„DAS NEUE EUROPA-GESICHT DER FDP“: So betiteln die Liberalen Svenja Hahn. Die Politikern aus Hamburg tritt auf Listenplatz zwei für die Europawahl an und soll die neue Ausrichtung verkörpern. Die FDP möchte vermehrt auf Frauen setzen. | Foto: dpa

„Sie hat ihre Chance genutzt“

Auf diese Frauen setzt die FDP vor der Europawahl

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Die FDP möchte vor der Europawahl ein neues, positives und vor allem weibliches Gesicht zeigen. Die Liberalen wählten mehr Frauen in die Führungsspitze – doch auf dem Weg dahin hat es ordentlich gekracht.

Dieses syrische Mädchen, 15 Jahre alt, hat Svenja Hahn auf dem falschen Fuß erwischt. Die FDP-Politikerin fragte das Mädchen in einem griechischen Flüchtlingszentrum nach seinen Träumen. Es habe keine mehr, sagte das Mädchen – sie würden eh nicht wahr werden. „Da musste ich mich zusammenreißen, dass mir nicht die Tränen kommen“, sagt Hahn im Gespräch in der Karlsruher BNN-Redaktion. Die 29-jährige Hamburgerin engagiert sich seit Beginn ihrer jungen Politik-Karriere für Europa und wird aller Voraussicht nach künftig im EU-Parlament sitzen.

Liberale hatten 3 Mandate – nun 168 Kandidaten

Hahn steht auf FDP-Listenplatz zwei hinter Spitzenkandidatin Nicola Beer. Hahn ist Vorsitzende der European Liberal Youth (LYMEC) mit über 200 000 Mitgliedern. Die Partei selbst bezeichnet Hahn als „das neue Europa-Gesicht der FDP“.

Von dem sollen auch die Kandidaten mit weniger Chancen auf einen Sitz im EU-Parlament profitieren. Hahn tourt durch alle Bundesländer, besuchte zuletzt die FDP-Europawahlkandidatin Nicole Büttner-Thiel (Listenplatz zehn) aus Karlsruhe. Derzeit ist die FDP mit drei Mandaten in Brüssel vertreten. 168 Kandidaten haben die Liberalen nominiert, Svenja Hahn kennt oder besucht sie alle.

Beim Parteitag in Berlin hat es gekracht

Ihr Weg nach oben wurde beim Parteitag Ende April in Berlin beschlossen. 73 Prozent, der aussichtsreiche Platz zwei. Die FDP räumt Jungen Liberalen bei Europawahlen traditionell Listenplätze ein – üblicherweise aber nicht auf Platz zwei. Und da ist auch noch die neue 38-jährige Generalsekretärin Linda Teuteberg (93 Prozent). Die konservative Brandenburgerin reiht sich in die Frauen-Spitze ebenso ein wie die wiedergewählte Ria Schröder (27 Jahre), Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen (Juli). Sie lassen ein Profil erkennen: jung, liberal, Frau. Das könnte eine schöne Geschichte sein vor der Europawahl – doch dafür hat es zuletzt zu sehr gekracht.

Zur weiblichen Führung der FDP zählen auch die frisch gewählte Generalsekretärin Linda Teuteberg (links) sowie Ria Schröder, Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen. | Foto: dpa

Der Blick zum Parteitag nach Berlin: Im Duell mit Hahn erlitt Nadja Hirsch, 40 Jahre alt, seit 2009 im EU-Parlament, eine krachende Niederlage (21 Prozent). Hirsch hatte zuvor Spitzenkandidatin Beer für ihre Kontakte zu Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban kritisiert. Dafür wurde sie von den Mitgliedern abgestraft, ein bestelltes Feld für Hahn. „Sie war gewollt und hat ihre Chance genutzt“, sagt eine Teilnehmerin des Parteitags. Hahns klarer Sieg gegen Hirsch, den manche als „Dynamik des Parteitags“ bezeichnen, sieht die Teilnehmerin als vorbestimmt. „Es war klar, dass man Nadja Hirsch nicht will, dafür eine Frau der Jungen Liberalen.“

„Hochschulpolitik ist das härteste Pflaster“

Die bei den Mitgliedern beliebte Marie-Agnes Strack-Zimmermann gab den Vize-Posten der Partei für die Spitzenkandidatin Beer auf. Die möchte das neue Stellvertreteramt für den Europawahlkampf nutzen. In ihrer Rede in Berlin schaffte sie es, Strack-Zimmermann nicht zu danken. „Ungeschickt“ ist noch eines der netteren Worte, die am Rande des Parteitags fielen. Auch die in Berlin beschlossenen „Zielvereinbarungen“, von manchen als „Frauenquote light“ betitelt, sind ein Störfeuer.

