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Größter Reptilienzoo Deutschlands arbeitet mit Frankfurter Flughafen zusammen

Ob Würgeschlange, Waschbären oder Löwe - im Reptilium Landau finden sie Unterschlupf

Eigentlich ist das Reptilium in Landau ein Zoo für Echsen, Schlangen und allem was kriecht oder krabbelt. Aber Uwe Wünstel, Experte für Reptilien, bekommt auch besondere Fundtiere. Ein Besuch bei Familie Waschbär, Löwenbaby Lea und Co.

Auch mehrere Würgeschlangen wie dieser Netzpython haben in der Einrichtung ein Zuhause gefunden. Foto: Christian Bodamer

Als Uwe Wünstel vor drei Jahren gefragt wurde, ob er fünf Waschbärengeschwister aufnehmen könne, dachte er wohl nicht im Traum daran, auf was er sich da eingelassen hatte. Anrufe von der Tierrettung oder der Polizei erhält der erfahrene Reptilienexperte aus der Pfalz ständig, meistens wegen Schlangen, Schildkröten oder anderen Reptilien. Was soll bei fünf kleinen Mini-Bären schon das Problem sein? Zu Beginn kam der süße Fünferpack sogar noch in der Wohnung von seiner Frau und ihm unter.

Wenige Wochen später bereute er die Entscheidung - zumindest etwas. „Die haben per Räuberleiter unseren Kühlschrank aufgemacht, hingen unter der Couch“, erinnert er sich an den Trubel. Kurz darauf zog die Bande in ein Gehege im Freibereich des Reptiliums Landau. Ab da führte der größte Reptilienzoo Deutschlands auch Vertreter aus der Gattung Kleinbären.

Nur: Wieso nimmt ein Reptilien-Fachmann Waschbären auf? „Wir bekommen jedes Jahr bestimmt 1.000 Tiere angeboten, das ist bunt gemischt. Auch Rehe oder Störche sind dabei“, wundert sich Wünstel über nichts mehr. Ein Anruf von vor gut vier Wochen war dennoch kurios: Früh morgens klingelte Michael Serr, Leiter der Tierrettung Rhein-Neckar, bei Wünstel durch und wollte wissen, ob dieser ein weißes Löwenbaby aufnehmen könne. Es wurde auf der Autobahn 5 bei einem Unfall gefunden. Wünstel sagte ja. Seitdem stromert die kleine Lea auf der Quarantäne-Station des Reptiliums umher, wurde vom Reptiliums-Chef und seiner Frau erfolgreich aufgepäppelt. Fünf Kilo hat die Raubkatze schon zugenommen.

Lea behalten kommt dennoch nicht in Frage: „Ein Löwe braucht 200 Quadratmeter Außengehege und 20 Quadratmeter im Innenbereich - das ist für uns unmöglich“, sagt Wünstel. Dazu braucht die Löwin Spielkameraden für ihre Entwicklung. Bald geht es für Lea weiter nach Spanien.

Mehrere Anrufe von Menschen, die Tiere finden

Mehrmals pro Woche melden sich bei den Landauern Leute, die Tiere abgeben wollen oder gefunden haben. Gefährliche Reptilien seien das eher selten. Die Polizei schickt Wünstel zudem Bilder per Smartphone, wenn sich ein Wanderer wieder einmal nicht sicher ist, was da gerade über den Weg gehuscht ist. „Dann kann ich sagen, was getan oder eben auch nicht getan werden soll“, erklärt er.

Für den Mensch passiert bei einem Python im Normalfall nichts, aber wenn jemand seinen Yorkshire-Terrier von der Leine lässt, der fehlt.
Uwe Wünstel / Geschäftsführer Reptilium Landau

Was bei vielen Menschen für Gänsehaut sorgt, sieht Wünstel gelassen. So auch den Fund zweier Tigerpythons in einem Feld bei Billigheim-Ingenheim in der Südpfalz. Beide drei Meter lang. „Für den Mensch passiert da im Normalfall nichts, aber wenn jemand seinen Yorkshire-Terrier von der Leine lässt, der fehlt. In der Größenordnung ist das Futter für die Schlange,“, erklärt der Experte.

Brisanter sei da schon der Ausflug einer Schnappschildkröte in der Nähe eines Kindergarten bei Kaiserslautern gewesen. Diese Tierart kann Knochen durchbeißen. Nun schwimmt die 18 Kilo schwere Panzerechse in einem Becken im Reptilium. „Ich habe die Handynummer der Notfallmediziner, falls mal etwas passieren sollte“, sagt der Landauer während er an Terrarien mit Klapperschlangen, Alligatoren, Leguanen und Spinnen vorbeiläuft.

