Mit kindlicher Offenheit die eigene Religion leben und die der anderen kennen und akzeptieren lernen: Darum soll sich alles drehen in der interreligiösen Kindertagesstätte, an deren Realisierung man derzeit in Pforzheim arbeitet. | Foto: adobe.stock/Spass

Erste interreligiöse Kita

Pforzheim baut einen Kindergarten der Weltreligionen

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Integration von Anfang an – wenn die Kleinsten erst mal Zuckerfest, Weihnachten und Chanukka gemeinsam feiern, dann gehören Streitigkeiten entlang religiöser Grenzen bald schon der Vergangenheit an: In der Hoffnung, dass diese Rechnung aufgeht, feilt man in Pforzheim eifrig an einem interreligiösen Kindergarten.

In einem bundesweit einzigartigen Projekt haben sich Diakonie und Caritas mit Vertretern der Aleviten, der jüdischen Gemeinde, der Gemeinschaft Ahmadiyya-Muslim-Jamaat, der Jesiden und der Fatih-Moschee zusammengetan.

Bundesweit erster interreligiöser Kindergarten

Sie wollen den ersten Kindergarten der Republik bauen, in dem die Kinder in der vollen religiösen Vielfalt erzogen werden, die ihre Heimatstadt bietet.

Während sich in den Kommentarspalten des Internets und in den Wahlkampfarenen der Kommunen dieser Tage die Vorurteile über Andersgläubige wahre Wettrennen mit der Unwissenheit über fremde Religionen liefern, will man am Pforzheimer Enzufer ein Haus erbauen, in dem Kinder die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Weltreligionen wie eine Selbstverständlichkeit in sich aufnehmen und dabei ihre eigene religiöse Identität beibehalten.

Über 50 Prozent der Pforzheimer sind Migranten

Pforzheim ist ein Schmelztiegel. Und eigentlich kennt man sich in Deutschlands Hauptstadt des Schmucks mit der Mischung unterschiedlichster Legierungen perfekt aus. Doch was mit dem Metall seit 250 Jahren so erfolgreich funktioniert, macht im sozialen Zusammenleben Probleme.

Inzwischen kommt über die Hälfte der Menschen von weiter her. Die Migrantenquote der Goldstadt hat die 51 Prozent überschritten. In den Kindergärten sieht es nochmal ganz anders aus. Dort heißen oftmals über 80 Prozent der Kinder nicht mehr Michael und Johanna, sondern Salih und Faizah.

Idee eines islamischen Kindergartens weiterentwickelt

Am Anfang der Idee einer interreligiösen Kindertagesstätte stand der Antrag einer muslimischen Organisation, einen islamischen Kindergarten zu eröffnen. „Das traf zuerst auf breite Zustimmung, doch schon bald war klar, dass wir im Zeitalter der Inklusion keine weitere Verästelung und Vereinzelung brauchen“, sagt Frank-Johannes Lemke, Geschäftsführer der Pforzheimer Caritas, die selbst zahlreiche Kindertagesstätten betreibt.

Kindergarten für Muslime, Juden und Christen

„Ein Kindergarten für Muslime, Juden und Christen, das erschien bald schon allen als der bessere Weg“, erinnert sich Lemke. Eine Stadt wie Pforzheim brauche eine inklusive Einrichtung um Frieden unter den Religionen und Kulturen zu entwickeln.

„Was gibt es Schöneres“

„Kinder unterschiedlichster Glaubensrichtungen in einer gemeinsamen Kindertagesstätte, das haben wir ja schon längst“, erklärt die Geschäftsführerin der Pforzheimer Diakonie, Sabine Jost. „Aber in unserer interreligiösen Einrichtung wollen wir den Kindern von Anfang an einen weiten religiösen Horizont eröffnen, wobei die religiöse Identität der einzelnen Kinder und ihrer Familien geachtet wird und gewahrt bleibt.“

Ängste, so glaubt Lemke, entstünden dort, wo man nichts oder nur sehr wenig voneinander wisse. „Was gibt es da Schöneres, als unerschrockene und vorurteilsfreie Kinder aller Religionen in einem solchen Projekt zusammenzubringen.“

Religiöse Symbole schmücken die „Markthalle“

Ein moderner Neubau direkt in der Pforzheimer Tallage, dort, wo sich die sozialen Probleme ballen, soll der neuen Tagesstätte eine Heimat bieten. Grundkonzept und Grundstück liegen bereit, an der Finanzierung und der Baugenehmigung wird noch gearbeitet.

„Schon in einer Art Markthalle am Eingang werden die Kinder die Symbole ihrer eigenen Religion wiederfinden und die Symbole anderer Religionen kennenlernen, genauso wie sie dann auch die Lieder und Gebete aller Religionen kennenlernen werden“, so Jost.

Der Bund schießt 600000 Euro zu

Finanzminister Wolfgang Schäuble hat schon mal 600 000 Euro als Zuschuss für den Bau in Aussicht gestellt. Wie stark sich die finanziell gebeutelte Goldstadt engagiert, muss die noch ausstehende Diskussion im Gemeinderat erweisen.

Gemeinsame Trägergesellschaft wird gegründet

Wichtig ist es dabei, dass Erzieherinnen und Erzieher aus möglichst allen Religionen gefunden werden. Um eine gleichberechtigte Basis für das Projekt zu finden, wird man schon bald eine gemeinsame Trägergesellschaft gründen, in der alle Religionen vertreten sind. Einen ganz großen Schwerpunkt will man dann auch auf die Elternarbeit legen.

„Wir brauchen die Eltern“

„Wir werden das nicht alleine schaffen, wir brauchen die Eltern“, so Jost. Dabei kann sie schon jetzt auf ein großes Interesse der Pforzheimer Elternschaft verweisen. „Viele muslimische Eltern melden ihre Kinder ganz bewusst in einem christlichen Kindergarten an, weil ihnen die religiöse Erziehung wichtig ist“, erklärt die Diakonie-Chefin. „Die Eltern ziehen dann eine katholische oder evangelische Einrichtung einer kommunalen vor.“

Betreuungsplätze sind Mangelware

Monika Müller, Sozialbürgermeisterin der Goldstadt, steht hinter dem Projekt und hofft auf eine Realisierung bis 2019, denn Betreuungsplätze sind in der jungen und weiter wachsenden Goldstadt Mangelware. Sie hat sich auch schon einen Namen für die Einrichtung ausgedacht.

Müller schlägt vor, die religiös-inklusive Kindertagesstätte „Reuchlinchen“ zu nennen und damit an Pforzheims berühmtesten Sohn, den Humanisten Johannes Reuchlin zu erinnern, einen Zeitgenossen Luthers und Melanchthons und eifrigen Verfechter der Toleranz unter den monotheistischen Weltreligionen.

Ringparabel in der Weltstadt des Traurings

Bei Pforzheims weltweit führender Rolle als Ringproduzent wäre – der Gleichbehandlung geschuldet – auch eine Benennung nach „Nathan“ oder „Saladin“ denkbar, stehen der Weise und sein Sultan dank Lessings Ringparabel doch schon seit Jahrhunderten für das gleichberechtigte und friedliche Zusammenleben aller Religionen.

 

Eine Beschreibung der Pforzheimer Situation finden Sie hier: