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Baustellen in Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik

Baden-Württemberg der Zukunft: Musterländle 4.0 oder das Ruhrgebiet der 2020er Jahre?

Es wird eine Zeit kommen, in der Corona nicht mehr das Hauptthema der Landes-Politik sein wird. Schon jetzt beschäftigt man sich in Stuttgart mit der Wirtschafts- und der Arbeitsmarktpolitik, den großen Baustellen der nächsten Jahre.

Mitarbeiter der Porsche AG montieren im Hauptwerk einen Porsche 911. (Zu dpa Folgen der Coronavirus-Krise überschatten Porsche-Bilanz") +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: Marijan Murat/dpa

Stefan Wolf hatte den Wandel schon früh im Blick. Als er vor 24 Jahren beim Automobilzulieferer ElringKlinger in Dettingen an der Erms (Kreis Reutlingen) angefangen hat, machte die Firma noch über die Hälfte ihre Umsatzes mit Zylinderkopfdichtungen, einem klassischen Teil für den Verbrennungsmotor.

Die ElringKlinger AG ist auf diesem Feld Weltmarktführer, Wolf seit 16 Jahren der Vorstandsvorsitzende. Heute liegt der Anteil der Zylinderkopfdichtungen bei elf Prozent des Gesamtumsatzes, dabei ist die Stückzahl höher als vor 24 Jahren.

Das Unternehmen ist aber in anderen Bereichen noch stärker gewachsen, weil Wolf das Portfolio verbreitert hat.

„Wir haben uns schon sehr früh gefragt: Was passiert mit dieser Firma, wenn die Elektromobilität an Fahrt gewinnt? Die Antwort war: Eine Zukunft haben wir nur, wenn wir Alternativprodukte entwickeln.

So sind wir schon vor 20 Jahren in die Brennstoffzelle und vor etwa 15 Jahren in den Bereich Batteriekomponenten eingestiegen“, erzählt Wolf, der auch Chef des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall ist. „Heute sind wir einer der ganz wenigen Zulieferer, der komplette Brennstoffzellenstacks, die optimal auf die jeweiligen Systemumgebung eingestellt sind, aber auch komplette Batterie-Module liefern kann. Insofern sind wir da schon gut aufgestellt.“

Aber ist es auch die komplette Branche – und mit ihr der Standort? Und wenn nicht: Was kann eine Landesregierung tun, um Verwerfungen zu verhindern?

Strukturwandel soll kommen

Noch bestimmen Corona und die wirtschaftlichen Folgen der Krise die öffentliche Debatte. Für Wirtschaftswissenschaftler, Arbeitsmarktexperten, Arbeitgeber und Gewerkschafter aber ist klar: Unabhängig von der Pandemie steht das Land vor immensen Herausforderungen und die Politik vor kniffligen Hausaufgaben.

Baden-Württemberg, sagt Achim Wambach, sei bei Forschung und Entwicklung im Ländervergleich vorne dabei, und der Südwesten habe einen gesunden Mix an Unternehmen und Branchen.

„Darauf darf sich eine Landesregierung aber nicht ausruhen. Denn jetzt kommt der Strukturwandel und den muss sie annehmen und mitgestalten.“ Wambach leitet das ZEW in Mannheim, eines der führenden europäischen Wirtschaftsforschungsinstitute.

Die Corona-Krise, sagt der Wissenschaftler, habe gezeigt, „wie notwendig es ist, die Digitalisierung voranzutreiben. Sie hat aber auch klar offengelegt, wo Baden-Württemberg im europäischen Vergleich Defizite hat – nämlich beim Breitbandausbau. Da laufen wir hinterher, insbesondere in den Bereichen, in denen das Land Verantwortung trägt: Schule, Verwaltung, der Gesundheitssektor.“

Das sei „eine Mammutaufgabe“, die die nächste Landesregierung lösen müsse, damit der Standort den Strukturwandel, der das Land besonders stark fordere, gut bewältigen könne.

Wird Stuttgart das Detroit am Neckar?

Dass das auch schiefgehen kann, weiß DGB-Landeschef Martin Kunzmann aus seiner Heimatstadt Pforzheim. „Ich habe erlebt, wie die Schmuck- und Uhrenindustrie gestorben ist.“ Vor 20 Jahren habe sie in Pforzheim rund 20.000 Menschen eine Beschäftigung garantiert, jetzt seien es noch 1.800. Kunzmann sieht das Land gefordert, diesmal rechtzeitig gegenzusteuern.

Kai Burmeister, der bei der IG Metall für die Autobranche zuständig ist und 2022 Kunzmann an der DGB-Spitze beerben soll, sagt: „Wir brauchen konkrete Transformationspläne und regionale Bündnisse für unsere industriellen Kerne. Wir müssen eine schleichende De-Industrialisierung verhindern.“.

