Abitur unter Ausnahmebedingungen: Die Prüflinge, die diese Woche ihre Abi-Klausuren schreiben, hatten wegen der Corona-Krise zwar eine leicht verkürzte Unterrichtszeit, aber eine deutlich verlängerte Vorbereitungszeit zum Büffeln. Foto: dpa

Prüfungen gestartet

Abi-Jahrgang 2020: Bessere Noten dank Corona-Krise?

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Ist es nun eine schwere Bürde oder bietet es sogar eine Chance auf bessere Noten – das Abitur in Zeiten von Corona? Die Einschätzungen dazu klaffen weit auseinander. Zum ersten großen Realitätstest kommt es an diesem Mittwoch: Bei der schriftlichen Deutschprüfung müssen alle rund 47.400 Abiturienten in Baden-Württemberg gleichzeitig antreten.

Eine davon ist Lilly (18), die in Karlsruhe ihr Abi macht. Dass die Prüfungen überhaupt stattfinden und sich die Idee eines „Durchschnitt-Abiturs“ aus den bisherigen Noten nicht durchgesetzt hat, findet sie gut. „Sonst hätten wir immer einen Sonderstatus gehabt“, meint Lilly. „Man hätte uns immer vorwerfen können, wir hätten kein richtiges Abitur gemacht.“ Klar, die Ungewissheit, ob und wann das Abitur überhaupt stattfindet, sei belastend gewesen.

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Trotz der ungewöhnlichen Umstände sieht die junge Frau auch einen Vorteil: die verlängerte Vorbereitungszeit, nachdem die Prüfungen von April auf Mai verschoben wurden. „Wir hatten nicht den Stress, innerhalb von zwei Wochen alles wiederholen zu müssen“, sagt die Abiturientin. „Wahrscheinlich hat sich mancher Stoff so besser eingeprägt als wenn ich ihn ganz schnell reingefressen hätte.“

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Lehrerin: Einige Schüler haben lange Vorbereitungszeit genutzt

Dass so mancher Prüfling seine Notenbilanz in Corona-Zeiten verbessern könnte, prognostiziert Barbara Becker, Vorsitzende der Fachgruppe Gymnasien bei der Bildungsgewerkschaft GEW. „Ich habe da einige Schüler vor Augen, die deutlich mehr Punkte schreiben könnten, weil sie die lange Selbstlernphase wirklich genutzt haben“, sagt die Gymnasiallehrerin aus Bühl.

Allerdings hänge es sehr von der familiären Situation ab, ob die Schüler die Vorbereitungszeit nutzen konnten oder unter Anspannung standen, räumt sie ein. Entschieden verwahrt sich Becker gegen das Vorurteil, den Abiturienten 2020 würden gute Noten nun „geschenkt“.

Spielraum – aber kein Freibrief für Gefälligkeitsnoten

Denn Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hatte Spekulationen gefüttert, als sie öffentlich erklärte, den Prüflingen dürften „keine Nachteile“ entstehen: „Alle an der Abiturprüfung beteiligten Lehrkräfte haben wir ausdrücklich gebeten, angesichts der besonderen Situation ihren pädagogischen Spielraum im Sinne der Schülerinnen und Schüler zu nutzen.“

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Das sei kein Freibrief für Gefälligkeitsnoten, meint Becker, sondern sollte nur einen gewissen Druck nehmen. „Wir werden korrigieren wie immer“, betont sie. Einen gewissen Spielraum habe es stets gegeben, allerdings sehr begrenzt: Eine falsche Mathe-Lösung könne ja auch im Jahr der Corona-Krise kein Lehrer als richtig bewerten.

