Kühe fressen, was auf den Futtertisch kommt: Deshalb wird die Vermüllung von Wiesen und Straßenrändern letztlich zu einem tiermedizinischen Problem. Über Heu und Silage kommt der Abfall in den Stall und dann in den Kuhmagen. | Foto: Ehmann

Abfall macht Tiere krank

Ob Haie oder Kühe: Plastikmüll in aller Munde

Anzeige

Was haben Pottwale und Milchkühe gemeinsam? Beide plagen sich mit Plastikmüll im Bauch. Seit Monaten berichten Fernsehsender und Zeitungen über einen riesigen Müllstrudel im Meer.

Plastikmüll im Kuhmagen

Fische, Meeresschildkröten und Korallenriffe ächzen unter einer Abfallwelle, die je nach Provenienz mit der Größe Mitteleuropas oder der von Texas verglichen wird. Plastikmüll ist in aller Munde – im wahrsten Sinne des Wortes.

Schon Stephen Spielbergs „Weißer Hai“ hatte Plastikflaschen und Autokennzeichen im Bauch. Doch nicht nur Haifische und Pottwale sind zu Müllschluckern geworden.

Auch viele Tausend Kilometer entfernt vom „Great Pacific Garbage Patch“, der gigantischen Müllinsel im Nordpazifik, kauen unwissende Tiere auf Kaffeekapseln, Tetrapacks und Kinderspielzeug, wieder und immer wieder.

Grabkerzen landen im Viehfutter

Fast jede Kuh trage Fremdkörper in sich, sagt der Landesbauernverband. Matthias Becker, Landwirt aus Rüppurr, weiß es genauer: „Bei uns sind es vor allem Grabkerzen, die im Viehfutter landen.“

Unordentliche Friedhofbesucher oder auch der Wind werfen die leeren Plastikhüllen der Ewigen Lichter vom nahen Gottesacker auf die Wiesen Beckers und damit direkt auf den Futtertisch seiner Rinder.

„Ich finde auch Chipstüten, Glasflaschen, Frisbeescheiben und Hundespielzeug im Grünfutter und im Heu“, sagt Becker.

Am Stadtrand nimmt die Vermüllung zu

Immer mehr Müll endet auf seinen landwirtschaftlich genutzten Wiesen. „Je näher man dem Stadtrand kommt, desto schlimmer ist die Vermüllung.“

Bierflaschen und Flachmänner schaffen es manchmal am Stück, manchmal als Scherben durch die Erntemaschinen des Bauern.

„Kühe schlingen alles runter“

„Was ich dann beim Füttern noch sehe, das sortiere ich schnell aus. Aber ich kann nicht alles sehen“, so Becker. „Kühe schlingen alles runter, was ihnen vors Maul kommt“, beschreibt Tierarzt Ferdinand Stricker aus Grötzingen das Dilemma.

Anders als Schafe und Ziegen sind Kühe bei der Nahrungsaufnahme nur wenig selektiv. „Was mit Heu, Silage oder gehäckseltem Futter in den Trog kommt, das landet dann oft auch im Magen.“

Doch anders als das eigentliche Futter könnten die Wiederkäuer die Fremdkörper nicht einfach hochwürgen – vom Ausspucken ganz zu schweigen, selbst wenn das Tier merkt, dass da was Ungenießbares im Futter steckt.

Auswürgen? Fehlanzeige

Perfekt ist die Kuh von der Natur ausgestattet, um möglichst viel Futter aufzunehmen und es nicht mehr her zu geben.

Auf den Müll, den man besser wieder auswürgen sollte, sind die Tiere nicht vorbereitet. Die Magenbewegungen der Wiederkäuer schieben den Abfall hin und her, oft mit verheerenden Folgen.

Es kommt zu schmerzhaften Entzündungen von Bauchfell und Leber. „Wenn die Kuh nicht mehr richtig frisst, dann liegt immer auch der Verdacht auf einen Fremdkörper nahe“, sagt Tierarzt Stricker.

Tierarzt lohnt nicht

Im Stall von Landwirt Herbert Sauter aus Birkenfeld ist das immer wieder der Fall. „Drei bis vier Tiere pro Jahr haben wir schon, die plötzlich nicht mehr fressen und im wahrsten Sinne des Wortes verkümmern.“

Meistens hätten die Rinder dann eine Scherbe oder einen anderen Fremdstoff im Magen oder im Darm. „Das zu behandeln ist aussichtslos.

Sie wissen ja nicht, wo genau die Scherbe steckt. Außerdem haben die Tiere heutzutage leider nicht mehr den Wert, der eine Tierarztbehandlung rechtfertigen könnte.“

Magnet im Magen hilft gegen Schrott …

Schon lange bevor der Plastikmüll so groß in Mode gekommen ist, haben sich Bauern und ihre Tiere mit Fremdkörpern im Futter herumgeschlagen.

Metall aus Zäunen, Nägeln, Schrauben und Maschinenteilen vergällt den Kühen schon seit langem den Appetit.

Um die mitunter spitzen Metallteile von der empfindlichen Magenwand fernzuhalten, kamen Landwirte und ihre Veterinäre schon vor Jahrzehnten auf eine ungewöhnliche Idee.

Sie geben ihren Kühen fingergroße starke Magnete zu schlucken, die in den Magen geratene Metallteile an sich binden.

…aber gegen Glas hilft nichts

„Die Magnete bleiben das ganze Kuhleben über im Magen und beugen so den gefürchteten Fremdkörpererkrankungen vor“, erklärt Stricker.

Doch vor dem, was Glasscherben und Plastikteile im Innern der Kühe anrichten, können sie die Magnete nicht bewahren.

Nach Auskunft des Bauernverbandes können Tierärzte hier nur versuchen, den Tieren mit Entzündungshemmern einen Teil ihrer Schmerzen zu nehmen. Eine Operation mit Kosten von 200 bis 300 Euro sei nicht wirtschaftlich.

Hundekot im Plastikbeutel

Einen ganz besonderen Cocktail aus Plastikfetzen und Darmbakterien verbreiten volle Hundetütchen, die sich in immer größerer Anzahl auf den Wiesen und Feldern finden.

„Da sind die Hundebesitzer erst so rücksichtsvoll und packen die Hinterlassenschaft ihres Tieres in eine Plastiktüte, nur um sie anschließend dann zugeknotet in die Landschaft zu werfen“, sagt Werner Kunz, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes in Karlsruhe.

„Ich ärgere mich jedes Mal, wenn ich sehe, wie vorne eine Plastiktüte in den Mähdrescher gerät, die in kleinen Fetzen hinten dann wieder ausgespuckt wird.“

Bei der Ernte wird der Müll aufgesammelt

Holt er anschließend das Stroh vom Acker, holt er sich auch die Plastikfetzen und den Hundekot mit all seinen Belastungen in den Stall. „Wir sammeln mit unseren Ballenpressen ja alles fein säuberlich auf, was die Menschen auf die Wiesen werfen.“

Kann man also das Schicksal der müllgeplagten Fische im Nordpazifik und den Kühen Nordbadens miteinander vergleichen? Leiden die Wiederkäuer wie die Meeresbewohner gleichermaßen unter der Müllflut? „Na ja“, gibt der Tierarzt zu bedenken. „

Wie lange lebt ein Wal, wie lange lebt eine Kuh?“ Pottwale können bis zu 70, eine Kuh eigentlich bis zu 25 Jahre alt werden.

Doch nach Angaben des Bauernverbandes liegt die normale Lebenserwartung von Milchkühen bei 4,6 Jahren.

Und hier der Kommentar zum Thema: