Was Heimat ist, beschäftigt den Künstler Stefan Strumbel seit vielen Jahren. Er ist nicht der einzige, den das Thema umtreibt. | Foto: dpa

Was ist eigentlich Heimat?

Neue Karriere für einen alten Begriff

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Dass Heimat dort ist, wo das Herz ist, mag ein alter Spruch sein. Ungültig ist er nicht: Der greise Begriff Heimat hat in den vergangenen Monaten eine wahre Renaissance erlebt. Er wird – da hat das erwähnte Herz seinen großen Auftritt – emotional diskutiert und gerne instrumentalisiert. Denn über Heimat wird oft gesprochen, wenn die Angst vor ihrem Verlust groß ist. War im Wahlkampf ein regelrechtes Gezerre um den Begriff entbrannt, den die etablierten Parteien nicht der AfD überlassen wollten, so gipfelt die politisch-nationale Diskussion nun in einem Heimatministerium in der zukünftigen Großen Koalition. Eine steile Karriere für einen ehemals so verpönten Begriff. Doch Heimat, was heißt das eigentlich?

Die Bedeutung von Heimat hat sich verschoben

„Heimat ist nicht nur Gefühlsduselei. Sie ist der seelische Anker, den jeder braucht“, sagte Bayerns designierter Ministerpräsident Markus Söder gerade beim politischen Aschermittwoch. Beim Wort „Heimat“ schleicht sich manchem dann auch gedanklich eine idyllische Schwarzwaldkulisse vor das innere Auge. Der Duden definiert „Heimat“ als „Land, Landesteil oder Ort, in dem man (geboren und) aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt.“ Werner Mezger, Professor für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Universität Freiburg, kennt die Historie des Heimatbegriffs. Und der war in seinen Anfängen im Mittelalter zunächst ein Rechtsbegriff: „Jemandem die Heimat zu vererben, bedeutete, Haus und Hof zu vererben. Die meisten Menschen hatten also in diesem Sinne gar keine Heimat.“ In der Romantik sei der Begriff „Heimat“ sentimentalisiert worden, als Beschreibung ländlicher Idyllen und „Bollwerk gegen die Industrialisierung.“ In den 1920er Jahren schließlich wurde „Heimatkunde“ gar ein Schulfach: „Das war durchaus sinnvoll und keineswegs engstirnig tümelnd. Das Fach vermittelte schlicht Wissen über die eigene Lebenswelt, die Umgebung, die Natur“, sagt Mezger. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe der Begriff angesichts von zwölf Millionen Heimatvertriebenen nochmals eine neue, hochpolitische Dimension angenommen. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund sei der Begriff dann in der Studentenbewegung 1968 als konservativ und ideologiegeladen ins Gerede gekommen.

Ohnehin darf niemand vorschreiben, was Heimat ist.

Die Karriere des Heimatbegriffs ist ein Aspekt, den auch der Künstler Stefan Strumbel in den Anfängen seiner Arbeit stark thematisiert hat. Der 38-Jährige beschäftigt sich in seinen Werken immer wieder mit Heimat, kramte folkloristische Motive hervor. Bekannt wurde der Offenburger etwa mit pinken Kuckucksuhren und Pop-Art-Bildern, die Schwarzwaldmotive wie Bollenhüte in neon zeigen. „What the fuck ist Heimat?“, fragte Strumbel in seinen Kunstwerken provokant statt verklärt. Eine allgemeingültige Antwort hat auch der Künstler nicht parat. Aber: „Damals wollte ich die Leute auf eine Heimatreise schicken, Heimat mit romantisierten Motiven aus bestimmten Regionen hinterfragen“, sagt Strumbel. „Der Begriff war zu Beginn meiner Karriere braun eingefärbt. Ich wollte ihn bunt machen.“ Inzwischen ist der Künstler von der „lauten“, regional verankerten Darstellung abgerückt. „Ohnehin darf niemand vorschreiben, was Heimat ist.“ Er arbeitet bei aktuellen Werken, die auch auf der „art“ Karlsruhe zu sehen sein werden, weniger gegenständlich. Strumbel arbeitet viel mit Luftpolsterfolie, die er in Bronze oder Aluminium gießt – der Künstler will heute lieber Werte und Inhalte transportieren und hinterfragen. Die aktuelle Diskussion über Heimat in der Politik kommt ihm zu spät. „Wer sich weiter in traditionellen Kategorien von Heimat bewegt, bleibt in einer Gesellschaft, die nicht progressiv ist“, sagt Strumbel und das sei nicht mehr zeitgemäß.

