Das neue Ensemble in der Sparte Schauspiel startet nun bereits in die Vorproben der ersten Produktionen der neuen Spielzeit, die ab September im Stadttheater zu sehen sind. Gestern war für Viele Anreisetag | Foto: Wacker

Anreisetag an der Stadtbühne

Neue Ensemble-Mitglieder gehen schon an Pforzheimer Problemlagen

Eine junge Frau spaziert mit einem Rollkoffer zum hinteren Eingang des Stadttheaters. Bereits am Vortag hat Hannes Hametner eine andere neue Schauspielerin, Johanna Liebeneiner, zu ihrer Pension in Pforzheim begleitet, die er für sie gebucht hat. „Am Anfang bin ich ein bisschen Mädchen für alles“, erzählt der neue Oberspielleiter am Pforzheimer Theater.

Auf Tuchfühlung im Proberaum

Es ist Montag und Anreisetag der Neuen an der Stadtbühne. Man trifft sich mit den „Alten“ der Sparte Schauspiel auf der Probebühne, um schon mal auf Tuchfühlung zu gehen, bevor gleich im Anschluss in die Vorproben für die neue Spielzeit eingestiegen wird.
Die Hitze dringt schon am Morgen in den Saal. Die Luft ist stickig, die Stimmung gut. „Auf dem Weg hierher bin ich meine ganzen Stationen abgefahren: Halle, Meiningen, Stuttgart“, plaudert die junge Schauspielerin Sophie Lochmann aus Berlin. Sie war zuletzt in Potsdam und wird ab September unter anderem als Helena in „Die Frauen von Troja“ zu sehen sein. Clemens Ansorg kommt aus Salzburg, Bernhard Meindl vom Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin. Auf Mira Huber, die an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule ihre Ausbildung absolvierte, wartet in Pforzheim ihr erstes Engagement. Lars Fabian war beim Theater Paderborn und wollte einen Wechsel. „Er hat uns den ’Peer Gynt’ vorgespielt und ich war beeindruckt von seiner Ernsthaftigkeit“, stellt ihn Hametner vor.

Bekannt aus Film und Fernsehen

Zumindest drei Gesichter sind so bekannt, dass es einer Vorstellung fast nicht bedürfte: Johanna Liebeneiner, Tochter von Hilde Krahl und Wolfgang Liebeneiner, kommt aus einer großen Schauspielerfamilie. Annett Kruschke war ebenfalls viel in Film und Fernsehen unterwegs. Hier wird sie „Angst essen Seele auf“ inszenieren. Auch Susanne Schäfer hat eine nicht enden wollende Filmografie im Gepäck. Die drei gehören zwar nicht zum festen Ensemble, sondern gastieren für die Produktionen „Die Frauen von Troja“ und „Angst essen Seele auf“ in der Goldstadt. Mit dem ein oder anderen Schauspieler hat Hametner früher schon zusammen gearbeitet.

Schauspielchef kümmert sich

Einige hatte der Schauspielchef auch zum „Vorsingen“ an seine bisherige Arbeitsstätte, das Theater Vorpommern Greifswald, gebeten. Den Leuten aus dem Raum Berlin habe er die teuren Anreisekosten ersparen wollen. Auch das gehört für ihn zum Job: Sich kümmern und den Neuen den Einstieg so gut es geht zu erleichtern.
Im Probenraum indessen beschnuppert man sich. Die „Neuen“ kommen mit den „Alten Hasen“ schnell ins Gespräch. Etwa mit Jens Peter, der schon 20 Jahre Pforzheimer Stadtbühne auf dem Buckel hat. Oder mit Markus Löchner, der ihm darin nur um ein Jahr nachsteht. Und dann wäre da ja auch noch Fredi Noël, von den „Senior-Hasen“ unangefochtener Spitzenreiter mit 35 Jahren Pforzheim-Erfahrung. „Der war schon unkündbar, als ich kam“, witzelt Markus Löchner.

Wir müssen an Stadt Signale senden

Bei diesem ersten Treffen geht es auch darum, den Neuankömmlingen zu zeigen, was das Theater mit seinem Team vor hat. „Wir müssen an die Stadt Signale setzen, dass wir da sind“, formuliert Hametner die Richtung, in der das Ensemble seit mehr als zwei Jahren erfolgreich unterwegs ist mit Kooperationen und viel Präsenz. Das Theater will auch den öffentlichen Raum bespielen; mal in einer Tiefgarage Theater machen, oder vielleicht hinter einem Schaufenster agieren und dazu noch den reichlich vorhandenen Leerstand in der Stadt beleben: „Es gibt einen hohen Anteil von Migranten und wir haben hier 23 Prozent AfD-Wähler“, beschreibt Schauspieler Robert Besta die Felder, die es gemeinsam künstlerisch zu beackern gilt.

Plötzlich steht  „Ali“ in der Tür

„Wir wollen die Themen der Stadt aufgreifen“, fasst Chefdramaturg Peter Oppermannn zusammen. Die beiden ersten Schauspielproduktionen – das antike Schauspiel „Die Frauen von Troja“ in der Nachdichtung von Walter Jens und „Angst essen Seele auf“ nach Rainer Werner Fassbinder – dürften an Pforzheimer Problemlagen schon mächtig rütteln. „Wir fangen extrem stark an“, erklärt Schauspielleiter Hametner mit Blick darauf und auf die hochkarätige Besetzung. Die 72-jährige Johanna Liebeneiner wird übrigens die Emmi spielen in dem Faßbinder-Melodram von 1974. Noch vermisst sie an diesem Vormittag ihre Filmliebe Ali. Am Ende des Beschnupperns, kurz vor der ersten Vorprobe, steht „Ali“ plötzlich in der Tür. „Ich habe im Auto übernachtet“, entschuldigt sich der Deutsch-Iraner Puja Behbound für die Verspätung.