Startklar steht die russische Sojus-Rakete auf dem Weltraumbahnhof Baikonur, während die Sonne gerade über der kasachischen Steppe aufgeht. Laut den derzeitigen Plänen sollen sich hier am Ende des Jahrzehnts Menschen auf den Weg zum Mond machen. | Foto: AFP

Zukünftige Mondflüge

Ex-Kosmonaut: „Wir gehen nicht einfach zurück zum Mond, sondern werden dort bleiben“

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Es war einst eine empfindliche Niederlage für die ehrgeizigen Weltraumpioniere im Osten – doch das Jubiläum der amerikanischen Mondlandung am 20. Juli 1969 wird bald auch in Russland groß gefeiert werden. Es sei ein Erfolg der ganzen Menschheit gewesen, sagt Sergej Krikaljow, einer der erfahrensten Kosmonauten und Direktor des russischen bemannten Raumfahrtprogramms.

Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Alexei Makartsev erzählt der 60-Jährige von seinen Erinnerungen an die Mission von Apollo 11 und dem Stand der Planung in Moskau für die zukünftigen Mondmissionen.

Die Welt wird bald den 50. Jahrestag der Mondlandung begehen. Wie sieht man heute dieses historische Ereignis in Russland?

Krikaljow: Die Landung auf dem Mond war unser aller Erfolg, denken Sie nur an Neil Armstrongs Worte: „Ein großer Sprung für die Menschheit“. Wir sagen das heute mit großem Respekt für die Leistung unserer US-Kollegen. Die gleiche Wertschätzung bringen Menschen in den USA und Russland dem Kosmonauten Juri Gagarin entgegen. Sein Weltraumflug war damals ebenfalls eine große Errungenschaft der Menschheit.

Werden Sie die Mondlandung am 20. Juli irgendwie feiern?

Krikaljow: Ich werde an dem Tag auf dem Weltraumbahnhof Baikonur den Start einer Rakete begleiten. Es passt doch perfekt, dass wir dieses wunderbare Jubiläum mit neuen Erfolgen unseres Raumfahrtprogramms begehen können.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Mission von Apollo 11?

Krikaljow: Ich war damals noch Schüler. Die Nachrichten von den Ereignissen auf dem Mond kamen in der Sowjetunion mit Verzögerung an, aber immerhin konnte man in den Zeitungen darüber lesen. Und ich erinnere mich daran, wie im Leningrader Planetarium die Filmaufnahmen von den Mondspaziergängen der US-Astronauten gezeigt wurden. Ihre Qualität war eher schlecht, trotzdem waren alle begeistert. Es machte uns nichts aus, in manchen Bereichen waren damals halt die Amerikaner vorne, in anderen wir. So bereitete die Sowjetunion den Start des Lunochod (Mond-Rover – d. Red.) vor. Ich war von diesen Entwicklungen ganz fasziniert, auch wenn ich noch nicht gewusst habe, welchen Beruf ich wählen würde.

Der Wettlauf zum Mond zwischen Russland und den USA in den 60er Jahren beschäftigt noch immer die Historiker. Was denken Sie über seinen Ausgang?

Krikaljow: Es war ein normaler Wettbewerb, in dem die Wettkämpfer abwechselnd in Führung gegangen sind. Die Amerikaner konzentrierten sich auf das Mondprogramm, wir aber hatten zahlreiche andere Prioritäten. Es ging uns zum Beispiel darum, als Erste den Sputnik zu starten, dann den Menschen in den Erdorbit zu befördern und den ersten Weltraumspaziergang zu bewältigen. Außerdem war unser Lunochod wirklich ein Kunstwerk!

Sie haben einige Rekorde im Weltall aufgestellt, sind aber noch nicht auf dem Mond gewesen. Haben Sie jemals davon geträumt, selbst den Mondboden zu betreten?

Krikaljow: Ja, in den 70er Jahren hatte ich es mir vorgestellt, dass bis zum Jahr 2000 bereits tausend Menschen ins All fliegen würden. Ich dachte, dass ich gemeinsam mit anderen Kosmonauten auf dem Mond arbeiten könnte. Leider geht die technische Entwicklung nicht immer so schnell voran wie wir das möchten. Aber dieser Traum ist geblieben, und ich hoffe, dass es für mich noch nicht zu spät ist.

