HANDOUT - Zum Themendienst-Bericht von Christian Röwekamp vom 24. Mai 2019: Immer noch auf großer Reise: Die Raumkapsel «Columbia» der Apollo-11-Astronauten tourt seit 2017 durch die USA und ist bis Anfang September 2019 im «Museum of Flight» in Seattle zu sehen. Foto: Eric Long/Smithsonian National Air and Space Museum/dpa-tmn - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit dem genannten Text und nur bei vollständiger Nennung des vorstehenden Credits - Honorarfrei nur für Bezieher des dpa-Themendienstes +++ dpa-Themendienst +++ | Verwendung weltweit
Die Raumfähre "Columbia": Hier verbrachten die Astronauten die Zeit während der Apollo-11-Mission | Foto: dpa

50 Jahre Mondlandung

Zwei Quadratmeter pro Person: So war das Leben an Bord von Apollo 11

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Acht Tage im All, acht Tage auf engstem Raum, acht Tage in einer bis zu 40.000 Kilometer pro Stunde schnellen Kapsel. Die Besatzung von Apollo 11 war hartgesotten. Zwei Quadratmeter standen Neil Armstrong, Michael Collins und Buzz Aldrin jeweils zur Verfügung. Zwei Quadratmeter zum Essen, Trinken, Schlafen und, um aufs Klo zu gehen – wie war das Leben an Bord der „Columbia“?

Es knarzt im Lautsprecher: „Unglaublich, aber wir haben hier Hühnersuppe.“ Michael Collins funkt euphorisch hinab auf die Erde zum „Lyndon B. Johnson Space Center“, der Kommandozentrale der US-Raumfahrtbehörde Nasa in Houston, Texas. Der Apollo-11-Astronaut, verantwortlich für das Kontroll- und Servicemodul, scheint mit dem Speiseplan an Bord des Raumschiffs „Columbia“ im Juli 1969 zufrieden zu sein.

Heißes Wasser aus einem Schlauch in einen Beutel schütten, drauf herumdrücken – fertig, so Collins’ Gebrauchsanweisung. Der „Hausmann“, mit dem selbsterklärten Aufgabenbereich Kochen, Putzen, Nähen, hat gut lachen: „Ich mache mich nützlich. Ich sollte den Mittag frei bekommen.“

Acht Tage auf engstem Raum

Etwas mehr als acht Tage waren die Apollo-11-Astronauten Buzz Aldrin, Neil Armstrong und Michael Collins im All unterwegs. Acht Tage, in denen sie auch essen, trinken oder auf die Toilette gehen mussten. Wie das Trio mit den Bedingungen an Bord zurechtkam, zeigen unter anderem Tonbandaufnahmen, die die Nasa vor Jahren veröffentlichte.

Die amerikanische Behörde vertrat der Raumfahrtjournalistin Hildegard Werth zufolge lange die Ansicht, das Essen ließe sich auf eine zeit- und ressourcensparende Form reduzieren. „Es ging um Nährstoffe und Kalorien. Geschmack und Aussehen spielten eine untergeordnete Rolle“, sagt sie im BNN-Gespräch.

Sandwiches an Bord geschmuggelt

Bei frühen All-Flügen soll ein Astronaut eigenhändig Sandwiches an Bord geschmuggelt haben. Die Speisekarte bei Apollo 11 war schon besser sortiert. „Es gab Shrimpscocktails oder Lachssalat“, so Werth. Auch Ralf Jaumann, Planetenforscher am Deutschen Zentrum für Luft-und Raumfahrt, kennt die Weltraum-Menüs: „Es gab Hühnchen mit Kartoffeln – wenn auch als Brei.“

Sogar Erdbeeren mit Sahne wurden vernascht. „Andere Speisen waren bereits in mundgerechte Stücke verpackt – wie Kuchen in kleinen Würfeln“, erklärt Werth. Armstrongs und Aldrins Dinner auf dem Mond war mit Schinkensandwichs und Trockenobst spartanischer.

