Die BMW-Niere bleibt - aber sonst sieht die Studie "Inside Future" ziemlich anders aus als bisherige Autos des Traditionsunternehmens. | Foto: Tom Kirkpatrick/BMW

Elektromobilität

Neue Freiheit für Autodesigner

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Von Fabian Hoberg

Lange Motorhaube, Kühleröffnung, Lenkrad, Auspuff – Autos haben sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert. Sie wurden zwar größer und windschnittiger, komfortabler und sicherer. Doch die technische Verteilung der Aggregate hat sich nicht groß verändert. Bei künftigen Elektrofahrzeugen könnte das anders aussehen.

Durch den Verzicht auf viele mechanische und thermische Bauteile wie Motor, Kühlung und Auspuff gewinnen Ingenieure Platz. „Dadurch gibt es viele Möglichkeiten, eine neue Fahrzeugarchitektur und ein neues Design zu entwickeln“, sagt Paolo Tumminelli, Designprofessor an der TH-Köln.

Wettrennen um die Zukunft: Die Hersteller wie hier Jaguar mit dem i-Pace bleiben bisher noch nahe an der gewohnten Optik. Foto: Jaguar

Doch genau wie vor 150 Jahren, als anstelle eines Pferdes ein Elektromotor vor die Kutsche montiert wurde, das Fahrzeug aber immer noch wie eine Kutsche aussah, wird sich in den nächsten Jahren optisch nicht viel ändern. „Die Entwicklung zu einer aus heutiger Sicht neuen Optik wird nur langsam voranschreiten. Erst in zehn Jahren werden wir vielleicht ein ganz neues Automobil sehen.“

Auch in Zukunft mit Stern: Hinter einer verglasten Front erstrahlt bei der Studie Generation EQ die Silhouette des früheren Kühlergrills – natürlich samt Markenlogo. Foto: Daimler

Nicht nur künftige Antriebe werden das Aussehen der Autos beeinflussen, sondern auch das autonome Fahren. Fährt das Auto selbstständig, müssen die Passagiere nicht fest sitzen. „Vielleicht kommen dann Liegesitze zum Einsatz“, sagt Tumminelli. Möglicherweise werden auch Kinder vom Auto ohne Eltern zur Schule gefahren und gebrechliche Menschen alleine zum Arzt. „Die Form wird nicht mehr der Technik folgen, sondern sich Geschmack und Kultur anpassen.“

Vernetzte Autos brauchen keine Knautschzone

Unwahrscheinlich sei, dass sich eine Standardform etabliere, wie heute bei Smartphones üblich. Vielmehr würden Designer eine hohe konzeptionelle und gestalterische Freiheit genießen. Vorschriften, die heute das Design beeinflussen, wie etwa der Fußgängerschutz, können neu verhandelt werden. Wenn keine Unfälle mehr passieren, weil alle Verkehrsteilnehmer miteinander vernetzt sind und sich vor Zusammenstößen warnen, könnte das Auto leichter werden, Airbag und Seitenaufprallschutz würden überflüssig. Aus der Motorhaube oder Knautschzone könnte neuer Gestaltungsraum entstehen. „Das Auto könnte dann wieder offen und luftig wie eine Veranda werden“.

Neue Freiheit: Im aktuellen BMW i3 gibt es keinen Mitteltunnel mehr, der die Insassen trennt. Foto: BMW

Beim i3 hat BMW die Batterie in den Unterboden gelegt, was neue Möglichkeiten für die Innenraumgestaltung eröffnete, sagt BMW-Designer Domagoj Dukec. „Es gibt keinen Mitteltunnel mehr, der die Vordersitze voneinander teilt. Hier ist nun Platz für Ablage und Controller.“ Bei Entwicklung neuer Fahrzeuge feilschen Ingenieure und Designer um jeden Zentimeter. „Sonst verschenkt man Platz oder Gewicht.“ Und gerade Gewicht sei eine entscheidende Größe, da es die Reichweite beeinflusst. Optisch würden sich E-Autos von konventionellen Autos durch ihre Windschnittigkeit unterscheiden.