Aufgaben wurden zusammengestellt,
als keiner Corona buchstabieren konnte

Barbara Becker, Gymnasiallehrerin und GEW-Funktionärin

„Es wäre wirklich unfair, zu behaupten, diese Schüler hätten kein Abitur nach üblichen Maßstäben“, sagt Becker. „Die Aufgaben wurden ja schon zusammengestellt, als noch keiner das Wort Corona buchstabieren konnte.“ Im Grunde fehle den Abiturienten nur eine Woche Schulunterricht, da normalerweise ja direkt nach den Osterferien die Abi-Prüfungen begonnen hätten. „Es ist ein besonderer Abitur-Jahrgang, er schreibt unter erschwerten, aber nicht unter unfairen Bedingungen.“

Abiturient sorgt sich eher um Jüngere der J1

Einen „kleinen Nachteil“ kann Nils (17) aus Bretten für seinen Abi-Jahrgang erkennen. „Gerade in einem Fach wie Mathe ist es schon besser, wenn wir Aufgaben zusammen in der Schule rechnen“, hat er festgestellt. Der Online-Unterricht sei da kein vollwertiger Ersatz. Stressig könne es werden, sobald nach den Abi-Prüfungen noch die Tests für die Noten des zweiten Halbjahres anstehen.

Wirklich benachteiligt sieht Nils allerdings gar nicht den eigenen Jahrgang, sondern jene Gymnasiasten, die erst nächstes Jahr ihr Abi machen. „Wir waren im März ja mit dem Stoff durch“, sagt der Abiturient, „doch den Leuten aus der Jahrgangsstufe eins fehlt durch den Unterrichtsausfall jetzt einiges – für die sehe ich den großen Nachteil.“

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Eher unaufgeregt nimmt auch Laura (17) aus Durmersheim den Corona-Ausnahmezustand hin. „Es ist etwas nervig, dass wir in der Sporthalle die Abi-Prüfungen schreiben, und die Abstandsvorschriften und die Schutzmasken in der Schule sind auch nicht toll“, meint die Abiturientin – doch eine „wahnsinnige Umstellung“ seien die veränderten Bedingungen nicht.

Initiative „Abschluss umdenken!“ beklagt psychischen Druck

Massive Nachteile fürchten hingegen die Initiatoren der Kampagne „Abschluss umdenken!“ Sie forderten die Absage sämtlicher Abschlussprüfungen an allen Schularten und sammeln seit April Unterschriften.
Zahlreiche Schülersprecher im Land haben sich dem Aufruf angeschlossen und teils auch mit Klagen gegen das Land gedroht.

Eltern, die um ihren Job bangen, beengte Wohnverhältnisse, Angst um Angehörige, die zu Risikogruppen gehören – solche Faktoren erschwerten für viele Prüflinge das Lernen und verschärften die Chancen-Ungleichheit, betonen sie. „Insgesamt führt die ernste Lage zu einer erhöhten psychischen Belastung, die wiederum Schlafprobleme und Konzentrationsschwierigkeiten mit sich bringt“, erklärten Protestierende.

„Die Vergleichbarkeit des Abiturs ist mithin massiv eingeschränkt.“ Ihr Vorschlag: Statt zur Pflichtprüfung anzutreten, sollten die Schüler wahlweise eine Abiturnote aus den bisherigen Oberstufen-Leistungen erhalten. Rund 5.300 Unterstützer hatten die Petition unterzeichnet, als am Montagvormittag im Südwesten dann doch planmäßig die ersten Abi-Prüfungen in den Fächern Spanisch, Italienisch und Portugiesisch liefen.

Zweitkorrektur erstmals an der selben Schule

„Ich befürchte keine Klagewelle“, sagt Ralf Scholl, Landesvorsitzender des Philologenverbandes. „Unterm Strich ist das ein normales Abitur. Und Schüler, die selbstorganisiert lernen können, haben die Chance, sich zu verbessern.“ Gespannt ist Scholl jedoch darauf, wie sich das veränderte Korrektur-System auswirkt. Erst- und Zweitkorrektur erfolgen aus Zeitgründen an ein und der selben Schule. „Wie soll das an kleinen Schulen anonym bleiben?“, fragt Scholl.

Dass die beteiligten Lehrer sich normalerweise nicht kennen, habe auch dazu beitragen, „dass in Baden-Württemberg die Abitur-Durchschnittsnoten über lange Zeit recht stabil geblieben sind, während sie in anderen Bundesländern ständig nach oben gingen.“