Nichts geht mehr: Spätestens ab 19 Uhr herrscht auf den aller meisten Rasthöfen und Parkplätzen entlang der Autobahnen das Parkchaos. Um ihre Ruhezeiten einzuhalten, müssen die Lasterfahrer dringend pausieren, aber die nötigen Flächen fehlen. | Foto: dpa

Laster sucht Lücke

Park-Chaos an der Autobahn

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Gleich mehrmals pro Minute erschüttern heftige Stoßwellen Valentins Schlaf. Die Plüschwürfel am Rückspiegel pendeln aufgeregt, die Fahrerkabine wiegt sich als Ganzes im Takt vorbei rauschender Schwerlaster.

Ab 19 Uhr beginnt das Park-Chaos

Man könnte es eine unruhige Schlafstatt an einem ungeeigneten Ort nennen. Doch für Valentin ist es ein großes Glück, diesen Parkplatz für die Nacht ergattert zu haben. Sein 40-Tonner steht sicher auf einem Autobahnrastplatz – eine Heckenbreite vom pulsierenden Verkehr auf der A8 entfernt.

Heute ist es nicht der Standstreifen und auch kein abgelegenes Gewerbegebiet. Heute Nacht riskiert er keinen Strafzettel und morgen früh ist eine Toilette mit Wasserspülung in Reichweite.

Jeden Tag, spätestens ab 19 Uhr bricht an den Raststätten und Parkplätzen entlang der A8 und der A5 das Park-Chaos aus. Zu dieser Zeit neigen sich die erlaubten Lenkzeiten der Brummifahrer allesamt dem Ende zu.

Wer jetzt noch keinen hat, der findet keinen mehr

Wer dann noch keinen ordentlichen Parkplatz hat, der findet wohl auch keinen mehr. Genauso wie seine beiden Landsleute und Berufskollegen Constantin und Ioan hat es Valentin an diesem Tag rechtzeitig auf den Autobahnparkplatz Steinig an der A8 auf Höhe von Karlsbad-Langensteinbach geschafft.

Abendessen und Verdauungszigarette genießen die drei Rumänen am Picknick-Tisch gleich hinter dem Klohäuschen. Entspannt blicken sie auf jene Fahrer, die sich erst jetzt auf den völlig überfüllten Rastplatz drängen und mitleidsvoll schauen sie jenen nach, die keine Lücke mehr finden und vom Park-Chaos entnervt das Weite suchen.

Großlager Autobahn

Der Güterverkehr nimmt rasant zu, die Unternehmen haben ihre Lagerhaltung getreu dem Motto „just in time“ längst auf die Autobahnen verlegt und der Gesetzgeber verhindert mit strengen Auflagen, dass die vielen Milliarden Tonnen an Fracht nicht von übernächtigten Chauffeuren durchs Land gekarrt werden.

Nach 4,5 Stunden am Steuer muss der Lkw-Fahrer eine kurze und nach weiteren 4,5 Stunden eine lange Pause machen. Neun Stunden müssen vergehen, bis er dann seinen Laster wieder bewegen darf. Moderne Technik stellt sicher, dass Verstöße gegen diese Fahrt- und Ruhezeitregelungen penibel nachgewiesen und verfolgt werden können.

Nervenspiel mit Gespenst im Genick

„Dem Fahrer sitzt ständig das Gespenst im Genick, ob denn die Fahrzeit noch ausreicht, einen Parkplatz für die Pause zu finden“, sagt Thomas Leyerle, Fuhrparkleiter der Malscher Niederlassung der Großspedition Dachser.

Denn nicht das Fahren ist die größte Last des Truckers, sondern das Parken. Rund 31 000 Parkplätze, so sagt der ADAC, fehlen entlang von Deutschlands Autobahnen für die großen schweren Laster und Lastzüge.
Die Navigation der schweren Brummis durch die engen und zugeparkten Rastplätze kommt einem Nervenspiel gleich.

Oft ist Millimeterarbeit nötig, um an den Stoßstange an Stoßstange abgestellten Lastwagen vorbei zu kommen, selbst wenn man sich längst entschieden hat, den übervollen Parkplatz wieder zu verlassen.

Ruhiges Plätzchen im Gewerbegebiet?

Ist der Rastplatz voll, bleibt nur weiter zu fahren und sich in einem nahen Gewerbegebiet ein ruhiges Plätzchen zu suchen.

„Und zwar mit allen Risiken, die dem Fahrer dann drohen“, sagt Leyerle. Nicht nur, dass in vielen Gewerbegebieten an den Autobahnausfahrten längst flächendeckend Parkverbotszonen ausgewiesen wurden.

„Die Fahrer müssen Diebstahl und Überfälle fürchten – vom völligen fehlen sanitärer Einrichtungen ganz zu schweigen.“

Ein Bett im Kiesbett

Idyllisch und ruhig aber auch nicht ganz ungefährlich ist der Rand eines Landsträßchens, an dem ein polnischer Fahrer seine Ruhe sucht.