Zwei Quadratmeter Platz

Das Weltraum-Essen gewann in den vergangenen 50 Jahren an Bedeutung. „Die Astronauten sind länger im All und man muss ihnen etwas bieten“, erklärt Jaumann. Auf der Internationalen Raumstation (ISS) kommen die Gerichte gefriergetrocknet an und werden mit Wärmeplatten erhitzt. Auch Wünsche sind möglich. Die Wahl des Schwaben Alexander Gerst war 2018 vorhersehbar: Maultaschen und Linsen mit Spätzle.

Die Bedingungen an Bord von Apolllo 11 waren hingegen nicht nur beim Essen abenteuerlich: Etwa zwei Quadratmeter Platz hatte jeder Astronaut in dem bis zu 40.000 Kilometer pro Stunde schnellen Arbeitsplatz – für alles. „Das waren Vollprofis, die alle zum Mond fliegen wollten“, geht Werth nicht von Streitigkeiten zwischen den Astronauten aus. „Die hielten, so unterschiedlich die Charaktere auch waren, ihre Differenzen unter Kontrolle.“

Mike hat einwandfrei geparkt

Es habe Crews gegeben, die sich besser verstanden hatten, weiß Werth. Collins bezeichnete das Trio später selbst als sich „wohlgesinnte Fremde“.

Aldrin schmuggelte für eine Art Abendmahl Wein an Bord. “Armstrong hätte eher zusätzlichen Treibstoff mitgenommen. Das hat er mal in einem Interview erzählt“, vergleicht Werth die beiden Astronauten. Der Apollo-11-Kommandant sei sehr rational gewesen, kaum emotional. Wenn, dann mit Witz: Collins erfolgreiches Andockmanöver zwischen Kapsel und Mondfähre lobte er trocken: „Mike hat einwandfrei geparkt, keine Delle oder Schramme an der Fähre.“

Im Funkverkehr wurde auch gewitzelt

Die Apollo-11-Abenteurer verloren also auch auf engstem Raum ihren Humor nicht: Dass Collins allein in der Kapsel blieb, während Aldrin und Armstrong zum Mond flogen, ließen sie ihn im Funkverkehr mit Houston auch schon mal spüren: „Wir würden ihn mitnehmen, aber er hat sein Ticket nicht bezahlt“, witzelte Aldrin. Die Retourkutsche folgte prompt: „Wenn die beiden die Finger vom Navigationssystem lassen, lasse ich meine von der Mondfähre.“

 

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Buzz Aldrin (@drbuzzaldrin) descends from the Lunar Module to take his first steps on the moon. #Apollo11

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Immerhin mussten die Apollo-Astronauten nicht frieren. Im Innern der Kapsel gab es eine Heizung – und nahezu konstante 22 Grad. „Die Energie dafür kam aus Batterien“ erklärte Jaumann. In den Außenwänden seien Heizmatten mit Kupfer verbaut worden. „So schützen wir noch heute unsere Instrumente, wenn Sie mit Sonden ins All geschossen werden“, weiß der Planetenforscher.

In der Mondfähre „Eagle“ froren Aldrin und Armstrong, dessen konstant hohe Pulsfrequenz während der Mission von bis zu 160 der Bodencrew in Houston Sorgen bescherte, schon eher. Mit 16 Grad wurde die erste Übernachtung auf dem Mond knackig, aber erträglich.

Fernsehübertragungen zur Erde

Nicht nur vor Kälte wurden die Mondpioniere geschützt: TV-Übertragungen zur Erde bewahrten die Männer vor einem drohenden Lagerkoller. Gelegentlich ging diese Form der Freizeitgestaltung den Männern auf die Nerven. „Habt ihr genug Fernsehen für heute gehabt?“, nörgelte Aldrin gen Houston.

