Umstritten: Sollen gesetzliche Krankenkassen pränatale Bluttests zur Bestimmung von Trisomie 21 künftig übernehmen? Kritiker fürchten einen Anstieg der Schwangerschaftsabbrüche.
Umstritten: Sollen gesetzliche Krankenkassen pränatale Bluttests zur Bestimmung von Trisomie 21 künftig übernehmen? Kritiker fürchten einen Anstieg der Schwangerschaftsabbrüche. | Foto: Patrick Seeger/dpa

Offener Brief an Angela Merkel

Baden-Badens Behindertenbeauftragte: Down-Syndrom-Tests sollen keine Kassenleistung werden

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Sollen pränatale Bluttest für Trisomie 21 (Down-Syndrom) von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden oder nicht? Diese Frage konnte bislang nicht beantwortet werden, die Debatte hält weiter an. Auch die Behindertenbeauftragte Baden-Badens, Beate Wirth, hat sich daran beteiligt. In einem offenen Brief unter anderem an Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie an die Fraktionsvorsitzenden verschiedener Parteien fordert sie, die Übernahme als Kassenleistung zu verhindern.

Anlass für den Brief war eine öffentliche Debatte im Bundestag. Im Kern geht es um die Frage, ob ein nicht invasiver Bluttest auch für gesetzlich Versicherte übernommen werden soll oder nicht.

Die Bluttests, mit denen sich durch Rückstände fötaler DNS im Blut der Mutter beim Ungeborenen die Trisomien 21, 13 und 18 feststellen lassen, sind bereits seit Anfang der 2010er Jahre auf dem Markt. In Deutschland sind sie aber eine sogenannte Igel-Leistung, müssen also von den Versicherten selbst bezahlt werden. Einige private Krankenkassen übernehmen die Kosten.

Betroffene Kinder könnten als „vermeidbar“ angesehen werden

Beate Wirth ist überzeugt, dass man diese Debatte nicht losgelöst von ethischen Fragen führen kann. Stimmt die Gesellschaft einer Übernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen zu, in die alle einzahlen, so setzt sie damit auch ein Zeichen, dass sie auf das Leben von Kindern mit diesem Gendefekt keinen Wert lege, so Wirth.

Eltern von Babys mit Down-Syndrom könnten in Rechtfertigungsnot kommen, betroffene Kinder als „vermeidbar“ angesehen werden. Wirths eigener Sohn kam ebenfalls mit Down-Syndrom zur Welt. Der heute 35-Jährige ist sehr musik- und sportbegeistert, erzählt Wirth, und besitzt ein außergewöhnliches Einfühlungsvermögen.

Sie selbst habe sich in der Schwangerschaft bewusst gegen diagnostische Maßnahmen entschieden. Trisomie 21 sei keine Krankheit, betont sie, sondern eine genetische Anomalie, bei denen die Kinder durchaus lebensfähig seien.

Der Mensch ist nie perfekt

Selbst eine Einschränkung auf Risikoschwangerschaften sende das falsche Signal. Der Anspruch, Gendefekte auszuschließen, sei gefährlich. „Wo fangen wir an? Und vor allem: Wo hören wir auf? Es geht in dieser Frage auch um unser Menschenbild. Der Mensch ist nie perfekt, aber jedes Leben sollte mit Würde behandelt werden.“

Schwangerschaftsabbrüche in Baden-Württemberg rückläufig

Ungefähr 110 000 Schwangerschaftsabbrüche werden pro Jahr durchgeführt, in Baden-Württemberg waren es im vergangenen Jahr rund 9 000, insgesamt sind die Zahlen rückläufig. Nur vier bis fünf Prozent davon seien medizinisch indiziert, sagt Michael Wannenwetsch, leitender Oberarzt für Geburtshilfe und Pränataldiagnostik im Klinikum Mittelbaden in Balg. Die übrigen Abbrüche seien meist die Entscheidung der Mutter.

Auch Christiane Klein vom Landratsamt Rastatt kann bestätigen, dass eine pränatale Diagnose selten der Grund für eine Abtreibung ist. Sie ist für die Schwangerenkonfliktberatung zuständig, ihre letzte Beratung zu pränataldiagnostischen Problemen liege bereits zwei Jahre zurück. Das Thema sei so gut wie nicht präsent. Drei bis fünf Prozent aller Kinder werden behindert geboren, Trisomie 21 ist dabei nur ein Defekt von vielen.

In der Schweiz, wo Wannenwetsch drei Jahre lang praktizierte, ist der Bluttest bereits seit 2015 Kassenleistung. Nach der Einführung des Tests gab es einen leichten Anstieg der Schwangerschaftsabbrüche, seit 2016 sinken die Zahlen wieder. Wannenwetsch geht davon aus, dass auch in Deutschland weiter Kinder mit Down-Syndrom geboren werden. „Ich kenne einige Paare, die die Schwangerschaft trotz des Wissens um die Behinderung ihres Ungeborenen fortgeführt haben“, sagt der promovierte Arzt. „Diese Paare wollten einfach vorbereitet sein.“

Arzt kann Kritik an Übernahme durch Krankenkassen nicht nachvollziehen

Bei seinen eigenen Kindern hat auch er auf genetische Tests verzichtet. Die Kritik an der Übernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen kann er nicht nachvollziehen. „Wir haben zum ersten Mal in der Geschichte die Möglichkeit, eine invasive Methode gegen etwas auszutauschen, das für das Kind nicht gefährlich ist. Nicht der Geldbeutel sollte darüber entscheiden, ob eine Schwangerschaft gefährdet wird oder nicht.“

Dennoch plädiert er dafür, dass der Bluttest nur im Rahmen eines Ersttrimester-Screenings sinnvoll ist und rät werdenden Eltern, sich nicht allein auf den Bluttest zu versteifen. „Trisomie 21 ist nicht die einzige Behinderung, mit der ein Kind zur Welt kommen kann. Ein fehlender Arm oder ein fehlendes Bein lässt sich auch mit dem Bluttest allein nicht feststellen.“