Der Mond beschäftigt die Menschen seit alters her. Nicht alle Einflüsse, die ihm zugeschrieben werden, sind wissenschaftlich belegbar. | Foto: dpa/Peter Komka

Physik und Fantasie

Zwischen Wissenschaft und Esoterik: Wie der Mond die Welt beeinflusst

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Dem Mond werden zahlreiche Einflüsse auf die Erde zugeschrieben. Er verursacht zum Beispiel Ebbe und Flut. Zudem soll sein Zyklus helfen, den passenden Zeitpunkt für einen Frisörtermin zu ermitteln. Tatsächlich wirkt der Mond vielfältig auf die Erde. Vieles, wofür er verantwortlich sein soll, ist allerdings auch unbelegbare Esoterik.

Wenn Hansjörg Kutterer den ganzen Tag völlig regungslos in seinem Büro in der Karlsruher Innenstadt säße, hätte er sich am Ende doch 40 Zentimeter auf und ab bewegt. So wie jeder andere Mensch und jedes Ding auf diesem Planeten. Grund für das Auf und Ab ist der Mond, der mit enormen Kräften auf die Erde wirkt.

Die Welt ist zähflüssig

Kutterer arbeitet am Karlsruher Institut für Technologie am Lehrstuhl für Geodätische Erdsystemwissenschaft. Kurz gesagt, beschäftigt er sich mit der Vermessung der Welt. Und dabei spielt der Mond eine gehörige Rolle. Sein Gravitationsfeld und das der Erde stehen in beständiger Wechselwirkung zueinander.

Die Kraft des Mondes bremst die Erdrotation ab. Ohne seinen Einfluss wäre ein Erdtag vermutlich deutlich kürzer. Und möglicherweise zu kurz, als dass sich heutige Lebensformen hätten herausbilden können.

Die Kraft der Erde sorgt indes dafür, dass der Mond überhaupt beständig um die Erde kreist. Und weil die Welt mit den Worten Kutterers aus kosmischer Sicht ein „elastischer, zähflüssiger Planet“ ist, bewegen sich feste wie flüssige Bestandteile täglich auf und ab. „Mit dem bloßen Auge sichtbar ist der Einfluss des Mondes am Meer bei Ebbe und Flut“, erklärt Kutterer. „Die Gezeiten wirken sich aber auch auf die feste Erde aus, so dass sich der Erdmantel binnen eines Tages um insgesamt 40 Zentimeter verschiebt.“

Der Mond entfernt sich

Für Kutterers Arbeit ist die genaue Kenntnis der Dynamk im System von Mond und Erde hilfreich, um etwa zu exakteren Messergebnissen zu gelangen. Im Rahmen der Apollo-Missionen sind auf der Mondoberfläche mehrere Messpunkte verteilt worden, die per Laser von der Erde angepeilt werden können. Vergleichbare Messpunkte befinden sich auch auf Satelliten, die um die Erde kreisen. Kurzgefasst können per Lasermessung etwa Satellitenbahnen näher bestimmt werden. Zudem ermöglichen sie auch, verschiedene Punkte auf der Erde in einen exakteren Bezug zueinander zu rücken.

Belegen lässt sich so zum Beispiel, dass der Mond sich jährlich 3,8 Zentimeter von der Erde entfernt. Und dass die sich verlangsamende Erdrotation im Schnitt alle zwei Jahre die Einführung von Schaltsekunden erforderlich macht – zumindest in der Messung von astronomischer Zeit und Atomzeit.

Mystisch aufgeladen

Es gibt also nachweislich eine physikalische Dynamik im Verhältnis von Mond und Erde. Die Gezeitenwirkung, die für beständige Bewegung in den Ozeanen sorgt, könnte möglicherweise ein Faktor bei der Entstehung des Lebens gewesen sein.

Kein Wunder also, dass die Kraft des Mondes bisweilen mystisch aufgeladen wird. Und dass es Leute gibt, die ihr sehr großen Einfluss auch auf alltägliche Dinge beimessen. Meist berufen sie sich dabei auf „altes Wissen“, das schon lange vor dem Aufkommen der modernen Wissenschaft erhoben worden sei.

