Atomkraft bewegt viele Menschen, hier bei einer Protestaktion vor dem Bundesverfassungsgericht. In Karlsruhe finden nun die „4. Atomtage“ statt.

„Karlsruher Atomtage“ starten

Noch keine Lösung für strahlende Altlasten

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Die Atomwende ist ein gefragter deutscher Exportschlager. Seit die Bundesrepublik 2011 den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen hat und stattdessen zunehmend auf Wind- und Solarkraft setzt, boomt auch weltweit das Geschäft mit den erneuerbaren Energien.

Allerdings, warnen Kritiker, gehen die Ambitionen der Berliner Politik bei der Energiewende nicht weit genug, weswegen Deutschland gerade im Zukunftsbereich der Erneuerbaren von Ländern wie China und Indien überholt wird.

Wenn der Ausbau der Windenergie gedeckelt werde, koste das Arbeitsplätze, warnt der frühere Bundesumweltminister Jürgen Trittin im Gespräch mit den BNN – und rechnet vor: „Einst haben in der Bundesrepublik rund 400.000 Menschen im Bereich erneuerbare Energien gearbeitet, heute sind es noch knapp 360.000“. Im Solarbereich seien gar 100 000 Arbeitsplätze vernichtet worden, so der Grünen-Bundestagsabgeordnete.

Trittin ist einer der prominenten Gäste bei den hochkarätig besetzten „Karlsruher Atomtagen 2018“, die an diesem Donnerstag in der Fächerstadt beginnen. Ihr Titel lautet: „Die Macht der Atomkraft“, und zu diesem Thema will der Berliner Politiker am Samstag einen Vortrag halten. Der Griff zur Atom-Technologie habe etwas mit Machtprojektionen zu tun, erklärt er die Brisanz des Problems. Atomausstieg oder nicht – Deutschland bleibe „eine Atommacht ohne Trägerwaffen“. Diesen Zustand streben laut Trittin alle Länder an, die befürchten, dass es in ihrem Umfeld zu einer nuklearen Aufrüstung kommt. „Sie wollen vorsorglich diese Technologie beherrschen. Das kann zu einem neuen, gefährlichen Wettrüsten führen“, sorgt sich der Grüne.

Ohnehin ist es zu früh für einen Abgesang der bei den Deutschen in Ungnade gefallenen Atomkraft. Denn solange in den Grenzregionen die Nachbarn weiter störanfällige Kernkraftwerke laufen lassen, können sich die Bundesbürger kaum sicher fühlen. Darum beschäftigen sich die von der Karlsruher Bundestagsabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl (Grüne) organisierten „Atomtage“ unter anderem mit dem französischen Problemmeiler Fessenheim. Mit bitterer Ironie spricht Trittin von den benachbarten Pannen-AKW: „Wer nicht will, dass in Belgien und Frankreich unsichere Kernkraftwerke weiter betrieben werden, muss damit aufhören, im niedersächsischen Lingen den Kernbrennstoff herzustellen, der in solchen Atommeilern verwendet wird.“

Ein anderes ungelöstes Problem der Atomenergie bleibt die Lagerung des strahlenden Mülls. Experten der neu gegründeten Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) suchen seit einem Jahr nach einem sicheren Ort für den Atommüll, der – so die derzeitige Hoffnung – Mitte des Jahrhunderts aufnahmebereit sein soll. „Wir sind auf einem guten Weg dahin, aber dies ist ein langwieriger und teurer Prozess“, stellt Trittin im BNN-Gespräch klar. Um die Problematik des radioaktiven Abfalls geht es am Freitag bei der Exkursion der „Atomtage“ zur Kerntechnischen Entsorgung Karlsruhe (KTE), an dessen Standort sich das derzeit mengenmäßig größte Zwischenlager Deutschlands befindet. Es wird gerade umgebaut und erweitert.

Was rechtfertigt im 21. Jahrhundert die fragwürdige Praxis des Uranabbaus? Hält eine zivil-militärische Verflechtung die Atomkraft am Leben? Auch das sind die Themen der Karlsruher Konferenz, deren Programm man im Internet unter www.atomtage.de finden kann.