"Old Man" Herbert Schmitt ist ein versierter Amateurfunker.
Gutes Funkwetter nutzt Herbert Schmitt für Gespräche mit Funkfreunden in aller Welt, ob in Australien oder an der spanischen Costa Blanca. | Foto: jodo

Amateurfunk in Karlsruhe

„Old Man“ geht auf Empfang

Es rauscht, knackt und piept in Herbert Schmitts Auto. Für den versierten Amateurfunker ist morgens um 8 die Welt in Ordnung. Er parkt fast jeden Tag am Südrand des Karlsruher Messegeländes und horcht in die Welt. Auf der anderen Seite des Globus, bei Sydney in Australien, geht regelmäßig ein Signal in den Äther. Schmitt hofft darauf, dass sich gegen 9 Uhr ein Funkfenster öffnet. Darin kann Schmitt, Jahrgang 1945 und Großhandelskaufmann im Ruhestand, mit Freunden in „Down under“ Kontakt aufnehmen.

Funk funktioniert wie Tennis

Der leichte Sprühregen am Boden stört nicht. Übers Funkwetter entscheiden die Verhältnisse in 100 bis 300 Meter Höhe, wo die Sonneneinstrahlung reflektierende Luftschichten erzeugt, erklärt Stephan Erat. Zwischen ihnen und der Erdoberfläche prallt das Funksignal dann wie ein Tennisball rund um den Globus.

Die Antennen am Autoheck sind zweieinhalb Meter lang.
Stephan Erat (links) und Herbert Schmitt fangen mit langen Antennen am Autoheck Signale aus dem Äther ein. | Foto: jodo

Erat, Vorsitzender des Ortsverbandes Karlsruhe des Deutschen Amateur-Radio-Clubs (DARC) mit hier anzuklickendem Internetauftritt, verfolgt gespannt, welche Signale Schmitts zweieinhalb Meter lange Fiberglasantenne an Autoheck einfängt. Die Amateurfunker wissen nie, ob und wann sich ein faszinierendes Gespräch mit Gleichgesinnten irgendwo auf der Erde entspinnt.

Wir sind auch ein bisschen Nachtmenschen

„Wir sind auch ein bisschen Nachtmenschen“, gesteht Erat. Er ist in Durlach-Aue daheim und steht durchaus mal um 4 Uhr auf. Dann lässt sich nämlich prima mit bekannten und unbekannten Gesprächspartnern in den USA plaudern. Dazu greift er sich ein digitales Handfunkgerät, nicht größer als ein Brillenetui.

Mini-Postkarten dokumentieren Funk-Kontakte

In dicken Alben sammelt Erat „Visitenkarten“ der Amateurfunker. Liebevoll gestaltete Mini-Postkarten sind das, Vorder- und Rückseite voller Frequenzen, Rufzeichen und anderer technischer Daten. Der Karlsruher DARC-Vorsitzende wiederum schickt als Motive den Fächergrundriss oder das Schloss mit Logo vom Stadtgeburtstag 2015 in alle Herren Länder. Der Bundesverband übernimmt den Versand, der Ortsverein die 70 Euro Druckkosten für 1 000 Karten. Es geht um die Dokumentation der Kontakte, im Dienst des technischen Fortschritts. Bei Wettbewerben können innerhalb von zwei Tagen 3 000 Kontaktbelege pro Funker-Nase anfallen.

Amateurfunk in der Region: Der Deutsche Amateur-Radio-Club (DARC), Bundesverband für Amateurfunk in Deutschland, ist mit mehr als 35 600 Mitgliedern in 1 000 Ortsverbänden die weltweit drittgrößte Amateurfunkvereinigung. Sein Ortsverband Karlsruhe existiert seit 70 Jahren. Das jüngste Mitglied ist zwölf, das älteste, ein Gründungsmitglied, 95 Jahre alt. Weitere DARC-Ortsverbände gibt es in Durlach, Ettlingen, Rheinstetten und Walzbachtal/Bretten. Der DARC Karlsruhe hat seinen Klubraum in der Appenmühle an der Alb in Daxlanden.

