Wladimir Putin
Der Druck auf Russlands Präsident Putin wächst. | Foto: Alexei Druzhinin/POOL SPUTNIK KREMLIN/AP

Kommentar

Moskau unter Druck

Es ist nur ein Teilchen des rätselhaften Giftanschlag-Puzzles, aber ein wichtiges: Die britische Regierung veröffentlicht einen Brief an die Nato, in dem sie Russland im Streitfall Skripal erneut schwer belastet. Glaubt man London, haben russische Geheimdienste den in England lebenden Ex-Agenten und dessen Tochter schon lange beobachtet, zudem sollen sie mit vergifteten Türklinken experimentiert haben, um Überläufer und Staatsverräter im Ausland töten zu können.

Diese Enthüllungen bedeuten, dass Sergej und Julia Skripal womöglich bereits seit fünf Jahren auf Moskaus Todesliste stehen – wenn es sie denn gibt. Die Schlüsselfragen nach dem Motiv hinter dem spektakulären Anschlag, dem Weg des Giftes Nowitschok nach Großbritannien, aber auch, warum die Russen nicht durch Polizei und Geheimdienste beschützt wurden, bleiben einstweilen offen.

Dafür wirft der Brief des Nationalen Sicherheitsberaters Mark Sedwill Präsident Wladimir Putin persönlich vor, nach 2000 heimlich ein Giftwaffenprogramm betrieben zu haben. Hier bleiben die Briten der Öffentlichkeit die konkreten Beweise schuldig, aber dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Vorwürfe aus der Luft gegriffen sind. Zum einen werden geheimdienstliche Erkenntnisse für gewöhnlich dosiert preisgegeben, um die Quellen zu schützen. Zum anderen deutet die Veröffentlichung des vertraulichen Briefs an die Nato – für London ein außergewöhnlicher Schritt – darauf hin, dass Premierministerin Theresa May sich ihrer Sache sicher ist und noch mehr brisante Informationen besitzt.

Es war ein richtiger Schritt. Mays diplomatische und mediale Strategie im Fall Skripal war schlecht vorbereitet, weswegen sie im Propagandakampf mit Moskau früh in die Defensive geraten war. Das beschädigte das Vertrauen der britischen Öffentlichkeit in die Regierung und brachte im Konflikt mit Russland die EU-Partner des Königreichs in eine schwierige Lage. Besonders Kanzlerin Angela Merkel, die sich trotz des traditionell guten Drahts nach Moskau mit May schnell solidarisiert hat. Das Urteil der OPCW-Experten und die neuen Enthüllungen setzen nun Russland unter Zugzwang. Putin behauptet, dass Russland komplett unschuldig ist. Er sollte bald Beweise dafür vorlegen.