Auch er parkt illegal und sein Fahrzeug ragt weit in die Fahrbahn hinein. Aber mit einer durchschüttelten Nacht an der Autobahn ist die Rast am Landsträßchen nicht zu vergleichen.

„Das sieht nett aus, hier im Grünen. Aber mit der einen Seite im Kies und der anderen auf dem Asphalt muss sich der Mann entscheiden, ob ihm das Blut in dieser Nacht lieber in die Beine oder in den Kopf fließen soll, denn waagerecht wird er in diesem Führerhaus heute Nacht nicht schlafen können“, so Leyerle.

Einfädelspur wird zum Parkplatz

Besonders heikel wird es für den Fahrer, wenn seine Fahrtzeit im Stau zuende geht.

„Wie soll er sich dann entscheiden? Fährt er weiter, riskiert er eine teure Strafe. Eine Pause auf dem Standstreifen ist aber ebenso verboten und dazu noch hoch gefährlich“, weiß Leyerle.

Immer öfter reichen die Anhänger der letzten Lastzüge, die es noch auf den regulären Parkplatz schaffen, weit hinaus auf die Einfädelspuren.

Bis an die Autobahn und noch weiter reichen die parkenden Laster hinaus. | Foto: dpa

Immer wieder kommt es dabei auch zu schweren Unfällen. Unfällen gar mit tödlichen Folgen, wie die Polizei erklärt.

„An den völlig überlasteten Rasthöfen kommt es immer wieder zu hochgefährlichen Situationen, die wir nicht dulden können“, sagt Ralf Minet, Sprecher des Polizeipräsidiums Karlsruhe.

Es sei Aufgabe des Fahrers, seine Tour gut zu planen, seine Ruhezeiten und geeignete Parkplätze im Auge zu behalten.

Autohöfe kosten Geld

„Ist der Rasthof voll, dann muss der Lkw-Fahrer eben auf einen der Autohöfe, etwas abseits der Autobahn ausweichen. Die kosten zwar etwas Geld, sind aber immer noch deutlich als ein Bußgeld oder gar die Kosten fürs Abschleppen“, so Minet.

Diese Rechnung entfaltet ihren Charme für die Lasterfahrer naturgemäß oft erst im Rückblick, dann, wenn das Bußgeld schon fällig geworden ist.

Insbesondere für osteuropäische Fahrer ist der Autohof nur selten eine Alternative.

„Ein Pole verdient 1 500 Euro im Monat, ein Litauer 1 000 US-Dollar. Im Autohof kostet die Nacht rund zehn Euro“, verrät Leyerle.

Konserven auf dem Gaskocher

„Für einen litauischen Fahrer ist das viel Geld. Zwar bekommt er dafür einen Verzehrgutschein, aber aus Kostengründen kochen die Kollegen meist selbst, auf einem kleinen Gaskocher.

Und die Lebensmittel dafür bringen sie aus der Heimat mit.“ Mit dem ersten Bußgeld für die Überschreitung der Lenkzeit hingegen ist schnell der ganze Monatslohn weg.“

Auch aus Sicht der Autofahrer ist die Parksituation für Brummis ein Problem. „Parkt der Laster verbotenerweise im Pkw-Bereich, dann blockiert er schnell zehn Parkbuchten“, weiß ADAC-Stauberater Joachim Paul.

„Parkt er auf den Plätzen für Reisebusse, müssen gehbehinderte Senioren oft weite Strecken über ein gefährliches Pflaster gehen.“ Dies ist nach Polizeiangaben insbesondere am Rasthof Bruchsal häufiger der Fall.

In Pforzheim wird’s besonders knifflig

Besonders heikel sei es, wenn die Schlange parkender Lastzüge vom Parkplatz weit in die Autobahn hinaus reiche. Knifflig wird es immer wieder auch am Rasthof Pforzheim.

„Der ist ja für den Verkehr in beiden Fahrtrichtungen zuständig und dort blockieren parkende Lkw oft eine ganze Straßenseite und beschwören so für sehr gefährliche Situationen hervor.

Für Constantin ist der tägliche Stress ums Parken längst Routine. Er lenkt seinen 40 Tonner seit über 20 Jahren über bundesdeutsche Autobahnen. Sein Arbeitgeber ist als Subunternehmer für große deutsche Speditionen tätig.

Die Söhne sind längst auch auf der Autobahn

Beruflich kommt er fast nie ins heimische Rumänien. Er lädt und entlädt so gut wie immer in Westeuropa. Nur sein Lohn orientiert sich an den Standards seiner Heimat.

Damit sich all das für ihn lohnt, bleibt er zwei Monate am Stück auf Tour. Jedes zweite Wochenende muss er seine Fahrt statt für neun gar für 43 Stunden unterbrechen.

Dann leistet er sich auch schon mal ein günstiges Hotel. Erst nach acht Wochen geht er heim zu seiner Frau. Seine Söhne trifft er dort nicht mehr.

Die sind längst selbst als Fernfahrer unterwegs – auf den Autobahnen zwischen Hamburg und München, wenn sie Glück haben, nächtigen sie auf einem ausgewiesenen Parkplatz – wenn nicht, dann irgendwo am Straßenrand.