Hohe Schutzmaßnahmen - zu den Kobras dürfen nur zwei Pfleger

Die Schutzmaßnahmen im Reptilien-Zoo sind hoch. Die Kobras werden nur von der Obertierpflegerin oder Wünstel selbst gefüttert. Bei den Würgeschlagen hat das Personal doppelte Anwesenheitspflicht. „Das Schlimmste ist mir selbst passiert“, so Wünstel. Der Biss einer kleinen Boa resultierte in einer Blutvergiftung. „Drei Tage später wurde ich mit 40 Grad Fieber ins Krankenhaus eingeliefert.“

Wünstel ist eigentlich gelernter Maurer mit eigener Firma - und einem großen Faible für Schlangen oder Spinnen. Mit einer kleinen Boa Constrictor fing vor 22 Jahren alles an. Bald zog sein heimisches Terrarium auf das Betriebsgelände um. Schulklassen meldeten sich an, die Nachbarschaft kam vorbei. Sechs Jahre später gründete er das Reptilium in Landau mit heute 19 Mitarbeitern. Wünstel gilt als der Fachmann im südwestdeutschen Raum für alles was kriecht, krabbelt und fleucht. Dazu sitzt er im Prüfungsausschuss für angehende Tierpfleger, ist Sachverständiger bei Gericht, schult Beamte bei Polizei und Zoll im Umgang mit Reptilien und Gifttieren.

Frankfurter Zoll stellt viele Tiere am Flughafen sicher

Gerade am Frankfurter Flughafen kommen häufiger Kisten mit seltenen und gefährlichen Tieren an. Wenn mit einer Ladung etwas nicht stimmt und die Tiere untergebracht werden müssen, klingelt das Telefon des Pfälzers. Denn Zoos und kommunale Einrichtungen sind nach den Öffnungszeiten häufig nicht erreichbar - Wünstel schon. Mal hilft er dabei, einen Bindenwaran zu fangen, der durch die Halle flitzt, mal entdeckt der Zoll Kisten mit 130 extrem seltenen und teuren blauen Baumwaranen. Vor wenigen Tagen kam wieder eine Fuhre mit Tieren. Was und wie viele, darf der Pfälzer nicht sagen. Laufende Ermittlungen.

Etwa zehn Prozent aller Tiere bleiben im Reptilium, schätzt er. Viele landen doch noch beim eigentlichen Empfänger, werden an Zoos oder an zuverlässige Privathalter vermittelt. Dass die Tiere kurzzeitig beschlagnahmt werden, liegt nicht an einem Verbot bei der Einfuhr - sondern an schlichten Formfehlern in den Dokumenten. Eine Verordnung sieht vor, dass der Importeur angibt, wie groß die Schlangen sind. „Wenn die angeben, es kommen Tiere mit je 50 Zentimeter Länge und am Zoll machen die den Sack auf und die Schlange hat schon 1,30 Meter, geht das eben nicht“, nennt Wünstel ein Beispiel.

2019 wurden Diskussionen um neue Verordnungen für Gift- oder Gefahrtierbesitzer laut, als in Herne in Nordrhein-Westfalen eine ausgebüchste Monokelkobra für eine Woche einen ganzen Straßenzug lahm legte. Wer glaubt, dass es generell illegal ist, Mambas, Kobras, Raubkatzen oder Alligatoren nach Deutschland einzuführen, der täuscht sich. Die Bundesländer machen hier große Unterschiede. Hessen oder Bayern haben spezielle Verordnungen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nicht. Die Tiere müssen nur gemeldet und ordnungsgemäß gehalten werden. „Sie können einen Löwen beispielsweise nicht in einen Kleiderschrank sperren“, erklärt Wünstel.

Angaben, wie viele Gifttiere in Deutschland leben, variieren stark. Experten gehen von einer sechsstelligen Anzahl aus. Wünstel kennt viele Halter und Züchter - auch im Südwesten. „Die Tiere sind gegenwärtig in Deutschland.“ Von Verboten hält er nichts: „Der Halter, der seine Tiere seit 20 Jahren gut hält, macht das auch weiterhin gut. Bei denen, die sich zuvor nicht an Regeln gehalten haben, wird ein Verbot nichts helfen.“

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