Russland, USA und andere Staaten planen jetzt neue bemannte Mondmissionen. Macht es Sinn, Menschen wieder hinfliegen zu lassen?

Krikaljow: Ja, weil es ein Entwicklungsprozess ist, der uns voran bringen wird. Es gibt immer Ungewissheit, wenn neue Erkundungsmissionen geplant werden. Nachdem die Raumfahrtbehörden lange darüber diskutiert hatten, ob man zum Mond oder lieber zum Mars fliegen soll, hat man sich aus meiner Sicht auf eine sehr vernünftige Lösung geeinigt. Die Rückkehr zum Mond wäre für die Menschheit ein natürlicher Schritt. Wobei wir nicht einfach zurück gehen, sondern dort bleiben werden. Es geht darum, auf dem Mond Labore und Stationen zu bauen, in denen wir dauerhaft forschen könnten.

Wann wird dies geschehen?

Krikaljow: Die ersten Mondmissionen werden binnen zehn Jahren starten. Die Amerikaner ziehen ihr Mondprogramm vor und haben das Jahr 2024 im Blick. Auch wir wollen den Mond betreten, allerdings näher zum Ende des Jahrzehnts. China hat ähnliche Pläne für die Jahre 2028 oder 2029. Wir arbeiten nun daran, die verschiedenen Programme miteinander zu koordinieren.

Bereiten sich heute russische Kosmonauten auf einen Mondflug vor?

Krikaljow: Es werden gerade neue Raketen und Raumschiffe entwickelt. Die Amerikaner bauen den „Orion“ und wir arbeiten an einem bemannten Raumschiff für exorbitale Flüge. Wenn die Technik soweit ist, werden die Kosmonauten mit ihrem Training beginnen.

Hatten Sie die Möglichkeit, einen der US-Mondfahrer mal persönlich kennenzulernen?

Krikaljow: Ja, unter anderem Neil Armstrong. Für das amerikanische Raumfahrtprogramm ist er wahrscheinlich so bedeutsam wie es der erste Kosmonaut Juri Gagarin für Russland ist. Aber ich war immer sehr beeindruckt davon, wie zurückhaltend Neil war. Er hatte seinerzeit einen Riesenschritt gemacht und ist dabei aber ein ganz normaler, bescheidener Mensch geblieben.

Welche Rolle würden Sie gerne in einer Mondmission spielen, wenn Sie mitfliegen könnten?

Krikaljow: Im Theater werden passende Rollen für Schauspieler geschrieben, in der Raumfahrt werden sie jedoch je nach Bedarf besetzt. Sollte ich einmal zum Mond fliegen dürfen, würde ich alle notwendigen Aufgaben erledigen, die bei solch einer Mission anfallen.

 

Zur Person:
Sergej Krikaljow hat während seiner sechs Flüge (1988 bis 2005) insgesamt 803 Tage im All verbracht und dabei achtmal im offenen Weltraum gearbeitet – noch bis vor vier Jahren hielt Sergej Krikaljow den Rekord als erfahrenster Kosmonaut Russlands. Doch weltberühmt wurde der heute 60-jährige Ingenieur als der „letzte Sowjetbürger“. Krikaljow flog Mitte 1991 zur damals noch aktiven Raumstation „Mir“ und sollte eigentlich fünf Monate später zurückgeholt werden. Doch dann zerbrach die Sowjetunion, und die Dauer seiner Mission musste wegen verschiedener Probleme mehr als verdoppelt werden. Erst im März 1992 kam Krikaljow wieder auf die Erde zurück, in ein neues Land. Er wurde sowohl mit dem Orden Held der Sowjetunion als auch Held Russlands ausgezeichnet. Krikaljow flog sowohl mit den russischen Sojus-Raketen als auch mit Space Shuttles. Seit 2016 leitet der Vater einer Tochter die bemannten Raumfahrtprogramme der russischen Agentur Roskosmos.