Burmeister sieht den Standort am Scheideweg. „Der Wohlstand Baden-Württembergs ist ohne die Autoindustrie nicht denkbar. Ob Baden-Württemberg seine industrielle Stärke bewahren kann oder ob sich Stuttgart zum Detroit am Neckar entwickelt und Baden-Württemberg das Ruhrgebiet der 2020er Jahre wird, entscheidet sich in den kommenden Jahren.“

Detroit steht als Synonym für den Niedergang der US-Autoindustrie und den Verlust vieler Arbeitsplätze. Es ist ein extremes Bild, manche, wie ZEW-Chef Wambach, halten es für überzeichnet.

Als Chef der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit hat Christian Rauch die Entwicklung auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt stets im Blick. Die Zahlen gelten als Seismograf für Entwicklungen, Rauchs Analyse ist in diesen Zeiten gefragter denn je. „Detroit am Neckar? Ich halte das nicht für völligen Humbug.“

Im Großraum Stuttgart hängen Rauch zufolge 40 bis 50 Prozent der Arbeitsplätze am Automobil. Aber die Produktion eines Elektromotors erfordere weniger Arbeitskräfte als die Produktion eines Verbrenners. „Dazu kommt: Die Transformation führt auch zur Verlagerung von Niedriglohnarbeitsplätzen ins Ausland.

In einem Szenario, in dem sich diese beiden Trends verstärken, würde das Wohlstandsniveau Baden-Württembergs massiv beeinträchtigt werden. Diese Herausforderung gilt es zu bewältigen.“

Auch der Arbeitsmarkt verändert sich

Schon jetzt prognostiziert Rauch, dass der Südwesten bei den Arbeitslosenzahlen nach der Pandemie, die vor allem Teilbereiche wie den Handel stark trifft, nicht auf das Traumniveau von 2018 zurückkehren wird.

Dafür habe sich der Arbeitsmarkt aufgrund des Strukturwandels im Automobilsektor und dem Maschinenbau schon vor der Pandemie zu deutlich eingetrübt. 2018 verzeichnete das Land im Jahresschnitt eine Arbeitslosenquote von 3,2 Prozent. Im Januar 2021 lag sie bei 4,5 Prozent.

„Tendenziell wird die Bedeutung der Dienstleistungs- und der Gesundheitsberufe wachsen. Dafür wird der industrielle Sektor weiter an Bedeutung für den Arbeitsmarkt verlieren. Mit diesem Szenario muss die Politik kalkulieren“, sagt Rauch. Das müsse in Summe keine Arbeitsplätze kosten.

„Aber wenn man den Hochlohnberuf in der Autobranche mit einem Handwerker oder einem Pfleger vergleicht, dann reden wir über Lohnabschläge von 20 bis 40 Prozent. Wenn den Haushalten aber weniger Geld zur Verfügung steht, wirkt sich das auch auf Bereiche wie den Handel oder die Gastronomie negativ aus.“

Investitionen in Köpfe statt in Technik

Als ein zentrales Betätigungsfeld für die nächste Landesregierung sehen die Experten unisono die Aus- und die Weiterbildung. „Der Strukturwandel kann nur gelingen, wenn man nicht nur in die Technik, sondern auch in die Köpfe investiert. Das betrifft Bildung und Ausbildung, aber eben auch die Weiterbildung“, sagt Rauch.

Angesichts der tiefgreifenden Transformation kann er sich vorstellen, dass Ausbildungsstrukturen auch „mithilfe staatlicher Unterstützung“ aufrecht erhalten werden. Der Arbeitgeberverband wünscht sich für die kommende Legislaturperiode von der Politik „die Schaffung von regionalen Beschäftigungs- und Qualifizierungsplattformen“.

Denn während ein Teil der Unternehmen Fachkräfte suche, könnten andere in der Transformation nicht allen Beschäftigten eine Perspektive bieten. Der DGB fordert, dass das Land jährlich 100 Millionen Euro für die Weiterbildung und Qualifizierung von Berufsgruppen und Firmen einsetzt, die die Transformation besonders trifft.

9.724 Mitarbeiter hat die ElringKlinger AG. Vorstandschef Wolf sagt, er denke, dass die Anzahl die nächsten Jahre stabil bleiben werde, sich aber die Arbeitsprozesse und damit die Arbeitsplätze stark verändern würden.

„Die reine Produktion wird abnehmen, Forschung und Entwicklung, aber auch die Projektsteuerung zunehmen. Die Arbeitswelt bei uns in der Firma wird sich dadurch sehr stark verändern, darauf müssen sich die Mitarbeiter einstellen.“

Derzeit hängen noch rund 85 Prozent des Umsatzes am Verbrenner, doch die Gewichte verlagern sich rasant. „Wir rechnen damit, dass 2024/25 die Umsätze in den neuen Technologien erheblich ansteigen und wir dann in den neuen Bereichen erstmals mehr umsetzen werden als in den klassischen.“

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