Ungewollte Nähe oder Belästigungen gehören für viele Frauen zum Alltag. Oft wissen die Opfer nicht, wie sie sich wehren sollen und bleiben stumm. Unter „metoo“ erzählen im Internet aktuell Frauen von ihren Erfahrungen. | Foto: imago/Joseph Mcdermott

„Me too“-Debatte

Nach dem Weinstein-Skandal erzählen Tausende Frauen im Netz von Sexismus

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Es ist ein Thema, das immer wieder hochkocht: die Debatte über Sexismus, Chauvinismus und sexuelle Belästigung. Der Fall Harvey Weinstein hat die Diskussion jedoch erneut in den Fokus der Gesellschaft gerückt und aus dem fernen Hollywood in die ganze Welt katapultiert. Losgelöst von den Vorwürfen gegenüber dem berühmten Produzenten, dem zahlreiche Schauspielerinnen sexuellen Missbrauch vorwerfen, mündet die Debatte in den sozialen Medien in einer Flut von Kommentaren über Sexismus und Belästigung – im ganz normalen Alltag. Zehntausende Frauen haben sich als Opfer sexueller Übergriffe von Männern zu erkennen gegeben. Doch neben Anerkennung für ihre öffentlichen Äußerungen zu dem sensiblen Thema schlagen ihnen auch Häme und Kritik entgegen.

Schauspielerin startete Aufruf

Ausgelöst hat diese Welle die amerikanische Schauspielerin Alyssa Milano. In einem Tweet auf dem Kurznachrichtendienst Twitter forderte die 44-Jährige alle Frauen auf, die Opfer sexueller Übergriffe wurden, sich mit Hashtag „metoo“ („Ich auch“) zu Wort zu melden. „Wenn alle Frauen, die sexuell belästigt oder genötigt wurden, „Me Too“ als Status schreiben, könnten wir das Ausmaß des Problems bewusst machen“ schrieb Milano am 15. Oktober. Am Mittwochnachmittag hatten über 23 000 Nutzer allein auf Twitter ihre Nachricht geteilt, mehr als 64 000 kommentierten den Tweet – Hunderttausende Nutzer setzten eigene Botschaften zum Thema ab. In den wenigsten davon geht es um Vergewaltigungen. Inhalt sind unangenehme Erlebnisse, anscheinend kleine Vorfälle oder Gesten, die im Alltag ihren Ursprung haben – und trotz oder gerade wegen ihrer vermeintlichen Banalität verletzend sind: Es geht um distanzlose Kommentare über Äußerlichkeiten, unangebrachte Berührungen, erniedrigende Angebote und die Angst, sich zu wehren. Andere posten auf Twitter, Facebook oder Instagram lediglich das Schlagwort „metoo“ als Zeichen der Solidarität.  So unterschiedlich die Geschichten sind, so erschreckend ist ihre Zahl.

 

Die Geschichte der Sexismus-Debatten im Netz

Es ist nicht die erste Flut dieser Art. Auch der aktuelle Aufruf ist nicht neu. Seinen Ursprung hat „metoo“ im Jahr 2007. Damals rief die afroamerikanische Aktivistin Tarana Burke die Bewegung ins Leben. Begonnen hatte diese „im tiefsten, dunkelsten Platz meiner Seele“, wie Burke nun gegenüber dem Sender CNN erklärte. Vor Jahren – Burke leitete ein Jugendcamp, berichtete ihr ein Mädchen vom Missbrauch durch ihren Stiefvater. Der Anblick des Mädchens habe sie schockiert: „Ich konnte mich selbst nicht einmal dazu bringen, ihr zuzuflüstern…ich auch.“ Zweck der Bewegung sei es, Frauen mit ähnlichen Erfahrungen zu helfen. Als Statement „Ich schäme mich nicht“ und „Ich bin nicht allein“, wie Burke weiter berichtet. Dass die Idee nun über das Netz eine größere Reichweite erhalte, mache sie froh.