Ist Mondscheinkäse besonders lecker?

So bildet der Einfluss des Mondes etwa die Grundlage der chinesischen Astrologie. Er soll die Entwicklung von Pflanzen beeinflussen können, die Wundheilung und das Wachstum von Haaren. Bei Vollmond abgefülltes Wasser soll besonders rein und heilsam sein. Es gibt sogar Mondscheinkäse, der nicht nur besonders lecker sein soll, sondern auch Hilfe bei Schlafproblemen verspricht. Und bei Vollmond geschlagenes Holz sei besonders hochwertig.

Und natürlich sind da noch die Lunatics. Der im Englischen gebräuchliche Begriff lässt sich mit „Verrückte“ übersetzen. Tatsächlich wurde dem Mond in früheren Zeiten starker Einfluss auf die seelische Gesundheit zugeschrieben. Die Sorge, der Vollmond könne Menschen regelrecht verrückt machen, trieb besonders im neuzeitlichen England kuriose Blüten. Im Deutschen immerhin gibt es die Idee von der Mondsucht – bei Vollmond treibe es Schlafwandler demnach besonders häufig aus dem Bett.

Eine Frage der Masse

Wissenschaftlich belegbar sei davon praktisch nichts, erklärt Florian Freistetter, promovierter Astronom und Wissenschaftsjournalist. „Der Mond wirkt ja vor allem über seine Schwerkraft auf die Erde ein. Und die ist bei Vollmond letztlich nicht anders wie bei Neumond. Allein deswegen ist die Annahme schon irrig, der Mondzyklus könne Haarwachstum oder Wundheilung beeinflussen“, erklärt Freistetter.

Es ist Irrsinn zu glauben, der Mond wirke auf unseren Körper oder ein paar Feldfrüchte.

Und verweist auf einen weiteren Denkfehler, der häufig im Zusammenhang mit dem Mond gemacht werde: „Er kann mit seiner Masse letztlich nur Dinge signifikant beeinflussen, die ebenfalls eine große Masse haben.“ Daher bewege er etwa Ozeane und die Festerde – aber bereits ein großer Binnensee reagiere nicht mehr erkennbar auf den Mond, sondern allein auf das Kraftfeld der Erde.

„Da ist es Irrsinn zu glauben, der Mond wirke auf unseren Körper oder ein paar Feldfrüchte.“ Zumal es zahlreiche einschlägige Studien gebe, die bislang nicht den Hauch eines Nachweises liefern konnten, dass der Mond einen wie auch immer gearteten stofflichen Einfluss auf Pflanzen und Lebewesen nimmt. „Es gibt ja nicht mal stichfeste Indizien, dass der Mensch bei Vollmond schlechter schläft.“

Der Mondkalender hat sinnvolle Ursprünge

Immerhin, in früheren Zeiten hatten Mondkalender grundsätzlich eine Berechtigung, findet Freistetter. „Sie waren letztlich Versuche, die Jahreszeit zu bestimmen und festzulegen, wann gute Zeitpunkte für Aussaat und Pflanzungen sind.“ In vormodernen Zeiten sei der Mondzyklus schließlich ein wesentlicher Anhaltspunkt zur zeitlichen Orientierung gewesen.

Damit sei der Einfluss des Mondes auf den Alltag des Menschen dann aber auch schon erschöpft. Wer sich Mondprodukte kaufen wolle, möge das daher gern tun, sagt Freistetter. „Allerdings ist das schlichte Esoterik. Wer etwa zur Behandlung ernsthafter gesundheitlicher Probleme einen Mondkalender zu Rate zieht, handelt schlicht fahrlässig.“

Dossier zum Mondlandungs-Jubiläum
Die BNN würdigen den 50. Jahrestag der ersten bemannten Mondlandung mit einem Countdown und vielen Artikeln in der gedruckten Zeitung und auf bnn.de. Alle Inhalte gibt es hier im Online-Dossier.