Globalisierung weckt die Sehnsucht

In den Augen von Kulturwissenschaftlern hat die Heimat gerade der Globalisierung wegen Konjunktur. Die Schnelllebigkeit der Welt lässt die Sehnsucht nach Heimat neu aufkeimen, sagt die Münchner Kulturwissenschaftlerin Simone Egger. Die Ethnologin arbeitet am Institut für Kulturanalyse an der Universität Klagenfurt. Egger unterscheidet zwei Heimatbegriffe: In den 2000er Jahren sei der Begriff Heimat nicht unbedingt neu, sondern anders aufgelebt, sei den Mief der Heimatfilme losgeworden. Volksfeste und Lederhosen wurden beliebter denn je, Menschen aus aller Welt ließen gemeinsam die Bierkrüge aneinanderkrachen. „In den 2000ern war der Heimatbegriff sehr inklusiv“, betont Egger. Gerade die aus Bayern exportierten Bilder funktionierten gut.

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU, 2.v.l.) unterhält sich beim Deutschen Trachtentag mit drei Teilnehmern. | Foto: dpa

Gewissermaßen ist auch ein künftiges Bundesheimatministerium ein Export aus Bayern: Dort gibt es seit 2004 ein Heimatministerium – als Anhängsel des Finanzministeriums. Nun soll sich auf Bundesebene das Innenministerium um den Bereich kümmern. Kein ungeschickter Schachzug, zeichnet doch das Innenministerium für Sicherheitsbelange verantwortlich. Heimat ist für viele auch Geborgenheit und damit Sicherheit, sagt Egger. Die Inobhutnahme durch das Innenministerium scheint eine Antwort auf die Forderung nach einer „sicheren Heimat“ zu sein, die gerade bei Demos gegen vermeintlich drohende Islamisierung auf den Protestplakaten prangt. Hier zeigt ein weiterer Aspekt sein Gesicht, der zum offenen Heimatbegriff hinzugekommen ist: „Heimat als politischer Begriff, der exklusiv verwendet wird und einen ausgrenzenden Charakter hat.“

Was wir bisweilen als zutiefst heimatlich empfinden, wurde oft von außen in unsere Lebenswelt integriert.

Auch Volkskundler Mezger betont, dass es einen objektiven Heimatbegriff nicht gibt, nie gab. „Heimat war stets offen, nie Kirchturmpolitik. Heimat und Welt standen und stehen immer im Austausch miteinander. Und genau in diesem Sinne erlebt Heimat heute wieder eine neue Dynamik. Wer den Begriff Heimat in unserer Gegenwart als Abgrenzung gegen Einflüsse von außen und gegen Fremdes sieht, hat etwas grundsätzlich missverstanden.“ Das Gegenteil sei der Fall. „Die kulturelle Vielfalt unserer Heimat gäbe es nicht, hätten unsere Vorfahren immer nur ihr eigenes Süppchen gekocht und nie über den Tellerrand geblickt“, erklärt Mezger, der auch die Hintergründe von Bräuchen und Traditionen untersucht und dort zahlreiche Beispiele findet. „Ohne den Blick nach Polen würden wir heute keine Polka tanzen, ohne die Imitation des Halstüchleins der Kroaten keine Krawatten tragen, und ohne die Musik der Janitscharen hätten wir heute keine Blaskapellen. Unsere gesamte Blasmusik, die wir für typisch deutsch halten, ist letztlich türkischen Ursprungs“, sagt Mezger und könnte mit solchen Aussagen Rechtspopulisten den Wind aus den Segeln nehmen: „Was wir bisweilen als zutiefst heimatlich empfinden, wurde oft von außen in unsere Lebenswelt integriert, ohne dass wir dadurch unsere eigene Identität aufgegeben hätten.“

Heimatministerium bleibt vom Spott nicht verschont

Obwohl die konkrete Ausgestaltung eines Bundesheimatministeriums offen ist, dürfte der künftige Chef Horst Seehofer (CSU) Ideen aus seiner Heimat nach Berlin bringen. Den Spott kassierte er bereits – auf Twitter unter dem Hashtag „#Heimathorst“. Der CSU-Chef kümmere sich sicher um die Etablierung der ihm vertrauten Kultur im fernen Berlin, bringe Bier und Brezen mit. Spaß beiseite: Auf Bundesebene dürfte sich das Ministerium um die Revitalisierung strukturschwacher Räume kümmern. Egger sieht den Ansatz positiv, solange gerade schwache Regionen profitieren und sich das Ministerium der Wissensvermittlung verschreibt.

Vor diesem Hintergrund hält auch Mezger es für falsch, ein geplantes Heimatministerium von vornherein als erzkonservative Institution zu diffamieren. Wenn dieses Ministerium sich einem modernen Heimatbegriff verpflichtet sehe, dann könne es sehr wohl Wichtiges bewirken, von der Revitalisierung strukturschwacher Räume bis hin zur Integration von Zuwanderern. So betrachtet, könne man der Etablierung eines Heimatministeriums durchaus mit Interesse entgegensehen. Denn „Heimat war und ist immer in Bewegung, geprägt nicht vom Stillstand, sondern von fortwährenden Veränderungen, auch von Migration“. Und selbst das oft gebrauchte Sprachbild vom „Verwurzeltsein“ in der Heimat stellt Mezger in Frage und zitiert den Volkskundler Konrad Köstlin: „Bäume haben Wurzeln, Menschen haben Beine.“