In zwölf Meter Tiefe üben angehende Astronauten in einem riesigen Wassertank ihre Weltraumspaziergänge. Foto: AFP

Harte medizinische Tests

So wurden die Apollo-Astronauten ausgewählt: Die Qual auf dem Weg ins All

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Sie waren richtige Teufelskerle: zu jedem Abenteuer bereit, durchtrainiert, unendlich belastbar und manch einer dazu noch mit dem Äußeren eines Filmstars gesegnet. Die Erstflüge des Russen Juri Gagarin (1961) und US-Amerikaners John Glenn (1962) im Erdorbit ließen unzählige kleine Jungs zu beiden Seiten des Eisernen Vorhangs vom Beruf des Astronauten träumen.

Dass er kein Zuckerschlecken war und die Männer dem Tod ins Auge blicken mussten, gehörte für die begeisterte Öffentlichkeit zum Mythos Weltraumfahrer dazu. Doch kaum jemand ahnte, wie hart die Auswahl der Männer für die „Apollo“- und „Sojus“-Programme wirklich war – und welche Entbehrungen sie im Training auf sich nehmen mussten.

Auswirkungen des Alls auf den Körper waren noch nicht klar

Anfang der 60er Jahre wusste noch niemand, was den Menschen im All erwartete. Manche Ärzte hatten Horrorvorstellungen von den Auswirkungen der kosmischen Strahlung, des Drucks und der Schwerelosigkeit auf Lebewesen jenseits der Erde. Und so wurden in den USA anfänglich die Astronauten-Kandidaten bizarren Prozeduren unterzogen, die eher an Folter denn an medizinische Tests erinnern.

Dazu wurde den Probanden – die allesamt knallharte Kampfjet- und Testpiloten waren – die Augen verbunden, wonach ihnen mit einem Schlauch kaltes Wasser in die Ohren gespritzt wurde, bis sich ein Schwindelgefühl einstellte. Andere mussten lange ihre Füße in Eimern mit eiskaltem Wasser halten.

Nach 30 Sekunden im „Mastif“ wurde jedem übel

Berüchtigt unter den „Apollo“-Astronauten war das Trainingsgerät „Mastif“, das aus drei aufgehängten, ineinander verschachtelten Gitterkäfigen bestand, die unabhängig voneinander rotierten. Im „Mastif“ wurde man bis zu 30-mal in der Minute um drei unterschiedliche Achsen geschleudert. Selbst die hart gesottensten Kandidaten hielten in dem Teufelskarussell nur etwa 30 Sekunden aus, wonach sie sich übergaben.

„Es wurde einem schon schlecht, wenn man nur daneben stand und einem anderen Astronauten zuschaute“, erinnerte sich der Astronaut Gus Grissom, der 1967 gemeinsam mit zwei Kollegen bei dem tragischen Start von Apollo 1 in der Kommandokapsel ums Leben kam.

Ihr Blut kochte fast, die Augen fielen ein

Auch die Sowjetunion legte großen Wert auf eine strenge Auswahl ihrer Kosmonauten. Im Sternenstädtchen bei Moskau kreisten die erfahrenen Militärflieger in Zentrifugen, bis sie 560 Kilogramm wogen. Sie wurden in Druckkammern eingesperrt, wo die Arbeitsbedingungen in 14 Kilometer Höhe simuliert wurden. „Ihr Blut kochte fast, die Augen fielen ein, ihre Wangen bliesen sich auf“, sagte ein Augenzeuge.

Wer dazuzählen wollte, durfte keine Schwäche zeigen. Der Weltraumpionier Juri Gagarin soll bei einem dieser mörderischen Tests mit der Sauerstoffmaske auf dem Gesicht noch ein Volkslied gesungen haben: „Das Schwarze Meer ist das blaueste von allen.“

Riesenzentrifuge mit dem Energiebedarf einer Kleinstadt

Im Sternenstädtchen können heute zahlende Touristen die nicht mehr geheimen Trainingslabors bewundern, die weiterhin jeder angehende Raumfahrer kennen lernen muss, ehe er in eine Sojus-Rakete steigt. Zum Beispiel die Zentrifuge ZF-18 mit einem Gewicht von 305 Tonnen und dem Energiehunger einer Kleinstadt. Sie beschleunigt auf 250 Stundenkilometer und erzeugt so Belastungen bis 30G.

Nebenan simulieren Astronauten in einem mit fünf Millionen Liter Wasser gefüllten Riesentank die Weltraumspaziergänge. Zur Ausbildung gehört auch ein Überlebenstraining in einem verschneiten Wald, bei dem die Teilnehmer aus der Landekapsel eine Notunterkunft bauen und Holz hacken müssen, um sich bei einem Lagerfeuer zu wärmen.

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