Elektroautos müssen leicht und windschlüpfrig sein

„Die Reichweite hängt zum einen von leistungsfähigen Batterien ab und zum anderen am Luft- oder Rollwiderstand, den das Fahrzeug überwinden muss“, sagt Dukec. Niedriger Verbrauch sei zwar auch bei Verbrennungsmotoren wünschenswert, bei Elektrofahrzeugen sei er jedoch noch bestimmender. Das werde man den Autos ansehen.

Doch auch der Innenraum wird sich von heutigen Autos stark unterscheiden. Um das andersartige Konzept erkennbar zu machen, werden die Autos eine deutlich andere Formsprache erhalten. Kunden würden von modernen Autos auch moderne Bedienungskonzepte erwarten. „Das Design unterstützt den Kunden, damit er Inhalte selber gestalten und den Input auch so programmieren kann, wie er ihn gerne haben möchte“, sagt der BMW-Designer. Wie das aussehen könnte, zeigten die Bayern Anfang des Jahres mit der Studie BMW i Inside Future.

Schon Studien wie Mercedes Generation EQ, Jaguar i-Pace und VW I.D. sowie I.D. Buzz zeigen, dass sich die Autos der Zukunft von aktuellen Modellen unterscheiden. Bei VW soll die I.D.-Familie nichts weniger als den seit vier Jahrzehnten erfolgreichen Golf ablösen – so wie damals der Golf den Käfer. Nur dass eben kein Verbrennungsmotor mehr unter der Haube arbeitet, sondern ein Elektromotor leise summt.

Zurück in die Zukunft: Auch wenn die Studie I.D. Buzz von VW elektrisch läuft und auf weiten Strecken autonom fahren soll – optisch zitiert er unverkennbar den legänderen Bulli. Foto: Volkswagen

VW stellt sich die Zukunft seiner Autos mit kurzen Überhängen, großen Innenräumen auf kleiner Verkehrsfläche und einem klaren Design vor. „Dazu kommt eine loungeartige Atmosphäre im Innenraum und ein intuitives Bedienkonzept“, sagt VW-Designchef Klaus Bischoff. Das sei wichtig, da das Auto der Zukunft aufgrund seiner neuen Funktion komplexer als bisherige Fahrzeuge sein wird. „Eine wichtige Aufgabe ist daher die Simplifizierung multipler Inhalte, sodass der Passagier sie sofort kinderleicht und intuitiv bedienen kann.“

Viel Platz auf wenig Fläche: VW schwebt beim Design der Innenräume Lounge-Atmosphäre vor, wie hier in der Studie I.D. Buzz. Foto: Volkswagen

Auch er sieht, dass der Elektroantrieb für das Design größere Freiräume schafft. „Wir können die Kühlöffnungen minimieren, die Achsen weit nach außen rücken und so atemberaubende Proportionen generieren.“ Wie bei herkömmlichen Autos entwickelt VW dafür eine neue Plattform, den Modularen Elektrifizierungsbaukasten (MEB).

Keine eigene Familienkutsche

Der Trend geht laut Tumminelli bei E-Autos zu kompakteren Autos: „E-Autos für Ballungsgebiete werden kleiner und effizienter, weg vom großen Familienfahrzeug hin zum Individualfahrzeug.“ Statt Fünfsitzer würden dann Zwei- oder Zwei-plus-Zwei-Sitzer unterwegs sein. Das Nutzungsmodell stelle sich vielleicht um: In der Garage stehe nur ein kleines Individualfahrzeug für den Pendleralltag, „und das große Familienauto für den Urlaub lässt sich überall mieten oder teilen“, sagt Tumminelli.

Nach Schätzung der Experten werden E-Autos dann in 20 Jahren optisch stärker auf die jeweiligen Bedürfnisse eingehen. Doch bis es soweit ist, werden sich künftige Elektrofahrzeuge optisch nur marginal von denen mit Verbrennungsmotor unterscheiden. Dafür kann man den Unterschied hören – bei städtischem Schleichtempo rollt das Elektromobil nahezu lautlos.