Foto: Hora

Vom Fortbewegen in der Mundart

Net s Knedderle versterze

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Von Harald Hurst gibt es ein Wandergedicht. Darin beschreibt sich der bekannteste badische Mundartautor als einen, dem sonntags in der Sommerzeit, wenn es all rauszieht, d’Natur zu überlaufe isch. Er dagegen will ganz sicher geh / dass ich niemand seh / un mich niemand sieht. Deshalb wandert er gern im Neubaugebiet. Zwische de blickdichte Hecke ist er für sich un doch unner de Leut. Weil diese im Garten zammehocke an Biergarniture / unnerm Wertkauf-Baldachinzelt. De Heckewanderer heißt das – noch weitergehende – Gedicht aus dem Buch „Komm, geh fort.“

Alla, alla, dummel de! – Dummel numme du de!

Ja, was den nun, würde ein Ersthörer des Dialekts in Baden nun fragen: Kommen oder fortgehen? Dabei ist komm, geh fort nicht als Aufforderung zu verstehen, sondern ein Ausruf des Erstaunens: „Was du nicht sagst“. Es kann aber auch ein sprachliches Abwinken sein: „Lass mich in Ruh’“.
Aber gehen wir doch mal wirklich fort, wandernd: Hat jemand alles gepackt und ist bereit zum Losmarschieren, dann isch er oder sie gricht. Sollte das nicht der Fall sein, ist zu erwarten, dass andere driwwliere, also drängeln. Es könnte sogar zum für Karlsruhe und Umgebung berühmten charakteristischen Dialog kommen: Alla, alla, dummel de! – Dummel numme du de! Es ist wohl nicht möglich, „sich tummeln“, also „beeilen“, und das „Auf geht’s“ origineller und kompakter auszudrücken.

Der Buggel ist ein Hügel

Nun sind die Wanderer endlich auf der Strecke und haben hoffentlich kein Suddelwedder. Es sollte möglichst nicht schiffe wie aus Kibbl, also heftig regnen. Das Suddelwedder ist sprachlich verwandt mit der Suddelschrift. Suddle oder suudle bedeutet dabei „beschmieren, unschön schreiben“.
Zurück zur Fußgruppe. Vielleicht ist einer dabei, der enorm groß ist und zu viele Kilos auf den Rippen hat, also ein Wescher (vun Mann). Gut möglich, dass er leichte Schwierigkeiten hat, sein Gewicht zu tragen. Er dappt hinnerher und wird hinnenoochgeschleppt. Un wenn’s de Buggel nuffgeht, bumbt er wie en Maikäffer. Er atmet schwer. Der Buggel ist der Hügel (Bergrücken), oder auch der menschliche Rücken, selbst ohne unschöne Ausbuchtung.

Knedderle: sehr altes Wort für Knöchel

Vielleicht ruft der oder die Langsame den anderen zu Numme net huudle bzw. huddle. Das ist die wichtige Warnung vor dem Hetzen. Sie wird auch im Schwäbischen, meist in der Form no net hudla, verwendet.

„Komm, geh fort“: Mit dem mehr oder weniger schnellen Fortbewegen befasst sich unser neuer Mundartbeitrag. | Foto: Dorothee Mahnkopf

Wer zu schnell unterwegs ist oder nicht aufpasst, kann sich s Knedderle versterze. Das Knedderle ist ein nur noch selten zu hörendes, schönes altes Wort für den „Knöchel“. Den man nicht beim Stürzen verletzen sollte, also bei Naablotze. Passiert es doch, setzt man den Weg hinkend fort, man muss dann knabbe. Ebenfalls unangenehm kann es sein, wenn man in ebbes neidappt oder in die Sengessel fliegt. Die Folge wäre heftiges Brennen auf der Haut durch die Nessel, die sengt. Was im Hochdeutschen die heiße Sonne tut.

Beim Laufen gibt’s verschiedene Dialektformen

Irgendwann ist der Marsch vorbei und man ist müde und froh, nicht mehr lafe zu müssen. Dieses Mundartwort für “laufen“  – hier im Sinne von „gehen“ –  hat interessante grammatische Formen: In manchen Gegenden der Räume Karlsruhe-Bruchsal-Bretten heißt es du laafsch, sie laaft, mir laafe. Andernorts wiederum wird du lefsch, sie left zu hören sein. Am Ziel ist man hoffentlich gut gloffe oder glaufe. Im Alemannischen und im Übergangsgebiet zum – wissenschaftlich als „Südfränkisch“ bezeichneten – Dialekt von Nordbaden ist der Unterschied zur Hochsprache nicht so groß. Alemannisch heißt’s laufe oder loufe mit jeweils örtlichem Tonfall.
Der Laafarsch ist übrigens  kein knackiger Sporthintern,  sondern eine Person, die immer wieder vorbeikommt. So überliefert es Heinz Schmitt aus seiner Heimatstadt Weinheim. Natürlich verbinden sich mit „laufen“ noch andere Bedeutungen. „Laufen“ kann „rennen“ bedeuten. Wer fit ist, macht über fünf, zehn, oder mehr Kilometer je nach Region einen Wett-Laaf, vielleicht sogar mehrere Wett-Leef.

Was Frauen und Fahrräder verbindet

Laufen kann auch das Fahrrad. Mai Reddl leffd wie gschmiad überliefert Hermann Dischinger einen typischen Satz im Östringer Wörterbuch. Mit Elektroantrieb kann man nun auch dem Gejewind trotzen. Bekanntlich ist solch Gegenwind schon schlimm. Noch schlimmer ist der Gejewind vun vorn. E-Bikes helfen dann am besten. Ladlad, also „zügig schnell“, geht’s damit vorwärts. Und wertvoll sind diese Elektrofahrzeuge.
Deshalb gilt umso mehr der kurpfälzer Spruch E Raad un e Fraa soll mer net herlehne. Der Radler als Getränk, früher auch in Baden als Radlermaß bezeichnet, stammt, wie man am Maß erkennt, aus dem Bayrischen. Nach 1920 wurde die Mischung aus Bier und  Zitronen-Limonade, (süßer Sprudel), vermehrt angeboten, damit die immer mehr werdenden Radfahrer nicht durch zuviel Alkohol vom Rad kippen.

Der Heckenwanderer im Wendehammer

Und wie ging es eigentlich mit Harald Hursts „Heckenwanderer“ im Neubaugebiet weiter? Er braucht ebenfalls mal eine Pause. Die verbringt er an einem literarisch lauschigen Plätzchen: Am Ende der Sackgasse, im absoluten Haltverbot. Mit em Veschber, aber nicht mit einem „Radler“ sondern einem Fläschchen Wein. Wie praktisch, dass der Glascontainer gleich daneben steht – hier am Wendehammer. Desch doch der Hammer, oder?