Erste Schritte auf dem Mond: US-Astronaut Buzz Aldrin am 21. Juli 1969. Foto: NASA/AFP

Landung vor genau 50 Jahren

Mission Apollo 11: Drei Mann auf einer unglaublichen Reise zum Mond

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Juli 2009, Royal Albert Hall im Londoner Stadtteil Kensington. Stille. In der prunkvollen Konzerthalle warten 2500 Besucher auf die Antwort eines weißhaarigen Mannes im Anzug mit einer goldenen Krawattennadel. Sie zeigt das Missionslogo von Apollo 11.

Buzz Aldrin ringt mit den Worten. Die Frage des Moderators – „Was hast du damals auf dem Mond empfunden, Buzz?“ – ist so einfach und für den 79-jährigen Mondveteranen gleichzeitig doch so schwer. Er hat einen guten, trockenen Humor, aber Aldrin ist kein Träumer, kein romantischer Typ, der Gefühle schön beschreiben könnte. „Wir waren dafür trainiert, in Extremsituationen sachlich zu denken“, sagt er nach einer Pause. „Sobald du Gefühle an dich heranlässt, bist du dort oben verloren“.

Und weil die Zuschauer, die zur Vorstellung seiner Autobiografie in London gekommen sind, nicht zufrieden wirken, fügt der zweite Mann auf dem Mond noch zögerlich hinzu: „Wir waren stolz und dankbar. Aber während die ganze Welt uns zugeschaut hat, dachten wir nur daran, keinen Fehler zu machen.“

Ein letzter Sonnenaufgang?

Rückblende: Es ist 6 Uhr morgens am 16. Juli 1969. Der 39-jährige Buzz Aldrin steht in 90 Meter Höhe allein auf der Plattform des Startturms am Cape Kennedy und schaut zu, wie die über dem azurblauen Ozean tief stehende Sonne die Rampe 39A in ein rötliches Licht eintaucht. Es könnte der letzte Sonnenaufgang seines Lebens sein.

Nur wenige Meter von dem Raumfahrer entfernt ragt die Saturn V mehr als hundert Meter in die Höhe, nachts angestrahlt wie die Spitze einer Kathedrale. Die mächtigste je gebaute Weltraumrakete, betankt mit etwa 2200 Tonnen Wasserstoff, Sauerstoff und Kerosin, gilt als sehr zuverlässig. Dagegen stehen die Chancen, dass Aldrin und sein Kollege Neil Armstrong erfolgreich auf der Mondoberfläche landen werden, nach eigener Einschätzung der Astronauten lediglich bei 50 Prozent.

Ein Rosengärtner fliegt ins All

Sechs Monate zuvor wurde die Besetzung von Apollo11 erstmals öffentlich verkündet. Drei Asse der Luftwaffe, die ein hartes Auswahlverfahren hinter sich haben, sollen im Finale des achtjährigen Wettrennens mit der Sowjetunion endlich das Ziel des US-Präsidenten John F. Kennedy erfüllen, vor dem Ende der 60er Jahre den Mond zu erobern. Die Raumfahrtbehörde Nasa legt sich frühzeitig fest, dass der exzellente Pilot Michael Collins, ein vielbelesener und humorvoller Hobby-Rosengärtner, im Kommandomodul „Columbia“ um den Mond kreisen soll. Als Spezialist für das sogenannte Rendezvous im Orbit ist der frühere Kampfpilot Aldrin unter anderem für die kritisch wichtigen Kopplungsmanöver im All auserkoren, von denen der Erfolg der Mission abhängt.

Die Besatzung von «Apollo 11», die Astronauten Neil Armstrong (l-r), Michael Collins und Edwin Aldrin. Foto: Nasa/dpa

Doch der introvertierte Einzelgänger, der heimlich unter Depressionen leidet, kann sich schwer damit abfinden, dass nicht er, sondern Neil Armstrong als erster Mensch auf dem Mond in die Geschichtsbücher eingehen wird. Die Nasa bleibt hart. Der stille und zurückhaltende Armstrong hat Nerven aus Stahl und ist selbst in brenzligsten Situationen die Ruhe in Person. Als Kommandant hat er viele Monate lang hartnäckig geübt, die Zweimann-Fähre „Eagle“ sicher auf der Mondoberfläche landen zu können.

Zur richtigen Zeit am richtigen Platz

Und so fügt sich Aldrin seinem Schicksal, als er beim Anbruch des Tages am Cape Kennedy die aufgehende Sonne begrüßt. „Ich dachte, wie wunderbar mein Leben bis zu diesem Zeitpunkt gewesen war“, erinnert er sich in seiner Autobiografie. „Alles hatte bestens geklappt, sodass ich zur richtigen Zeit am richtigen Platz stand.“ Dann wird es Zeit, einzusteigen.

