Auf der Kommandobrücke von GMX und Web.de steht Jan Oetjen. Er macht sich als Chef für eine Kultur der Offenheit im Unternehmen stark. | Foto: jodo

Digitaler Kopf Jan Oetjen

Mit GMX und Web.de im Kampf für die unabhängige Identität

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Es ist ein eher ungewöhnliches Bild, das sich dem Besucher beim Eintreffen bietet: Jan Oetjen, Chef der Internet-Größen GMX und Web.de, sitzt an seinem Büro-Schreibtisch in Karlsruhe. Dort macht er eigentlich nur am frühen Morgen und abends Station. Sonst sehen ihn die Mitarbeiter vor allem am großen Konferenztisch, beim Gang durch die Abteilungen oder von Besprechung zu Besprechung eilen. Oetjen lebt den Alltag eines Konzernlenkers. Web.de und GMX gehören zu United Internet, das von Montabaur aus die deutsche Internet-Landschaft entscheidend mitbestimmt. Oetjen ist allein bei den Ablegern in Karlsruhe für etwa 3 000 Mitarbeiter zuständig. Im Gespräch mit ihm wird jedoch schnell deutlich, dass Unternehmensgröße etwas Relatives ist. „Wir bewegen uns zwischen Start-up und Konzern“, sagt der Chef, nun mit seinen Besuchern am Konferenztisch sitzend.

Zwischen Start-up und Konzern

37 Millionen aktive Nutzer klingen definitiv nicht mehr nach Start-up. Diese Größe muss es aber sein, um unabhängig zu bleiben, wie Oetjen erklärt. Sonst läuft es im Unternehmen aber doch vielfach wie in Start-ups. Dafür sorgt der Chef selbst. „Flache Hierarchien sind mir wichtig“, sagt der 45-Jährige, der auf eine „gewisse Partnerschaftlichkeit“ mit den Mitarbeitern setzt. Das fängt beim Duzen an und hört bei den Glaswänden zu seinem Büro auf. Wer möchte, kann Oetjen somit bei der Arbeit auf die Finger schauen. „Ich pflege bewusst eine offene Kultur.“

Oetjen erhofft sich dadurch vor allem kürzere Wege und höheres Tempo bei der Arbeit. Nur dann habe man eine Chance, gegen die US-Giganten im Geschäft zu bestehen. Es ist ein Thema, das den gebürtigen Bremer und Wahl-Karlsruher umtreibt – nicht nur im Job, auch privat. Zunächst erzählt Oetjen begeistert davon, wie seine beiden Kinder den Smart-Speaker Alexa von Amazon für sich entdeckten. „Die haben ganz höflich gefragt: ,Alexa, kann ich bitte Hulapalu hören?’ Und sind dann durchs Wohnzimmer getanzt.“ Im nächsten Satz wird Oetjen auf eine für ihn typische Art wieder ernst und sagt: „Natürlich wollen Amazon, Google oder Facebook uns in ihr Ökosystem hineinziehen. Und dort diktieren sie dann nur leider die Spielregeln.“ Jeder müsse sich gut überlegen, ob er sich in diese Abhängigkeit begeben wolle.

Datensicherheit als Leitthema

Klar will Oetjen mit Sätzen wie diesen auch ein Stück weit Werbung für das eigene Produkt machen, für deutsche Server und vermeintlich mehr Datensicherheit. Zugleich nimmt man ihm als Gesprächspartner die echte Sorge ab, dass tatsächlich irgendwann ein großer Konzern darüber bestimmen könnte, was die Nutzer im Internet als Inhalte zu sehen bekommen. „Wir führen sozusagen den letzten Kampf um die unabhängige ID“, beschreibt es Oetjen.

Es ist sein Haus-und-Hof-Thema. Schon 2013 startete er, damals in Kooperation mit der Telekom, die Sicherheitsinitiative „E-Mail made in Germany“. Fünf Jahre später treibt ihn dieser digitale Sicherheitsaspekt immer noch um. Der Chef lässt Web.de und GMX wohl auch deshalb immer wieder neue Verschlüsselungstechniken für den sicheren E-Mail-Verkehr auf den Markt werfen. Und macht dies zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal zu den diversen US-Diensten.

In Karlsruhe heimisch geworden

Die Auseinandersetzung um die Unabhängigkeit in der digitalen Welt möchte der begeisterte Windsurfer und Rennrad-Fahrer Oetjen selbst an der Spitze führen. Zumal für GMX und Web.de spannende Zeiten anstehen. United Internet-Chef Ralph Dommermuth lässt hinterm Karlsruher Hauptbahnhof gerade einen riesigen Bürokomplex bauen. Die IT-Landschaft in der Fächerstadt dürfte damit einen weiteren Wachstumssprung hinlegen, bei dem auch Oetjen mitwirken will. „Ich fühle mich in Karlsruhe sehr wohl.“

Bevor es den smarten Manager jedoch überhaupt in die Stadt des Rechts zog, war einiges an Überzeugungsarbeit nötig – nicht bei ihm selbst, sondern bei seiner Frau. Das Paar lebte zuvor in München, Oetjens Ehefrau kommt aus Bayern. Die Diskussion vor dem Umzug sei eine längere gewesen, erzählt der 45-Jährige und lacht. In nun mehr als sieben Jahren habe sich die Familie aber bestens eingelebt und einen großen Freundeskreis aufgebaut. „Das Wetter ist hier auch immer etwas besser als anderswo. Und landschaftlich gibt es enorme Möglichkeiten“, erzählt Oetjen von seiner Begeisterung für Baden. Danach geht es zurück an den Schreibtisch. Allerdings nur für einen kurzen Moment. Die nächste Besprechung wartet schon.