Von „Herrenwitzen“ zum Aufschrei

Ähnliche Debatten fanden in der Vergangenheit bereits große Resonanz: Im vergangenen Jahr traten die frauenfeindlichen Äußerungen Donald Trumps einen Diskurs über sexuelle Belästigung los. Mit dem Hashtag „notokay“ („nicht in Ordnung“) markierten Frauen ihre Erfahrungen. Und es ist nicht das erste Mal, dass das Thema Sexismus im Alltag die sozialen Medien in Deutschland prägt. Öffentlichkeitswirksam wurde die Debatte mit einem Mal im Jahr 2013. Unter dem Hashtag „Aufschrei“ klagten Frauen in den sozialen Medien ihr Leid, berichteten über Sexismus im Alltag, Chauvinismus, sexuelle Belästigungen – auf der Straße, in der Bahn, der Disco, im Büro, in der Familie. Die Journalistin Laura Himmelreich hatte zuvor dem FDP-Politiker Rainer Brüderle in ihrem Stern-Artikel „Der Herrenwitz“ Sexismus vorgeworfen. An einer Hotelbar soll der Politiker Himmelreich mit dem zweifelhaften Kompliment „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“ bedacht haben. Nachdem er lange geschwiegen hatte, sagte Brüderle im Nachhinein, er habe die Kommentare „nicht böse gemeint.“ Die Dramaturgie aus dem Beispiel Brüderle findet sich auch in der erneuten Debatte wieder, wie Stichproben aus den sozialen Netzwerken deutlich machen. Die Antworten einiger Nutzer – und Nutzerinnen – sind artverwandt: Mit Rechtfertigung und Herunterspielen kontern manche die Geschichten. „Wenn aber Frauen nun wegen schönen Komplimenten gleich hysterisch werden, stimmt bei denen was nicht“ schreibt ein Nutzer, „Darf man noch die Tür aufhalten oder zählt das als Sexismus“, fragt ein anderer. Auch mit Häme, Sarkasmus und Beleidigungen kontern Nutzer. Etwa: „Ein Mann hat mir auf die Schulter getippt, das ist Vergewaltigung.“ Frauen stigmatisierten sich durch ihre Erzählungen als Opfer, lauten nicht selten die Vorwürfe.

Frauen wollen auf Sexismus hinweisen

Dabei geht es vielen Frauen nicht um ihre eigene Opferrolle, sondern darum, auf Sexismus im Alltag aufmerksam zu machen: „Bei Aktionen wie #metoo geht’s nicht um Flirttipps sondern darum, wie sexualisierte Gewalt künftig verhindert wird“, schreibt etwa die Feministin Anne Wizorek – sie hatte 2013 den „Aufschrei“ losgelöst. „Ich weiß, dank der Antworten unter manchen Tweets nun, dass viele zum Beispiel ein ungewolltes Anfassen nicht als sexuelle Belästigung sehen“, erklärt eine weitere Nutzerin ernüchtert. Wie sensibel das Thema ist, wie schwer es manchen Frauen fällt, ihre Geschichten zu erzählen, machen andere Aussagen deutlich: „Respekt an die Leute, die mit #metoo ihre Geschichte erzählen, aber ich kann das nicht.“ Für ihre Offenheit zollen viele – Frauen wie Männer – den Betroffenen auch Respekt oder entschuldigen sich gar für ihr Verhalten.

Französinnen twittern unter „Verpfeif dein Schwein“

Auch im Nachbarland Frankreich findet die Debatte im Netz statt. Unter dem Hashtag „balancetonporc“ („Verpfeif dein Schwein“) posten Frauen dort ihre Erlebnisse. Die Frau des französischen Präsidenten, Brigitte Macron, begrüßte die Diskussion. „Möglicherweise wird so aus einer schlechten Sache doch noch etwas Gutes“, sagte sie. Eine Hoffnung, die andere Nutzerinnen nicht teilen. „Meine pessimistische Prognose: #metoo wird genauso versickern wie #aufschrei“, schreibt eine Frau. Viele teilen ihre Meinung: Der Vorstoß ist neu, das Thema ist es nicht.