Der Start der Mondrakete Saturn-V am 16. Juli 1969. Foto: Nasa/dpa

Der Beginn der 800000 Kilometer langen Rundreise zum Mond ist ein überwältigendes Erlebnis. Das Kraftpaket Saturn V, das manche US-Astronauten ehrfürchtig mit einer fliegenden Atombombe vergleichen, verbrennt mit seinen fünf Triebwerken 13 Tonnen Treibstoff pro Sekunde und speit einen 250 Meter langen Feuerstrahl heraus. Doch es dauert ganze zwölf Sekunden, ehe die Monsterrakete mit einem Startgewicht von etwa 400 Elefanten über den Startturm steigt. Ihr ohrenbetäubendes Dröhnen lässt angeblich noch in der 16 Kilometer entfernten Kleinstadt Titusville die Erde beben. Während die Astronauten mit dem Vierfachen ihres Körpergewichts in ihre Sitze gepresst werden, schauen rund um den Weltraumbahnhof Kennedy Space Center eine Million Menschen gebannt zu.

Langsamer als moderne Smartphones

In der Umlaufbahn kontrolliert Collins, ob die Navigation der „Columbia“ richtig arbeitet. Im Modul sind die fortschrittlichsten Computer ihrer Zeit verbaut, die sich jedoch heute nicht mit der Rechenleistung eines durchschnittlichen Smartphones messen lassen könnten. Es gibt keine Probleme, und die Bodenkontrolle in Houston ist zufrieden.

Nach drei Stunden im Orbit zündet die dritte Stufe. Sie beschleunigt die Astronauten bis zur sogenannten „Fluchtgeschwindigkeit“ von der Erde – 11,2 Kilometer pro Sekunde. Nun muss die Besatzung das Landemodul abtrennen und an der Spitze der umgedrehten „Columbia“ parken. „Nach dem Abendessen machten wir ein Nickerchen“, schreibt Aldrin in seinem Buch. Langsam um die eigene Achse rotierend, um die Temperaturunterschiede auszugleichen, ist das Raumschiff unterwegs ins Ungewisse.

„Könnt ihr die Erde etwas drehen?“

Der dreitägige Flug zum Mond wird eine recht entspannte Angelegenheit. Die Technik funktioniert tadellos, keiner der drei Astronauten leidet an der gefürchteten Raumkrankheit. Da Armstrong, Aldrin und Collins ausgeruht am Ziel ankommen sollen, haben sie unterwegs keine Experimente zu bewältigen. In Jogginganzüge gekleidet, schweben die Besatzungsmitglieder in der Kabine von der Größe eines geräumigen Kombiwagens frei herum, nehmen Mahlzeiten zu sich, sprechen mit Houston und filmen die Umgebung. „Könnt ihr die Erde etwas drehen, damit wir mehr als nur Wasser zu sehen bekommen?“, scherzt Aldrin während einer TV-Übertragung. Wenn jedoch die Kamera wieder aus ist, reden die Männer nicht viel. Sie respektieren sich und verlassen sich blind aufeinander. Freunde sind sie aber nicht.

Die Rückkehrstufe der Mondfähre mit den Neil Armstrong und Edwin Aldrin. Foto: Nasa/dpa

Der große Tag beginnt mit einem lockeren Spruch der Bodenkontrolle: „Guten Morgen, wie es scheint, habt ihr noch geschnarcht.“ Seit dem Einschuss in den lunaren Orbit infolge eines komplizierten Manövers umkreist Apollo 11 alle zwei Stunden den Mond, den der Erdschein in ein kaltes, bläuliches Licht taucht. Die Besatzung ist fasziniert: „Der Anblick ist die Reisekosten wert.“ Die Astronauten brauchen vier Stunden, um das Ablegen des Landemoduls „Eagle“ vorzubereiten. Zum Abschied sagt Collins in der „Columbia“: „Passt gut auf euch auf, Jungs.“ Als ginge er nur zum Imbiss um die Ecke, antwortet Armstrong knapp: „Bis später“.

Alarm 1202

Der Abstieg wird zu einer Nervenprobe. Weil Aldrin das Rendezvous-Radar nicht abgeschaltet hat, meldet der überlastete „Eagle“-Computer immer wieder den Fehler „Alarm 1202“. Ist er kritisch? Die beunruhigten Experten in Houston können diese Frage nicht mit Gewissheit beantworten, doch sie entscheiden sich für „Go“. Weitermachen.