Plötzlich geht Schmitt auf Sendung. „Roger, Fritz, guten Morgen an die Costa Blanca“, spricht der Routinier aus der Rheinstrandsiedlung in Daxlanden, dann geht er als „DK5IO“ auf Empfang. Sein Funkfreund sendet als „Langzeiturlauber“ aus einem Ort bei Alicante an der spanischen Ostküste.

Die Funkdisziplin verlangt Sachlichkeit. Schließlich kann jeder mithören, der die entsprechende Frequenz einstellt. Über welche Kanäle die Amateure funken dürfen, weist die Bundesnetzagentur zu. Schmitt lässt den Austausch enden mit „73“ und „Gruß an Deine XYL“ – das ist Funkerdeutsch, angelehnt an telegrafische Kürzel. Die Zahl 73 oder die Buchstaben AWDH stehen für „Auf Wiederhören“. XYL („Ex-Young Lady“, zu deutsch: ehemals junge Frau) ist das Kürzel für die Ehefrau. OM kürzt „Old Man“ ab und ist sowohl Ehrentitel als auch gängige Anrede für einen gestandenen Funkfreund.

Funk trainiert das Gedächtnis für Codes und Ziffern

Ein Supergedächtnis für Ziffern und Codes haben die Amateurfunker, sie sprechen sich sogar gegenseitig an mit der Kombination aus Vorname und von Amts wegen lebenslang zugewiesenem Funkrufzeichen. Stephan Erat trägt sein Rufzeichen DH2ES gelb gestickt auf seiner Westentasche.

Längst nicht jedes DARC-Mitglied hat eine Funklizenz. Das Hobby ist auch attraktiv für technisch interessierte Bastler oder Zuhörer: Funkkontakte in alle Welt pflegen immerhin allein im Karlsruher DARC-Ortsverband 25 Aktive. Die Männer sind bei aktuell 127 Mitgliedern in der Überzahl, doch auch einige Frauen mit Lizenz gehen auf Sendung und Empfang. Aus Karlsruhes französischer Partnerstadt Nancy und anderen Orten funken ebenfalls Klubfreunde: Weite Entfernungen sind für die Amateurfunker naturgemäß kein Kommunikationshindernis.

 

Bei Schmitt funkt es jetzt wieder. Erats Stellvertreter Alexander Hahn ist auf Sendung gegangen und glasklar zu hören. Er ist Spezialist für Funkkontakte mit extrem geringer Leistung und meldet sich mit nur zehn Watt via Antenne an seinem Balkon in der Südstadt-Ost. „Ich habe gerade mit Neuseeland gesprochen“, berichtet er begeistert. Ein Gruß geht noch an die BNN, dann beendet Schmitt das Gespräch mit „55“ – das heißt so viel wie „viel Erfolg“.

 

Auf Empfang gehen Amateurfunker auf vorgeschriebenen Frequenzen.
Auf gleicher Welle mithören kann jeder, der die jeweilige Frequenz einstellt. Oft rauscht und knackt es, digital übertragen klingen Stimmen hingegen glasklar. | Foto: jodo

Stephan Erats nächste Aktion: Gemeinsam mit Klubkamerad Ralf Knopf gestaltet er Anfang Mai 2017 eine Schatzsuche im Hardtwald mit Peilempfängern für Familien bei der Waldpädagogik Karlsruhe. Deren Programm ist hier im Internet zu finden.

Radio hören per Bausatz

Funkamateure und Kurzwellenhörer erfahren jeden Sonntag von 11 bis 12 Uhr in der Sendung „Radio DARC“ europaweit Interessantes aus der Welt des Amateurfunks auf der Frequenz von 6 070 kHz. Wiederholt wird das Radiomagazin jeweils montags von 17 bis 18 Uhr. Wer keinen passenden Empfänger hat, kann ihn aus einem kostengünstigem Bausatz auf einer Platine selbst zusammenlöten, bei Bedarf mit Unterstützung durch Aktive der DARC-Ortsverbände. Per E-Mail an die Adresse ov-a07@t-online.de erreichen Interessierte den Karlsruher Ortsverbandsvorsitzenden Stephan Erat.