Aus all dem scheint Hahn aber unbeschadet hervorgekommen zu sein. „Meine Art, Politik zu machen, passt gut zusammen mit der Zeit, die wir europapolitisch haben“, sagt sie. Sie sei eher der „Brückentyp“, kennt aber auch das Geschäft mit dem Ellenbogen. Als Geschichtsstudentin engagierte sich die 29-Jährige für die Liberale Hochschulgruppe, eine Studentin rief ihr „kapitalistische Hure“ zu. „Hochschulpolitik ist das härteste Pflaster, auf dem man trainieren kann“, sagt Hahn. Die Erfahrungen sollen ihr im EU-Parlament helfen, auch die als Vorsitzende der European Liberal Youth. Und doch wird sich Hahn im Parlament beweisen müssen. Während Teuteberg beim Parteitag die Mitglieder mit ihrer Rede begeisterte, blieb es um Hahn ruhiger. „Sie wirkte wie eine Schülersprecherin“, sagt eine Delegierte. „Sie muss reifer werden. Aber sie ist noch sehr jung. Wenn sie kein Talent wäre, hätte es sie nicht so weit geschafft.“

Erst ein Schnaps, dann ein Gespräch über Europa

Ab 6 Uhr morgens koordiniert Hahn das PR-Team eines großen Schreibwarenherstellers, dann geht es um die FDP. Wenn sie über Freizeit, ihr selbst gemachtes Käse-Soufflé oder das Gewichtheben spricht, klingt es fern. Yoga in Hotelzimmern, Social Media aus dem Zug heraus und Termine in vielen Bundesländern sind momentan ihre Realität. Hahn mag die ungewöhnlichen Wahlkampfauftritte. Townhall, wo Politiker umkreist von Bürgern Fragen beantworten. Eine Kneipentour, bei der sie Schnäpse verteilt. Ein nächtlicher Wahlkampfstand, um bei einem Bier mit jungen Menschen über Europa zu sprechen. „Über Europapolitik reden wir leider nur vor den Europawahlen.“ In 32 Ländern, hatte sie für ihre Rede in Berlin zusammengezählt, war sie schon und hat über Europa gesprochen.

„Mein Europa ist Begegnung mit jungen Menschen“, sagt sie, das Positive müsse betont werden. Gegen Orbans Politik habe sie schon protestiert, möchte aber eher die Bemühungen der liberalen Schwesterpartei in Ungarn hervorheben. Die Hamburgerin spricht über Jugendarbeitslosigkeit („das Schlimmste, das einer Gesellschaft passieren kann“), Kevin Kühnert („geht dahin, wo es weh tut“), und das Bild von profitgierigen Kapitalisten („geht an der Realität vorbei“), ehe sie das erste Mal wütend wird. Urheberrecht, Artikel 11 und 13. Justizministerin Katarina Barley (SPD) habe die EU-Reform zu Wahlkampfzwecken abgelehnt „und dann klammheimlich durchgewunken. Da fühlen sich junge Menschen von der Politik verarscht.“ Die Abstimmung über Änderungsanträge war mit fünf Stimmen abgelehnt worden. „Es gibt kein besseres Beispiel dafür, dass jede Stimme zählt“, sagt Hahn.

Die jüngste Umfrage sieht die FDP bei sieben Prozent, das wäre ein Sprung im Vergleich zur Wahl 2014 (3,4 Prozent). Insgeheim hoffen manche Liberale auf zwölf Prozent, rechnen aber realistischerweise mit acht. Für Hahn würde es reichen. Eine positive Nachricht erreichte sie schon vor einem halben Jahr per SMS. Das syrische Mädchen schrieb. Es lebt mittlerweile in Dänemark.