus einer nachgebauten Landekapsel zu lächeln.

Welchen Aufwand nicht nur die beiden westdeutschen Fernsehanstalten, sondern Medien weltweit für die Berichterstattung über die erste Mondlandung betrieben, zeigt momentan eine Sonderausstellung im Nürnberger Museum für Kommunikation. „Raumschiff Wohnzimmer. Die Mondlandung als Medienereignis“ heißt die Schau.

„Ein Medienereignis ist ein einschneidendes Event mit großer medialer Resonanz, die in den Alltag der Menschen hineinwirkt und sie emotional berührt“, erklärt Museumssprecherin Dr. Vera Losse. „Wir haben immer wieder Besucher, die erzählen, dass sie sich extra für die Mondlandung den ersten Fernseher gekauft haben.“ Und so ein Gerät galt damals noch als echtes Statussymbol: Ungefähr 2 000 Mark kostete der günstigste Farbfernseher in der BRD bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 14 000 Mark.

In der DDR waren die Geräte noch einmal deutlich teurer – hier wurde die Mondlandung aber ohnehin nicht live übertragen. Nach den aktuellen Sportnachrichten um 22.40 Uhr stellte das ostdeutsche Fernsehen den Sendebetrieb ein, wie einem TV-Programm in der Ausstellung zu entnehmen ist.

Enormer Aufwand für das Fernsehpublikum

„Wir bleiben auf Sendung“, entschieden hingegen ARD und ZDF, als klar wurde, dass die NASA den Ausstieg der Astronauten aus der Mondkapsel um einige Stunden vorziehen würde.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man die Zuschauer mit Schaubildern, Trickfilmen und lebensgroßen Modellen bei Laune gehalten. „Das war ein unendlicher Aufwand, um die Zeit zu füllen“, erklärt Vera Losse.

Mit Erfolg: Fast jeder Zeitgenosse erinnert sich wohl noch daran, wo und mit wem er die Mondlandung verfolgt hat. Wer keinen Fernseher im eigenen Wohnzimmer hatte, konnte in vielen Gaststätten, Betrieben oder vor Fernsehgeschäften zuschauen. Auf dem Londoner Trafalgar Square war sogar eine Großleinwand aufgebaut, wie man sie heute vom Public Viewing bei Fußballspielen kennt.

Insgesamt sahen weltweit rund 600 Millionen Menschen beim ersten Mondspaziergang zu – allerdings hauptsächlich in der westlichen Welt. Manche Länder bekamen das Filmmaterial mit Zeitverzögerung eingeflogen, in vielen Staaten wurde überhaupt nicht berichtet.

Dabei hatte die NASA viel getan, um ihre erfolgreiche Mission medienwirksam zu inszenieren: Ihre Pressemappe, die im Museum für Kommunikation besichtigt werden kann, ist drei Finger dick. Die schwedischen Hasselblad-Kameras, die das grisselige und kontrastarme Live-Bild aufnahmen, wurden eigens für den Einsatz im All konstruiert.

Bei Dianas Beerdigung sahen viel mehr Menschen zu

Auch in den darauffolgenden Jahren wurden weitere Apollo-Missionen live auf die Erde übertragen, dank verbesserter Technik sogar in Farbe. An das große Echo des Medienereignisses 1969 kamen die späteren Missionen allerdings nicht heran. Dafür übertrafen andere Ereignisse der Zeitgeschichte die Einschaltquoten der Mondlandung: Allen voran die Beerdigung von Prinzessin Diana, die rund 2,5 Milliarden Menschen live mitverfolgten.

An einer Wand in der Sonderausstellung können Besucher ihr persönliches Medienereignis notieren: Der elfte September wird oft genannt, viele Fußballspiele, aber auch der Brand von Notre Dame oder der Mauerfall.

Die Ausstellung „Raumschiff Wohnzimmer“ ist bis zum 22. September dienstags bis sonntags im Museum für Kommunikation in Nürnberg, Lessingstraße 6, zu sehen.
Besucher können sich über die Berichterstattung zur Mondlandung und die Geschichte des Fernsehens als Leitmedium informieren, Ausschnitte aus der Live-Übertragung ansehen und mithilfe einer VR-Brille virtuell auf dem Mond spazieren gehen. Öffentliche Führungen gibt es immer sonntags um 14 Uhr.
Der Eintritt kostet sechs Euro und beinhaltet auch die Ausstellungen des DB Museums.

Ein Medium für den Frieden?

Die Ausstellung „Raumschiff Wohnzimmer“ zeigt nicht nur, wie Neil Armstrongs Fußstapfen es in tausende deutsche Wohnzimmer schafften, sondern beleuchtet auch die Kulturgeschichte des Fernsehens insgesamt. „Man hat geglaubt, das Medium kann Frieden und Völkerverständigung schaffen“, sagt Museumssprecherin Losse mit Blick auf Übertragungsverbünde wie Eurovision und Intervision.

Nur eine Frage lässt die Ausstellung offen: Wie nämlich ein vergleichbares Ereignis in unserer heutigen Zeit aussehen würde, mit Live-Streams im Netz und Meldungen in sozialen Medien.

Dossier zum Mondlandungs-Jubiläum
Die BNN würdigen den 50. Jahrestag der ersten bemannten Mondlandung mit einem Countdown und vielen Artikeln in der gedruckten Zeitung und auf bnn.de. Alle Inhalte gibt es hier im Online-Dossier.