Die Alternative zur Fernsehproduktion in etwa 300.000 Kilometer Höhe: der Kassettenrekorder. Doch über (Musik)-Geschmäcker lässt sich ja bekanntlich streiten: Armstrongs-Lieblingsplatte „Music out of The Moon“ bezeichnete Collins spaßeshalber im Funkverkehr als „ganz furchtbar“.

Die Besatzung von Apollo 11: Neil Armstrong (v.l.), Michael Collins und Edwin „Buzz“ Aldrin. | Foto: dpa

Besonders auf der Rückreise kam im „Columbia“-Cockpit Langeweile auf. Collins, Armstrong und Aldrin alberten mit der Bodencrew oder fragten, wie hoch der Rasen im eigenen Garten mittlerweile sei. Die Kommandozentrale in Houston war um Abwechslung bemüht: Beim regelmäßigen Zeitungsvorlesen berichtete einer der insgesamt zehn Sprecher im Funkraum, dass ein Ire mit 23 gegessenen Schüsseln Haferbrei einen Rekord aufgestellt hatte. „Können wir Aldrin beim nächsten Wettessen einschreiben“, frotzelte Collins. Auf die Frage aus Texas, ob sich das lohnen würde, nuschelte Aldrin: „Ich esse noch.“

In der modernen Raumfahrt ist der Astronauten-Alltag hingegen exakt durchgeplant. „Es gibt ein tägliches Programm“, weiß Jaumann. Zehn Stunden experimentieren die Teams auf der ISS, acht Stunden dauert die Nachtruhe.

Dass die Männer bei Apollo 11 zum Schlafen kamen, ist wegen deren Kaffee-Konsums zumindest diskutabel. Den Tonbandaufnahmen zufolge gehörte ein Pott und das Beobachten der Erde auf der „Columbia“ zur Routine. Der Kaffee lagerte gefriergetrocknet und für jeden Weltraumabenteurer vorgemischt an Bord. „Schwarz, mit Zucker oder mit Sahne“, erklärte Werth. Collins hatte seine eigene Meinung: „Er ist lausig, aber lauwarm und er erinnert mich an einen Morgen auf der Erde.“

Mit dem Beutel auf Toilette – das war nicht ganz einfach

Klar, dass so auch menschliche Bedürfnisse wie der Toilettengang anfielen. „Die Astronauten hatten weiße Beutel zum Wegwerfen dabei – die sogenannten Jettison Bags“, erklärt Werth. Darin wurde gesammelt, was anfiel.

Viele Mitglieder von Apollo-Missionen klagten über die schwierige Anwendung in der Praxis – auch wegen der schmalen Öffnung. Und nicht nur die Form der Beutel machte Probleme: „Nach dem Gebrauch musste eine Tablette reingeworfen und alles verknetet werden – so wurden die Bakterien zerstört“, geht Jaumann ins Detail.

„Von diesen Jettison-Bags liegen nach allen Apollo-Missionen noch heute 96 Stück auf dem Mond. Die Astronauten warfen diese einfach von Bord“, erläutert Werth. „Auf den Raumstationen ist das um einiges schicker“, verweist Jaumann auf Toiletten mit Absaugsystemen und Recycling-Möglichkeiten. Selbst das Wasser werde heutzutage aufbereitet.

Müllbeutel der Apollo-Missionen. Der sogenannte Jettison Bag
Der Müllbeutel der Apollo-Missionen: der sogenannte Jettison Bag. | Foto: Nasa

Der modernden Technik zum Trotz hat auch die Windel nicht an Bedeutung verloren. Astronauten tragen sie in den Raumanzügen – heute wie damals. So auch 1969, wie Werth erzählt: „Aldrin hat zugegeben, dass er direkt nach dem Ausstieg auf dem Mond pinkeln musste. Er war der erste, der dort sein Geschäft verrichtet hatte.“

Dossier zum Mondlandungs-Jubiläum
Die BNN würdigen den 50. Jahrestag der ersten bemannten Mondlandung mit einem Countdown und vielen Artikeln in der gedruckten Zeitung und auf bnn.de. Alle Inhalte gibt es hier im Online-Dossier.