Putin-Fan Timati posiert mit dem russischen Präsidenten. Foto: AFP

„Moskwa“ auf YouTube

Knapp 1,5 Millionen Dislikes für Musikvideo von Pro-Putin-Rapper Timati

Anzeige

Das nächtliche Glühen der Glastürme im Geschäftsviertel „Moscow City“, das warme Sonnenlicht auf den weißen Kolonnen des Bolschoi-Theaters, die bunten Zwiebeltürme der Basilius-Kathedrale am Roten Platz: Das vom russischen Rapper-Duo Timati und Guf produzierte Musikvideo „Moskwa“ (Moskau) wirkt visuell wie ein attraktiver Profi-Werbeclip für Tourismus in der russischen Millionenmetropole. Doch der Text des Songs hat es in sich.

Er ist eine Liebeserklärung an eine „harte Stadt“, die „keine Schwulenparaden duldet“, gesungen von einem „Moskowiter der fünften Generation“, der keine Demonstrationen besucht und keine „schwachsinnigen“ Forderungen erhebt, womit sicher die jüngsten oppositionellen Proteste gegen die Moskauer Machthaber gemeint sind.

Zudem loben die Musiker offen den umstrittenen Bürgermeister Sergej Sobjanin, zu dessen Ehren sie im Song „einen Burger hinunterschlingen“.

Mehr zum Thema: Scharfe Kritik an Russland-Wahl – Stimmungstest für Putin

Platz 30 der meistgehassten Musikclips

Dass die mit hohem Aufwand produzierte Hip-Hop-Nummer am 7. September und damit einen Tag vor der umkämpften Kommunalwahl in Moskau im Internet veröffentlicht wurde, war sicher kein Zufall. Nur ging die ungenierte Wahlwerbung für die von der kreml-treuen Partei „Einheitliches Russland“ politisch kontrollierte Hauptstadt voll nach hinten los.

Mit 1,48 Millionen „Dislikes“ – das sind die „Daumen-nach-unten“-Zeichen auf YouTube – stieg der Song „Moskwa“ laut Wikipedia binnen drei Tagen auf Platz 30 in der Liste der meistgehassten Musikclips aller Zeiten. Die Zahl wäre vermutlich noch höher, wenn die alarmierten Rapper das Video nicht kurzerhand aus dem Netz entfernt hätten.

Mehr zum Thema: Raketenunfall bei Sewerodwinsk – Rätselraten um Russlands „Skyfall“

Rapper Timati entschuldigt sich auf Instagram

„Ich bin über das Ziel hinausgeschossen und wollte keinen beleidigen“: Timatis Entschuldigung auf der Plattform Instagram war nicht überzeugend, und sie kam vor allem viel zu spät, um in einem Sturm der Entrüstung noch irgendwie die Wogen glätten zu können.

Im russischen Netz wird nun wild darüber spekuliert, wie viel Geld die beiden Rapper von der Kreml-Partei für ihre Werbedienste erhalten haben könnten.

Musiker Noize stellt sich gegen Timati und Guf

Nach Medienberichten wollen manche Bars in Russland nun weder „Moskwa“ noch andere Songs von Timati und Guf jemals wieder spielen.

Und es gibt bereits eine musikalische Antwort auf das Problemvideo: In seinem Clip schimpft der russische Rapper Noize über korrumpierte Politiker wie sadistische Polizisten an und zeigt unter anderem ein Gemälde mit einem Berg von Schädeln, untermalt mit einer Tonaufnahme von Präsident Wladimir Putin. Noizes Protestsong sammelte im Netz an einem Tag mehr als 300.000 zustimmende Reaktionen und nur etwa 4.000 „Dislikes“.

Timati veröffentlichte bereits 2015 eine Lobeshymne auf Putin

Seit Putins Machtübernahme im Jahr 2000 übten einzelne russische Künstler und Musiker immer wieder harte Kritik am autoritären Kremlchef, allerdings schienen die Russen früher für Lobeshymnen auf die „harte Hand“ im Kreml empfänglicher zu sein.

So trällerte das Land 2002 begeistert den Propaganda-Hit „So einer wie Putin“ der Band „Pojuschije wmestje“, der die „coole“ Männlichkeit des Präsidenten pries, der „weder trinkt noch raucht und immer Blumen schenkt“.

Der Song war eigentlich als Satire gemeint – doch die zahlreichen Fans des Staatschefs nahmen die maßlose Lobpreisung gerne wörtlich. Auch Timatis Musikvideo „Mein bester Freund (ist Präsident Putin)“ mit den Zeilen „sein Land steht hinter ihm, er ist ein Superheld“ kam 2015 in Russland sehr gut an.

Mehr zum Thema: Putin 20 Jahre an der Macht

Putin bezeichnet Timati als „wunderbaren Künstler“

Das blieb im Kreml natürlich nicht unbemerkt, weswegen Putin den Rapper 2018 in einer nationalweit übertragenen Live-Fragestunde im Fernsehen hochzufrieden als einen „tollen Menschen und einen wunderbaren Künstler“ bezeichnete.

Zuvor zeigte sich der Kremlchef neben Timati auf einem Instagram-Bild, beide Männer lächelten und hielten für den Fotografen die Daumen nach oben. Eine politische Werbebotschaft, die es so wohl nicht nochmal geben wird.