Dann steuert der Computer die mit 150 Metern pro Sekunde fallende Fähre auf einen Krater hin, den Felsbrocken von der Größe eines Autos umgeben. Armstrong schaltet per Handsteuerung beinahe auf Horizontalflug, um einen besseren Landeort finden zu können. Der Puls des sonst so gelassenen Flugkünstlers schnellt auf 150 Schläge hoch. Als die Anzeige „Bodenkontakt“ endlich aufleuchtet, bleibt den Astronauten nur noch Treibstoff für 18 Sekunden übrig. Aldrin und Armstrong schütteln sich die Hände, für größere Gefühlsausbrüche ist keine Zeit. „Hier Tranquility Base“, sagt wieder ganz ruhig der Kommandant. „Der ,Eagle‘ist gelandet.“

„Herrliche Einöde“

Gegen vier Uhr morgens in Europa am 21. Juli 1969 betritt ein Mensch erstmals einen anderen Himmelskörper. Armstrongs Worte vom „kleinen Schritt“ schreiben Geschichte. Aber auch die von Aldrin. Als er den „Eagle“ verlässt, wird der nüchterne Draufgänger emotional. „Tolle Sicht“, ruft er Houston zu, „es ist eine herrliche Einöde!“ Der Mond ist kalt, leer und fremd. In seinem Buch beschreibt ihn Aldrin als „aschgrau, übersät mit Tausenden Kratern und Felsbrocken jeder Größe und Form. Wegen der fehlenden Atmosphäre gab es keinen Dunst, die Sicht war kristallklar“.

Ein Fußabdruck für die Ewigkeit: Buzz Aldrins Spuren auf dem Mond. Foto: Nasa/dpa

Sie haben es geschafft, nun gilt es, die lebensfeindliche „Einöde“ heil zu verlassen. Nach etwa zwei Stunden auf der Oberfläche schleppen die Astronauten 22 Kilo Gestein in die Fähre. Sie haben eine US-Fahne in den feinen Mondstaub gepflanzt, Messinstrumente aufgestellt und sich per Funk vom Präsidenten Richard Nixon beglückwünschen lassen. Nach einer Ruhepause und Stärkung mit Saft und Cocktailwürstchen starten sie das Triebwerk der Aufstiegsstufe, das zum Glück perfekt funktioniert.

„Der ,Eagle‘ hat Flügel bekommen“, meldet Armstrong. Als oben im Mondorbit Mike Collins die frohe Nachricht hört, atmet er erleichtert auf. Unerträglich war dem „Columbia“-Piloten der Gedanke gewesen, dass er womöglich seine Kameraden zurücklassen und alleine zur Erde zurückfliegen müsste.

Zurück im normalen Leben

Sie kehren am 24. Juli als Helden zurück und stürzen in einen Starrummel, mit dem sie kaum umgehen können. Zumindest für Aldrin wird das Leben nach dem Flug zu einer schwierigeren Prüfung als die Mondlandung selbst. Der Raumfahrer spürt die gähnende Leere und sucht die Rettung im Alkohol. Seine Ehen gehen kaputt, eine Depression bereitet seiner Militärlaufbahn ein Ende. Erst die Ehe mit seiner dritten Frau Lois gibt Aldrin die Kraft, um ins Leben zurückzukehren. Bis heute ist er als Buchautor, Berater und Unternehmer tätig. Collins verlässt bald nach der Mondlandung die Nasa. Nach einem kurzen und erfolglosen Ausflug in die Welt der Politik übernimmt er die Leitung der Smithsonian Institution, um später Unternehmer und Autor zu werden.

Die Mondhelden im Jahr 1999. Foto: AFP

Neil Armstrong gibt den Journalisten das größte Rätsel auf. Die Welt liegt dem ersten Mann auf dem Mond zu Füßen, doch er legt keinen Wert auf den Celebrity-Status und zieht sich konsequent ins Private zurück. Bis 1971 arbeitet Armstrong als Vizechef der Nasa-Abteilung für Luftfahrt und unterrichtet anschließend an der Universität in Cincinnati. Danach wechselt er in die Wirtschaft. Der „größte amerikanische Held für alle Zeiten“ (US-Präsident Obama) starb im August 2012 nach einem Herzeingriff. Bei der bescheidenen Trauerfeier in der Washington National Cathedral sang Diana Krall den Song „Fly Me To the Moon“.           

Dossier zum Mondlandungs-Jubiläum
Die BNN würdigen den 50. Jahrestag der ersten bemannten Mondlandung mit einem Countdown und vielen Artikeln in der gedruckten Zeitung und auf bnn.de. Alle Inhalte gibt es hier im Online-Dossier.